Familie und Schule als Sozialisationsinstanzen

Im Artikel Soziale Horizonterweiterung habe ich ein sozialökologisches Zonenmodell der Sozialisation allgemein einführend vorgestellt. Als Beispiel für das so genannte Ökologische Zentrum habe ich die Familie angeführt, als eines für so genannte Ökologische Ausschnitte die Schule. In diesem Artikel untersuche ich Familie und Schule als Instanzen der Sozialisation detailliert. Du erfährst, wie wichtig diese Sozialisationsinstanzen für deine kognitive, affektive und sozio-emotionale Entwicklung sind. Wer sich dessen bewusst ist, der kann sein Lernen optimieren, indem an einem konstruktiven Klima sowohl in der Schule als auch in der Familie mitgearbeitet wird.
Sozialisationsinstanzen
Am Beispiel der Familie werden Konstellationen, Rollen und Konflikte erörtert. Es zeigt sich die große Bedeutung der Sozialisationsinstanz Familie für das Wirken in den weiteren, das Zentrum umrundenden, Zonen des sozialökologischen Modells. Mit der Untersuchung gehen Hinweise einher, wie die Familie als Ort der Förderung Heranwachsender noch konstruktiver gestaltet werden kann.

Am Beispiel Schule wird der zentrale Ereignisort der sekundären Sozialisation erörtert. Darin erlernte Verhaltensweisen spiegeln etwa Arbeitsteilung in hoch komplex organisierten Gesellschaften wider. Zugleich wird danach gefragt, ob und wie Schule die wichtigen Entwicklungshilfen überhaupt leisten kann. Welche Merkmale, so die leitende Frage, muss Schule erfüllen, damit sie die sekundäre Sozialisation der SchülerInnen zu fördern imstande ist?

SOZIALISATIONSINSTANZ FAMILIE
In einer strukturellen sozialökologischen Analyse wird die Familie als ein gesellschaftliches Subsystem räumlich und funktional von anderen Systemen wie etwa der Nachbarschaft abgegrenzt. Innerhalb der Familie werden spezifische Beziehungsmuster ausgebildet, die wiederum als Subsysteme oder Koalitionen oder auch Allianzen beschrieben werden können. Dabei ist Familie samt ihrer Untereinheiten kein statisches System, sondern eine dynamisch sich wandelnde und entwickelnde Einheit. Fortlaufend ereignen sich innere und äußere Veränderungen, die sich in Gestalt von Beziehungskrisen (innerlich) oder den Berufswiedereintritt (äußerlich) zeigen können.
Sozialisationsinstanzen
Je nachdem, wann ein Familienmitglied in das System Familie eintritt, hat sie oder er unterschiedliche Erlebnisperspektiven auf die Zustände und Ereignisse in der Familie. Das ist besonders für die unterschiedlichen Perspektiven verschieden alter Familienmitglieder relevant: So hat ein fünfzehnjähriges Mädchen einen anderen Blick auf die Familie als ein sechsjähriges Geschwisterkind oder der 39-jährige Patchwork-Vater. Das zu berücksichtigen, indem sich empathisch in die jeweilige Person hineinzuversetzen versucht wird, ist entscheidend vor dem Hintergrund, ein nicht nur funktionierendes, sondern florierendes System Familie zu generieren und zu pflegen.

Elternrolle
Dabei kommen der Elternrolle naturgemäß entscheidende, da wegweisende, Funktionen zu. Je nachdem, in welcher Konstellation die Elternrolle auftritt, sind unterschiedliche Beziehungsgeflechte möglich, angefangen von zwei leiblichen Eltern über eine Patchworkkonstellation bis hin zu Alleinerziehenden. Der Einfachheit halber spreche ich von der Elternrolle in der Einzahl, damit auf die Tatsache verweisend, dass die Rolle eindeutig ausgeübt und möglichst frei von widersprüchlichen Signalen sein sollte. Zur Elternrolle gehören folgende Funktionen:

  • Aufbau entwicklungsfördernder Beziehungen
  • Pflegeverhalten
  • Erziehung zur Bildung: sozio-emotional, kognitiv, integrativ

