Soziale Horizonterweiterung

Im Artikel Erfindung der Kindheit habe ich beschrieben, dass sich das Konzept der Kindheit im 17. Jahrhundert auszubilden begann. Erst im 20. Jahrhundert entwickelte sich das heutige Verständnis der Kindheit als ein von Erwerbsarbeit befreiter Schutzraum. Dadurch eröffnete sich eine neue Art für soziale Horizonterweiterung von Kindern.
Kinder und Jugendliche sind in der Gruppe der sich entwickelnden Heranwachsenden zusammengefasst. In diesem Artikel behandele ich die Frage, unter welchen sozialtheoretischen Randbedingung sich Heranwachsende entwickeln. Dabei wird sich zeigen, dass mit der Entwicklung ein Sich-Bewegen in und das Erkunden von sozialökologischen Zonen (nach Baacke 2004) einhergeht. Der Begriff soziale Horizonterweiterung, welcher auch für die Bildung ein zentrales Konzept darstellt, erscheint mir dabei direkt mit den Erkundungen verbunden.

Soziale Horizonterweiterung
Bewegung in sozialökologischen Zonen
Dadurch, dass Menschen die sich erweiternden sozialökologischen Zonen in ihrer Entwicklung intuitiv nutzen, um mit der Welt bzw. ihren Umwelten zu interagieren, wächst und reift Weltwissen in Form gemachter Erfahrungen heran. Diese wiederum können die Grundlage bilden für erfahrungsbasiertes Lernen, das nicht rein semantisch, sondern auch autobiografisch im Gedächtnis abgespeichert wird.

Eine solche enge Verflechtung deklarativer Gedächtnissysteme ermöglicht ein sehr intensives und nachhaltiges Lernen, indem neue Inhalte mit bereits vorhandenen Erfahrungen und Wissensbereichen verknüpft werden können. Das ist meine These, die bei all den Ausführungen in diesem Artikel im Hintergrund stets präsent ist.

Der Terminus der sozialökologischen Zonen verbindet die beiden Begriffe „sozial“ und „ökologisch“. Mit dem ersten Begriff „sozial“ wird für gewöhnlich auf die soziale Wirklichkeit referiert, in welcher es andere Menschen gibt, mit denen jemand in Kontakt kommen kann. Der zweite Begriff „ökologisch“ entstammt der biologischen Denkart und meint so viel wie Umwelt samt ihrer abiotischen (unbelebten) und biotischen (belebten) Bedingungen, welche bestimmte Verhaltensweisen verursachen.
Wenn es beispielsweise kalt ist, ziehen wir uns warme Kleidung an. Wenn Menschen zusammenkommen, dann kommunizieren sie notwendigerweise (vgl. Watzlawick: „Man kann nicht nicht kommunizieren“). Beides kann beispielsweise zusammenkommen, wenn zwei Menschen sich an einem kalten Wintertage entschließen, gemeinsam einen heißen Kakao am wärmenden Kaminfeuer zu trinken.

Das Modell der sozialökologischen Zonen
Die Zonen, die es sozialökologisch aufzufassen gilt, sind nach Baacke vier an der Zahl:

  1. Ökologisches Zentrum: Damit ist die Familie und das eigene Zuhause gemeint
  2. Ökologischer Nahraum: Damit ist zum Beispiel die Nachbarschaft gemeint
  3. Ökologische Ausschnitte: Damit sind zum Beispiel die Schule oder auch Einkaufsumgebungen gemeint
  4. Ökologische Peripherie: Damit ist zum Beispiel der Urlaubsort gemeint

Soziale Horizonterweiterung
Dabei ist immer mitzudenken, dass in diesen Zonen je spezifische soziale Kontakte stattfinden, deren Anzahl und Intensität individuell verschieden ist.
In einem Modell können diese vier Zonen räumlich dargestellt werden. Es fällt auf, warum der Begriff der Horizonterweiterung in Verbindung mit diesem Modell sehr sinnvoll ist.
Soziale Horizonterweiterung
In der Forschung geht man davon aus, dass Folgendes für die Entwicklung Heranwachsender besonders förderlich sei:

