Sprachliches Lernen verstehen

Lernen ist eng assoziiert mit sprachlicher Entwicklung. Der österreichische Sprachphilosoph Ludwig Wittgenstein schrieb etwa, dass die Grenzen seiner Sprache die Grenzen seiner Welt bedeuten würden. Sprachliches Lernen meint in diesem Sinne vor allem Horizonterweiterung. Welche Möglichkeiten aber gibt es, den eigenen Horizont zu erweitern? Wie gestalten Lernende sie möglichst nachhaltig? Auf diese Fragen gebe ich in diesem Artikel Antworten. Du wirst erfahren, wie du neues Wissen effizient in deinem Vorwissen verankern kannst, so dass du sinnvoll und nachhaltig lernst.
Sprachliches Lernen

I. Kindliches Sprachlernen
Mit der Erfindung der Kindheit wurde die Vorstellung, dass Kinder kleine Erwachsene seien, zunehmend dahingehend verändert, dass das kindliche Gehirn anders funktioniert als das von Erwachsenen. Das gilt auch für sprachliches Lernen und die Entwicklung der Begriffsbildung. In der kindlichen Sprachentwicklung spielt sie sich innerhalb eines Überlagerungsmodells ab, womit gemeint ist, dass mehrere Ebenen von Begriffsarten sich in der Ontogenese überlappen.

Während des frühen Kindesalters werden zuerst vorsprachliche „Begriffe“, wie sie im zum Beispiel im Lallen vorkommen, gebildet. Im eigentlichen Sprachbeginn tauchen zuerst funktionale Begriffe auf, die sich auf den Verwendungszweck von Objekten beziehen. Objekte werden dadurch in Kategorien wie „x kann in den Mund genommen werden“ eingeordnet. Auf der nächsten Ebene finden sich Begriffe für ähnliche Anschauungen, die sich auf einen Gesamteindruck des Wahrgenommenen beziehen. Beispielsweise steht der Begriff „Hund“ für alle vierbeinigen Tiere; er hat also eine zu große Extension, denn natürlich sind nicht alle vierbeinigen Tiere Hunde.
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Die nächsthöhere Entwicklungsebene ist dadurch gekennzeichnet, dass auf ihr so genannte Basisbegriffe repräsentiert sind. Es sind solche Begriffe, die eine mittlere Abstraktion vom Wahrgenommenen erlauben. Es sind die in der Alltagssprache am häufigsten gebrauchten Begriffe, weil sie in vielen Kontexten sinnvoll gebraucht werden können. Beispiele für Basisbegriffe sind etwa „Vogel“ oder „Baum“.
Als nächstes schließen sich die Unter- und Oberbegriffe der Basisbegriffe an:

  • Unterbegriffe des Baumes: Eiche, Ahorn…
  • Unterbegriffe des Vogels: Amsel, Drossel…
  • Oberbegriffe des Baumes: Pflanze…
  • Oberbegriffe des Vogels: Tier…

Bei älteren Kindern kann dann eine andere Art des Begriffslernens beobachtet werden. Sie gehen weniger vom Gesamteindruck aus, sondern schauen sich die Einzelmerkmale von Objekten genauer an. Sprachliches Lernen dieser Art ist ein anderes als das vorherige; und im Unterricht wird dem auch Rechnung getragen. Im Biologieunterricht beispielsweise kann auf Grundlage konkreten Anschauungsmaterials, etwa von blühenden Pflanzen, eine Schemazeichnung erstellt werden, welche die einzelnen Teile eines Objektes wie einer Blume markiert und begrifflich bezeichnet werden.
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II. Sprachliches Lernen und Assimilation
Die Grundidee, dass der Erwerb von semantisch basierten Sachwissens durch sprachliches Lernen erfolgt, lohnt es genauer untersucht zu werden. Sowohl, weil der Vorgang für schulisches und außerschulisches Lernen gleichsam relevant ist als auch deshalb, weil es unterschiedliche Arten des sprachlichen Lernens gibt. Sie unterscheiden sich besonders darin, auf welche Art und Weise das zu Erlernende mit bereits vorhandenem Wissen verknüpft wird. In der Fachsprache gibt es dafür den Begriff der Assimilation, der metaphorisch mit dem Grad der Verankerung neuen Wissens im Vorwissen umschrieben werden kann.