Kindbezogene Entwicklungseffekte
Die Art und Weise, wie sich Kinder in der Familie entwickeln, scheint mit drei wesentlichen Subsystemen zusammenzuhängen:

  1. Eltern-Kind-Subsystem
  2. Ehepartner-Kinder-Subsystem
  3. Geschwister-Subsystem

Sozialisationsinstanzen
Nachfolgend erläutere ich die drei genannten Subsysteme genauer, so dass ersichtlich wird, welche besonderen Prozesse sich auf die Sozialisation eines Kindes auswirken und wie sie möglichst optimal gestaltet werden können. Damit einher gehen alle drei oben genannten Funktionen der Elternrolle.

Eltern-Kind-Subsystem
Zwei Verhaltensmuster, die grundlegend die Entwicklung des Kindes beeinflussen, haben sich als wesentlich für dieses Subsystem der Familie herauskristallisiert. Es sind

  1. Responsivität: angemessenes und promptes Reagieren auf kindliche Signale
  2. Wärme: Bekundung positiver Emotionalität

Dabei ist der Weg als Ziel aufzufassen, eine sichere Bindungsbeziehung zu schaffen.

Beim Begehen des Weges kommen Situationen zustande, in denen eine von vier Erziehungsstilen, oder eine Mischung daraus, ersichtlich werden. Die vier Erziehungsstile sind:

  1. Autoritativer Stil: Hohe Anforderungen und emotionale Zuwendung
  2. Autoritärer Stil: Hohe Anforderungen und wenig emotionale Zuwendung
  3. Pessimistischer Stil: Geringe Anforderungen und emotionale Zuwendung
  4. Vernachlässigender Stil: Geringe Anforderungen und wenig emotionale Zuwendung

Unter dem Aspekt einer möglichst umfassenden Förderung des Kindes lassen sich die Stile evaluieren. Dabei kann der autoritative Stil als der optimale Erziehungsstil beurteilt werden, weil darin sowohl eine große sozio-emotionale als auch eine hohe kognitive Förderung und Forderung zum Tragen kommt.
Das basiert auf der Grundannahme, dass wertschätzende Kommunikation die Kinder als gleichberechtigte Gesprächspartner integriert und ihnen zugleich eine Struktur vorlebt, die zu einem Gefühl von Sicherheit und dem Erleben von Kontinuität führt. Auf dieser Grundlage ist eine gelingende primäre Sozialisation möglich, ja sie ist sogar konstituierend in dem Moment, da die Eltern auch selbst über genügend hohe sozio-emotionale und kognitive Kompetenz und Performanz verfügen.

Ehepartner-Kinder-Subsystem
Sozialisationsinstanzen
Je nachdem, wie diese Konstellation beschaffen ist, bilden sich Folgen bezüglich der Sozialisation des Kindes aus. Wenn chronisch-ungelöste Konflikte schwelen, dann können sich erhebliche Konsequenzen für die Entwicklung ergeben, beispielsweise

  • Verhaltensauffälligkeiten besonders dann, wenn das Kind Gegenstand des Konfliktes ist
  • Entwicklungsschwierigkeiten

Auf der anderen Seite sind die Folgen einer harmonischen und emotional warmen Eltern-Kind-Triade diese:

  • die Herausbildung konstruktiver Konfliktlösungen
  • generell positive Entwicklungseffekte

Geschwister-Subsystem
Als drittes Subsystem der Familie fungiert das sich zwischen Geschwistern bildende Verhältnis. Ist dieses Verhältnis von Problemen geprägt, so können bei einem chronischen Geschwisterkonflikt sich Verhaltensstörungen ausbilden. Die positiven Effekte einer wertschätzenden Beziehung zeigen sich in sozial-kognitiver Entwicklungsförderung. Das geschieht etwa durch gegenseitige Unterstützung in belastenden Situationen (Todesfall, Arbeitslosigkeit, Trennung der Eltern, etc.) als auch durch eine Art Tutorium im Problemlösungsverhalten.
Sozialisationsinstanzen
Gesamtsystem Familie
Betrachtet man das System Familie als Ganzes, so lassen sich anhand bestimmter Kriterien die Auswirkungen auf die Sozialisation des Kindes beschreiben. Besonders einflussreich sind die nachfolgenden Kriterien:

  1. Familienklima: es werden Kontrollüberzeugungen, die sich im Grad der Selbstverantwortung äußern, gefördert
  2. Anregungsgehalt: ist entscheidend für die sozio-emotionale und kognitive Entwicklung, was sich in intellektueller Leistungsfähigkeit oder intrinsischer Motivation zeigt
  3. Familienrituale: sind wichtig für das Selbstwertgefühl
  4. Erziehungsstile: beeinflussen den Grad der Selbstständigkeit und die Bildung freier Willensentscheidungen
  5. Familiengeschichten: sie fördern das familiäre Selbstbewusstsein und modellieren das Werteprofil

Sozialisationsinstanzen
Dabei stellt sich heraus, dass besonders so genannte Übergangsphasen kritisch für die Sozialisation sind. Beispielsweise stellt der Übergang von einer Zweierbeziehung zur Elternschaft die Partner vor eine Fülle mehr oder weniger bekannter Erziehungsaufgaben.
Der Übergang von der Kindheit zum Jugendalter, durch die Pubertät eingeleitet, ist mit einem tief greifenden Rollenwechsel nicht nur für die Heranwachsenden verbunden. Auch die Eltern haben sich von der Rolle des Beschützers schrittweise zu verabschieden und müssen ihrerseits nach neuen Rollen Ausschau halten, welche die künftige Beziehung zum Kind tragen sollen.
Als Drittes darf nicht vergessen werden, dass Eltern ihrerseits oft sich in einer Zwischenposition zwischen Kindern und Eltern befinden. Auch das erfordert ein Hochmaß an emotionaler und kognitiver Vermittlungsfähigkeit, welche zum Beispiel das Familienklima oder die Erziehungsstile beeinflussen.

SOZIALISATIONSINSTANZ SCHULE
Am Anfang des Artikels habe ich die Frage nach den Merkmalen, die Schule für erfolgreiche Sozialisation erfüllen müsse, gestellt. Um sie zu beantworten, macht es Sinn, die Institution Schule unter zwei Perspektiven zu untersuchen:

  1. Als Institution zur Vorbereitung auf das Leben in einer komplex organisierten Gesellschaft
  2. In ihrer Wirkung bezüglich der sekundären Sozialisation

Sozialisationsinstanzen
Die Institution Schule soll SchülerInnen auf das Leben in unser arbeitsteiligen Gesellschaft, die hoch komplex organisiert ist, vorbereiten. Dafür sind nicht nur die Ausbildung bestimmter Fertigkeiten oder Kenntnisse vonnöten, sondern es kommt auch der inneren Bildung eine bedeutende Position in den Lehrplänen zu.

Im Schulunterricht werden immer wieder Fragen nach der gesellschaftlichen Bedeutung von etwas oder jemanden gestellt. Etwas oder jemand wird in Bezug auf jemanden oder etwas untersucht, so dass die Relation der Funktionalität zutage tritt. Zudem kommt es darauf an, Rollenerwartungen zu hinterfragen und hinsichtlich ihrer Relevanz für das eigene Repertoire kritisch zu überprüfen. Darin ist die Brücke zur subjektiven Erlebniswelt geschlagen, in der es auf persönliche Bedeutungen ankommt, die auf die Persönlichkeitsentwicklung einwirken.

Schule und Schulunterricht haben außerdem die Aufgabe, bestimmte Verhaltensformen einzuüben. Einerseits kommt es im gesellschaftlichen Beziehungsgeflecht immer wieder zu Situationen oder Konstellationen, die von Konkurrenz und Hierarchien geprägt und auf das Erzielen von Eigenvorteilen hin ausgerichtet sind. Auf der anderen Seite gehört es zu jedem gut strukturierten Unterricht, auch das Beziehungsgeflecht innerhalb der Peer-Group mit einzubeziehen, in dem es auf Anerkennung, Solidarität oder auch Beliebtheit ankommt.
In der Art und Weise, wie diese beiden Seiten im Schulunterricht eingeübt werden, ergeben sich im Verlauf der Zeit bestimmte Verhaltensmuster – Habitus genannt – die bis weit über die Adoleszenz hinaus das individuelle und gesellschaftliche Selbstverständnis der SchülerInnen prägen.