„Für die kindliche Entwicklung sind dabei solche Personen (als Bestandteil der Umwelt) besonders förderlich, die mehrere verschiedene Rollen in den verschiedenen Zonen innehaben und miteinander zu verbinden wissen.“ (Schneewind 2008)

Anwendungsbeispiel
Diese Aussage finde ich äußerst interessant. Versucht man sie anhand eines Beispiels zu konkretisieren, dann fällt meiner Ansicht nach auf, dass eine Person, die in verschiedenen Zonen unterschiedliche Rollen ausfüllt, zweierlei Eigenschaften mit sich bringt:

  1. Identität als ein und dieselbe Bezugsperson
  2. Heterogenität bzw. Vielfalt in emotional konnotierten Verhaltensweisen

Beides zusammen scheint sowohl Vertrauen zu schaffen als auch ein Gefühl der Verlässlichkeit aufzubauen.
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Beispielsweise könnte mein bester Freund

  • zu Hause ein guter Zuhörer sein, wenn ich von meinen Gefühlen spreche
  • in der Nachbarschaft ein Kamerad etwa beim Fußball spielen sein
  • in der Schule ein anregender Lernpartner sein
  • im Urlaub für eine entspannte Atmosphäre sorgen

Auch ein Lehrer, der in der Schule seine Schüler intellektuell fördert und durch die Organisation und Durchführung einer Schulfreizeit Schülern aus unterschiedlichen Jahrgangsstufen ein gemeinsames Urlaubserlebnis ermöglicht, entspricht der Idee, dass ein und dieselbe Person in unterschiedlichen sozialökologischen Zonen verschiedene Rollen annimmt. Besonders der eine Schulfreizeit organisierende Lehrer sorgt mit seinem Engagement dafür, dass sich der Radius solcher Zonen erweitert und möglicherweise sogar zuallererst die ökologische Peripherie dieses Modells eröffnet.

Indem neue Erfahrungen in weit gefassten sozialökologischen Zonenradien angeregt werden – sei es durch eine Exkursion, einen Wandertag, einen Theaterbesuch in einer entfernten Stadt, eine Skifreizeit, etc. – werden die Teilnehmer in ihrer Umwelterkundung angeregt. Geschieht dies durch die Rollenflexibilität und Kompetenz ein und derselben Person, dann bilden sich, so meine Vermutung, emotionale Netzwerke aus, die eine gewisse Kohärenz zwischen den autobiografischen und semantischen Gedächtnissystemen herstellen und festigen können.

In dieser Hypothese wäre eine Verknüpfung zwischen Sozialwissenschaft und Lernpsychologie hergestellt, welche für eine gesellschaftliche Entwicklung Heranwachsender sehr fruchtbar sein dürfte.
Falls dies zutreffend ist, kann daraus ein ganzheitlicheres Engagement von Lehrpersonen für ihre Schüler abgeleitet werden. Es käme nicht mehr allein auf eine reine Wissensvermittlung an, sondern in mehreren sozialökologischen Zonen der Schüler zu einer wichtigen Bezugsperson, die neben der Rolle des Lehrers auch weitere Rollen ausfüllt, zu werden.

Drohen Rollenkonflikte?
Eine Frage, die sich an dieses Konzept anschließt, dürfte sein, wie sich ins Besondere intrapersonale oder interpersonale Rollenkonflikte vermeiden lassen. Ein Lehrer, der zur Vermittlung des Stoffes einer gewissen Anerkennung als Autoritätsperson bedarf, und ein Freund, der immer zu jemanden steht, erscheinen zuerst einmal schwierig vereinbar.

Bei genauerer Betrachtung allerdings kann man sich die Frage stellen, was einen guten Freund denn ausmacht: Jemand, der offen und ehrlich dir die Meinung sagt, der problemlösungsorientiert und konstruktiv Kritik äußert, hat zum Beispiel meinen vollen Respekt: Ich höre ihm oder ihr wertschätzend zu und versuche, etwas von dem, was ich bekomme, mit meinen Mitteln wieder zurück zu geben.