Drei Klassiker, die sprachliches Lernen untersuchen, werde ich nachfolgend vorstellen und erläutern. Es sind:

  1. Regellernen nach Gagné
  2. Sinnvoll-rezeptives Lernen nach Ausubel
  3. Entdeckendes Lernen nach Bruner

1. Regellernen nach Gagné
Diese Art des sprachlichen Lernens ist eine eher mechanische und wenig tief gehende Art des Lernens. Sie ist hier aufgenommen, um sie später abzugrenzen zu solchen Lernarten, die stärker verankernd sind.

Nach Gagné seien Regeln Begriffsketten; und Wissen bestehe aus der Kombination von Begriffen. Der Komplexitätsgrad des Wissens gehe mit der Variation in der Länge von Begriffsketten einher. Sprachliches Lernen bedeute also, Varianten der Begriffsketten zu erlernen.

Betrachten wir an einem Beispiel genauer, was damit gemeint ist, und zwar anhand der Regel „Runde Dinge rollen“:
Um zu begreifen, was es damit auf sich hat, müsse der Lernende folgendes erkennen:

  • Volle Kenntnis des Begriffs „rund“: Rund sind Zylinder, sphärische Objekte, etc.
  • Erwerb des Begriffs „rollen“: im Unterschied zu ähnlichen Begriffen wie „gleiten“
  • Gestaltung einer Lernsituation: Schiefe Ebene + geometrische Objekte
  • Demonstration durch den Lernenden: Nur runde (und nicht eckige) Objekte rollen eine schiefe Ebene hinunter

Das Ziel dieser Art des Lernens ist das Lernen einer Regel. Sie geht über eine bloße verbale Verknüpfung wie „Alle runde Dinge rollen“ hinaus, weil es um das Erlernen einer Beziehung zwischen zwei Begriffen, also dem der „runden Dinge“ und dem des „Rollens“ gehe.

Gagné formuliert das Ziel so:

Die Regel kennen heißt, fähig sein zu demonstrieren, dass runde Dinge rollen, und nicht nur fähig sein, diese Worte auszusprechen. (2000, 133)

Das Regellernen bei Erwachsenen vollziehe sich vor allem durch verbale Unterweisung. Dabei kommt es darauf an, zwischen zwei Begriffen eine semantische Beziehung herzustellen.
Als Beispiel kann der Satz „Insekten machen eine Metamorphose durch“ dienen. Zwar wäre es möglich, das Lernen allein auf die Verknüpfung zwischen diesen Begriffen zu beschränken, aber das wäre recht mechanisch.
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Um ein tieferes Verständnis zu gewährleisten, böte es sich an, die Begriffe genauer zu untersuchen und mit Vorwissen zu verknüpfen:

  • der Begriff „Insekt“ ist ein Eigenschaftsbegriff und kann durch mehrere Abbildungen von Arten wie Maikäfer oder Stubenfliege veranschaulicht werden
  • der Begriff „Metamorphose“ ist ein Erklärungsbegriff und kann durch eine Schemazeichnung der verschiedenen Stadien semantisch angereichert werden

Die Idee dahinter ist, dass durch die Verankerung der Begriffskette „Insekt-Metamorphose“ im Vorwissen ein bloßes Auswendiglernen verhindert werden kann.

Eine wichtige Fähigkeit beim Regellernen nach Gagné besteht darin, Regelhierarchien zu bilden. Diese Fähigkeit basiert wiederum darauf, Realdefinitionen zu gebrauchen. Eine Realdefinition strukturiert Begriffe dergestalt, dass es einen Oberbegriff (Genus proximum) gibt, unter dem Unterbegriffe (Differentia specifica) angeordnet werden können.
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Das Thema habe ich im Artikel Begriffshierarchien ausführlich dargestellt.

Nach Gagné ergebe sich bei einer Anordnung der Lernziele eine Lernstruktur, innerhalb derer Begriffe als Bausteine aufzufassen seien. Besonders für den Chemieunterricht hat er eine solche Lernstruktur veranschaulicht.

Sprachliches Lernen
Das Diagramm macht anschaulich, was es mit dem Konzept der begrifflichen Verkettung und dem Regellernen auf sich hat. Auf der untersten Stufe finden wir je Begriffe, deren Kombination zu höherstufigen Wissen führt, welches letztendlich im Verständnis der Regeln für die Hydrolyse zusammenkommen.