Unter der Perspektive, dass Schule sozialökologisch als Umwelt betrachtet werden kann, zeigt sich Schule als Lebensraum für SchülerInnen und Lehrer. Darin ereignen sich Vorgänge und Rituale, und es bilden sich Gruppen aus, beispielsweise bei Pausenspielen, in Raucherecken, Freundschaftsbeziehungen allgemein, etc.
Veränderungen wirken sich etwa durch Schulreformen wie das G8 aus. Und Einstellungen werden vielfältig vermittelt, sowohl auf einer informellen Hinterbühne (Gewalt, Sexismus, Mobbing versus wertschätzendes Verhalten, freundlicher Umgangston, etc.) als auch in Gestalt der pädagogisch gestalteten Schulkultur bzw. Schulphilosophie.

Wirkungen schulischer Sozialisation
Der Grad des Erfolges von Schule und Unterricht bezüglich der Sozialisation ist aufs Engste und Unmittelbarste mit dem Schulklima verbunden. Es korreliert signifikant (vgl. Scheer 2000) mit dem Erreichen folgender Lernziele:

  • kognitiver Lernziele
  • affektiver Lernziele
  • sozialer Lernziele

Sozialisationsinstanzen
Negativ wirken sich Anonymität oder Disziplin- und Leistungsdruck aus, hingegen positiv ein Klima der Unterstützung, gegen- und wechselseitiger Hilfe und der demokratischen Mitbestimmung. Es gilt im Sinne einer erfolgreichen Gestaltung der Randbedingungen der Sozialisation dafür Sorge zu tragen, in einem Klima des respektvollen Umgangs miteinander zu lernen und zu lehren.

Auch in der Art, wie Schüler etwas untereinander regeln, gestaltet sich das Klima in der Schule. Als sehr bedeutsam haben sich Prozesse des „Aushandelns“ von Konkurrenz- und Gemeinschaftsnormen erwiesen. Das sollten Lehrer aufgreifen und entsprechende Möglichkeiten in ihrem Unterricht etablieren.

Besonders auch Lehrer sehen sich einigen Situationen gegenübergestellt, die das Unterrichtsklima tiefgreifend beeinflussen. Dazu zählen besonders auch Rollenkonflikte, die sich zwischen

  • einenm Bestreben nach Gleichberechtigung und Demokratie
  • und Autorität

bilden können. Im Artikel Soziale Horizonterweiterung gehe ich darauf gesondert ein, da die Lösung solcher Rollenkonflikte mit der Möglichkeit einer sehr intensiven und mehrere sozialökologische Zonen betreffenden Förderung einher gehen kann.

Zusammenfassung: Sozialisationsinstanzen

Als Sozialisationsinstanzen sind die Familie und die Schule vorgestellt worden. Auf dem Weg, ein eigenständiges und einzigartiges Individuum zu werden, durchlaufen Menschen beide Sozialisationsinstanzen. Sie machen darin Erfahrungen, die sich prägend auf ihr weiteres Leben auswirken. Daher ist es besonders wichtig, Eltern und Lehrer auf diese Tatsache hinzuweisen. Wer aktiv in den Sozialisationsinstanzen agiert, der wirkt durch sein Verhalten und sein Handeln auf Heranwachsende ein. Worin förderndes und worin abträgliches Agieren besteht, ist im Artikel vorgestellt worden.

Jan-Benedikt Kersting

Jan-Benedikt Kersting

Freiberuflicher Bildungscoach bei Creactivity-Solutions
Freiberufliche Tätigkeiten erfordern ein Höchstmaß an Flexibilität und Kreativität. Kombiniert mit fachlicher Kompetenz und Organisationsfähigkeit kann ich auch ihr Projekt ins Internet bringen. Oder sind Sie an Sprachkursen in Englisch und Deutsch interessiert? Dann kontaktieren Sie mich bitte über die Emailadresse: kontakt@bildungsadler.de
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