Dadurch entsteht Kommunikation auf gleicher Augenhöhe, so dass ein Austausch von Ideen oder Meinungen nicht offen zur Schau getragener Autorität bedarf. In einer Demokratie im Unterricht, also einer demokratischen Art und Weise, wie ich mir Unterricht wünsche oder vorstelle, spielen sich genau solche Prozesse ab: Nicht ein steil-hierarchischer Frontalunterricht, sondern ein Unterrichtsgespräch unter Gleichberechtigten kommt dabei heraus, in welchem der Lehrer die Rolle eines beratenden Lernbegleiters innehat. Das hängt eng mit der herrschaftsfreien Kommunikation zusammen.
Ist dieser Status in der Zone der Schule erreicht, so kann der Wechsel in andere Rollen aufgrund einer grundlegenden flachen Hierarchie leichter fallen als es einem herrschend auftretenden Lehrer möglich wäre, der durch einen Rollenwechsel um die aufgebaute Autorität fürchten müsste.

Grundprinzipien
Denkt man das, was ich in diesem Artikel zusammengefasst habe, konsequent weiter, dann entsteht eine Vorstellung von Schule, die mindestens, wie ich meine, auf folgenden Grundprinzipien basiert:

  • Prinzip der herrschaftsfreien Kommunikation: alle Beteiligten sind gleichberechtigt im Diskurs
  • Prinzip der sozialen Bewusstheit: Lehrpersonen müssen sich als Akteure in den unterschiedlichen sozialökologischen Umwelten bewusst sein
  • Prinzip der konstanten und flexiblen Rollenausübung: unterschiedliche Rollen müssen ausgefüllt werden können, ohne innerhalb einer Zone die Rolle zu wechseln
  • Prinzip der Vertrauenswürdigkeit: mit dem Bewusstsein, dass jemand, der in unterschiedlichen Zonen verschiedene Rollen in Personalunion ausfüllt, sehr einflussreich auf die Empfänger einwirken kann, muss eine Art hippokratischer Eid für Lehrpersonen einhergehen, so dass sie ihr Wissen nur zum Wohle der Schutzbefohlenen einsetzen

Soziale Horizonterweiterung
Es kann sein, dass diese Liste noch ergänzt werden muss. Besonders dann, wenn dieses Konzept zu einer größeren Umstrukturierung tradierter Unterrichtsformen führen sollte, müsste aus den Perspektiven der Ethik, der Pädagogik, der Lernpsychologie, der Philosophie und weiterer Wissenschaften über die Ziele und Methoden noch genauer nachgedacht werden. Fürs Erste aber halte ich es für durchaus inspirierend, alternative Konzepte der Lehr-Lern-Interaktion vorzustellen oder auszuprobieren. Es gilt, den verborgenen Ressourcen des Gedächtnisses auf die Spur zu kommen, damit Lernen zukünftig effektiver vonstatten gehen kann.

Der Begriff der Sozialisation
Mit dem sozialökologischen Modell geht die Theorie der Sozialisation einher. Allgemein kann Sozialisation so definiert werden:

„Sozialisation meint die Interaktionen zwischen gesellschaftlicher Umwelten und individuellen Organismen.“ (2012, 157)

wobei es auch eine genauere Definition gibt:

„Sozialisation ist ein Prozess, durch den in wechselseitiger Interdependenz zwischen der biopsychischen Grundstruktur individueller Akteure und ihrer sozialen und physischen Umwelt relativ dauerhafte Wahrnehmungs-, Bewertungs- und Handlungsdispositionen auf persönlicher ebenso wie auch kollektiver Ebene entstehen.“ (Hurrelmann/Grundmann/Walpo 2008, 25).