Es kommt in dem Diagramm das induktive Regellernen zum Ausdruck. Allein, es muss gewährleistet sein, dass solches Lernen nicht einzig auf der Verknüpfung von Begriffen basiert, sondern dass diese Begriffe nicht leer seien, also anschaulich gefüllt sind. Dann kann sprachliches Lernen von Regelketten nach Gagné dazu führen, in induktiver Weise die logische Struktur des Wissenserwerbes eines recht komplexen Themenfeldes aufzuzeigen. Dabei erscheinen die einzelnen Schritte als Schritte eines mathematischen Lösungsweges, an dessen Ende der Lernende dazu befähigt sei, die Regeln der Hydrolyse zu verstehen.

2. Sinnvoll-rezeptives Lernen nach Ausubel
Ausubel unterscheidet zwei Dimensionen für sprachliches Lernen. Dadurch wird es möglich, auch das Regellernen nach Gagné einzuordnen und es zu anderen Ansätzen abzugrenzen. Die zwei Dimensionen sind:

  • 1. Dimension: sinnvoll – mechanisch
  • 2. Dimension: rezeptiv – entdeckend

Ausubel versteht einen sinnvollen Lernprozess darin, dass neue Vorstellungen mit bereits vorhandenem Vorwissen verknüpft werden dadurch, dass sie

  • inhaltlich verknüpft werden (nicht als reine verbale Regelkette)
  • zufallsfrei verknüpft werden

Zufallsfreies Verknüpfen meint dabei, dass in der kognitiven Struktur von Lernenden sehr relevante Ideen verfügbar seien, an die neues Wissen angelagert werden könne. Das wird auch als Ankergrund bezeichnet. Der Ankergrund ist die notwendige Voraussetzung für die Herstellung zufallsfreier Verknüpfungen.

Man kann drei Formen zufallsfreier Beziehungen unterscheiden und sie jeweils so nutzen, dass Lernende in einem bestimmten Unterrichtskontext davon profitieren. Es sind die

  1. untergeordnete Beziehung/ Subsumtion
  2. überordnende Beziehung
  3. kombinatorische Beziehung

A) Die untergeordnete Beziehung
Sie findet dann Anwendung, wenn der neue Lernstoff spezieller als das bisherige Wissen ist. Innerhalb der Subsumtion unterscheidet man wiederum in

  • derivative Subsumtion: Lernstoff ist spezifisches Beispiel für einen bereits etablierten Begriff
  • korrelative Subsumtion: Lernstoff erweitert oder modifiziert einen bereits bekannten Begriff

Ein Beispiel für derivative Subsumtion kann wie folgt gegeben werden: Die Lernenden bringen ein Vorverständnis des 3. Artikels des Grundgesetzes, der die Gleichheit aller Menschen vor dem Gesetz beinhaltet, mit. Sie lernen nun, dass Männer und Frauen gleichberechtigt sind oder auch, dass niemand vor dem Gesetz aufgrund von ethnischen, geschlechtlichen… Unterschieden benachteiligt werden dürfe. Das Ergebnis daraus ist, dass diese spezifischen Sätze unter den bereits im Vorwissen vorhandenen Satz eingeordnet werden können.

Ein Beispiel für korrelative Subsumtion ist dieses: Es ist Vorwissen über allgemeine Merkmale einer demokratischen Verfassung vorhanden (freie Wahlen, Gewaltenteilung, etc.). Nun gilt es, Besonderheiten der Verfassung der USA kennen zu lernen. Als Ergebnis werden wichtige Einzelheiten erlernt, die im Vorwissen so noch nicht vorhanden gewesen sind, etwa dass es in der amerikanischen Verfassung die Vormachtstellung des Präsidenten gibt.

B) Die überordnende Beziehung
Immer dann, wenn der neue Lernstoff größer bzw. allgemeiner ist als das vorhandene Wissen, kommt die überordnende Beziehung zum Tragen. Weil der Lernstoff einen höheren Allgemeinheitsgrad hat, kommt es zur Bildung neuer Oberbegriffe.