Im aktuellen Stand der Forschung (Gudjons 2012, 158) konzentriert man sich im Wesentlichen auf vier Aspekte:

  1. auf innerpsychische Verarbeitung sozialer Erfahrungen
  2. auf Umweltgestaltungen durch Akteure
  3. auf Differenzierung der Umwelt (vgl. sozialökologische Zonen)
  4. auf Zusammenhänge einzelner Sozialisationskontexten

Freuds Psychoanalyse
Wenn es darum geht, auf die innerpsychischen Prozesse der Verarbeitung sozialer Erfahrungen zu sprechen zu kommen, dann kommen wir um einen Ausflug in die Psychoanalyse Freuds nicht herum. Sie sei kurz und knapp wiedergegeben: Die Kernaussage der Theorie ist, dass das Unbewusste das zentrale Element im Schichtmodell der Seele sei: Es steuere unbewusst das scheinbar rationale Handeln. Das geschehe, so die Idee, durch sinnlich-emotionale Interaktionen in den psychischen Strukturen. Das ES, worin das Unbewusste im Modell verortet ist, stehe dem ÜBER-ICH mit seinen gesellschaftlichen Internalisierungen entgegen. Zwischen den beiden sei die Ich-Instanz verortet. Es habe zwischen dem unbewussten Triebimpulsen des ES und den Normen und Forderungen des ÜBER-ICHS zu vermitteln. Das Ich kann Stärke durch Identifizierung mit der sozialen und dinglichen Umwelt erlangen.

Ökologischer Ansatz
Der ökologische Ansatz beschreitet den Übergang zu den soziologischen Theorien der Sozialisation. Er basiert auf zwei Prämissen, nämlich dass sich die Umwelt aktiv angeeignet werden würde (vgl. Piaget) und dass zweitens die Erfahrungen der Umwelt auf das Bewusstsein zurückwirken (vgl. Sartre). Er gestaltet sich aus, wenn man ihn, wie oben geschehen, mit dem Modell der sozialökologischen Zonen in Zusammenhang bringt. In der Forschung wolle man die Erforschung komplexer und interdependenter „Verschachtelung von sozialisationsrelevanten Systemen […], die die materiellen Faktoren (etwa die Straße…) ebenso einschließt wie die Personen […] mir ihren Rollen und Beziehungen zum Kind, aber auch die Tätigkeiten und ihre sozialen ,Bedeutungen’“ (2012, 165) voranbringen.
Soziale Horizonterweiterung
Speziell in Bezug auf die Sozialisation müssen in einem sozialökologischen Zonenmodell folgende Institutionen mitgedacht bzw. mit eingebracht werden, um es soziologisch anzureichern:

  • Erziehungswesen
  • Sozialwesen
  • Gesundheitswesen
  • Wirtschaft
  • Recht
  • Politik
  • etc.

Dadurch wachse „das entwicklungsfördernde Potenzial eines Lebensbereiches mit der Zahl der unterstützenden Verbindungen zu anderen Lebensbereichen an.“ (vgl. Gudjons 2012). Es ist also nicht mehr nur der Lehrer, der in unterschiedlichen Zonen verschiedene Rollen in Personalunion spielen können müsse, sondern auch der Sozialarbeiter, der Politiker, etc. Sie alle sind Agenten in der Umwelt, mit der der Organismus in reziproken Prozessen interagiert. Die Umwelt ist ein „ineinander verpackte Anordnung von Strukturen“ (vgl. Modell der sozialökologischen Zonen).

Zusammenfassung: Soziale Horizonterweiterung in der Schule

Die soziale Horizonterweiterung der SchülerInnen ereignet sich bereits dadurch, dass sie in die Institution Schule gehen. Darin treten sie mit anderen Personen in Kontakt und interagieren auf viele verschiedene Arten und Weisen. Besonders Lehrer, die auch in den anderen sozialökologischen Zonen zu sinnvollen Rollenwechseln in der Lage sind, üben eine tiefgreifende Wirkung auf die Sozialisation der SchülerInnen aus.

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Gudjons, H. (2012): Pädagogische Grundlagen.
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Jan-Benedikt Kersting

Jan-Benedikt Kersting

Freiberuflicher Bildungscoach bei Creactivity-Solutions
Freiberufliche Tätigkeiten erfordern ein Höchstmaß an Flexibilität und Kreativität. Kombiniert mit fachlicher Kompetenz und Organisationsfähigkeit kann ich auch ihr Projekt ins Internet bringen. Oder sind Sie an Sprachkursen in Englisch und Deutsch interessiert? Dann kontaktieren Sie mich bitte über die Emailadresse: kontakt@bildungsadler.de
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