Sprachliches Lernen

Dadurch, dass die kritischen Attribute der Lernformen erkannt wurden, ist es möglich, sie als Abgrenzungsmerkmale (Differentia specifica) zu nutzen, um einen Oberbegriff (Genus proximum) zu bilden. Die überordnende Beziehung steht also in direktem Zusammenhang zur Anwendung von Realdefinitionen.

c) Die kombinatorische Beziehung
Sie kombiniert die Subsumtion und die überordnende Beziehung miteinander, wodurch es zu Modifikationen vorhandener Wissensstrukturen kommt.

In allen drei Beziehungen kommt es zur Assimilation des neuen Lernstoffes in das Vorwissen. Dadurch ist das sprachliches Lernen nach Ausubel nicht mechanisch, sondern sinnvoll. Zugleich ist es rezeptiv, das heißt dadurch gekennzeichnet, dass zu lernendes Wissen vorgegeben ist und von den Lernenden rezipiert werden soll.

3. Entdeckendes Lernen nach Bruner
Die Grundidee des entdeckenden Lernens nach Bruner ist der Erwerb von Problemlösungsstrategien. Darin kommt der Transferleistung eine wichtige Funktion zu. Als positiver Transfer wird dabei die Fähigkeit bezeichnet, dass früheres Lernen das spätere Lernen fördert. Indem beispielsweise Texte gegliedert und saubere Zeichnungen angefertigt werden, wird ein Lernordner einwandfrei erstellt. Diese Fähigkeit kann später auf andere Fächer übertragen werden. Es kommt dabei vor allem auf das Erkennen der Struktur eines Sachbereichs an.

Was genau ist für die Fähigkeit zur Problemlösung charakteristisch? Wodurch wird Problemlösen ermöglicht? Das sind zwei Fragen, die dadurch beantwortet werden können, indem wir uns die kognitive Struktur der Proaktivität genauer anschauen.
Die kognitive Struktur beim problemlösenden Lernen untergliedert sich in zwei Bereiche:

  • Know-what
  • Know-how

Das Know-what bezieht sich auf Wissen, Kenntnisse und Einsichten, die in Form fundamentaler Regeln formuliert sind.
Das Know-how bezieht sich auf die Techniken des Problemlösens, also auf die

  • Analyse der Problemstellung
  • Formulierung von Hypothesen
  • Prüfung von Hypothesen

Wenn diese beiden Bereiche der kognitiven Struktur zusammenkommen, wird entdeckendes Lernen ermöglicht.

III. Schema der Lernarten
Die vorgestellten Arten des sprachlichen Lernens lassen sich schematisch wie folgt anordnen:
Sprachliches Lernen

Abschließend noch einmal Beispiele für diese Arten des Lernens:

  • Mechanisch-rezeptiv: Telefonnummern einprägen
  • Sinnvoll-rezeptiv: Lehrer behandelt den Kompass und Schüler ordnen die neue Erfahrung unter die gelernten Regeln zum Magnetismus ein
  • Mechanisch-entdeckend: Ein über eine Flamme gestülptes Glas bewirkt, dass die Flamme erlischt; der Lernende staunt nur, ohne dass er die Gründe für diesen Effekt verstünde
  • Sinnvoll-entdeckend: Lernende erhalten Lernmaterialien (Karten, Statistiken, etc.) und entdecken die Regel, dass jede größere Stadt den kulturellen und wirtschaftlichen und verwaltungsmäßigen Mittelpunkt einer Region bildet

Zusammenfassung: Sprachliches Lernen

Sprachliches Lernen ist auf mehrere Arten und Weisen möglich. Sobald sprachliches Lernen mit der Verknüpfung zu bereits vorhandenem Vorwissen geschieht, wird es sinnvoll und nachhaltig. Dann kann sprachliches Lernen dazu führen, dass du komplexe Themenfelder verstehen und bewusst erlernen kannst.

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Jan-Benedikt Kersting

Jan-Benedikt Kersting

Freiberuflicher Bildungscoach bei Creactivity-Solutions
Freiberufliche Tätigkeiten erfordern ein Höchstmaß an Flexibilität und Kreativität. Kombiniert mit fachlicher Kompetenz und Organisationsfähigkeit kann ich auch ihr Projekt ins Internet bringen. Oder sind Sie an Sprachkursen in Englisch und Deutsch interessiert? Dann kontaktieren Sie mich bitte über die Emailadresse: kontakt@bildungsadler.de
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