Selbstständiges Lernen fördern

Von der Art, wie Kinder lernen, können Erwachsene lernen. Sie nehmen leicht Informationen aus ihrer Umwelt auf und verarbeiten die Erlebnisse sehr effektiv. Ihnen fällt das Lernen anscheinend leicht. Das liegt daran, dass sie mit Neugier anregende Umwelterkundungen unternehmen oder an angeleiteten Erprobungen teilnehmen. Indem sie für solche Neugierde gelobt und ihnen Erfolgserlebnisse bewusst gemacht werden, sind sie motiviert, weiter zu lernen. Wenn Aufgaben sinnvoll erscheinen und Spaß machen, zeigen Kinder Aktivität und nicht jene Träg- oder gar Faulheit, die ihnen manchmal in den Medien attestiert werden. Indem selbstständiges Lernen bereits im Kindesalter gefördert wird, kann sich die Basis für lebenslanges Lernen bilden. Selbstständiges Lernen sollte als generelles Lernziel pädagogischer Unternehmungen angesehen werden.
Selbstständiges Lernen
Grundlagen einer gehirngerechten Pädagogik
Nimmt man diese Beobachtungen zusammen, so lassen sich daraus Erkenntnisse für pädagogisches Arbeiten ableiten. Der Forscher Ulrich Herrmann etwa schreibt:

„Alles in allem: eine Pädagogik des Ansporns zur vielseitigen Entwicklung der menschlichen Kräfte […] durch Freude am Erfolg und durch Zufriedenheit über erfahrene Anerkennung – kurzum: eine ,gehirngerechte’ Psychologische Pädagogik der Neugier und des Fleißes, der Ermutigung und der Belohnung, eine erfolgreiche ,Spaßpädagogik’“ (Hermann 2003)

Darin angesprochen sind folgende Punkte, um selbstständiges Lernen zu fördern:

Aus diesem Verständnis tritt eine Pädagogik hervor, die Lernende als individuelle Menschen in den Mittelpunkt stellt, anstelle sie als Gefäße zu betrachten, denen es den Lernstoff einzutrichtern gelte. Aus neurowissenschaftlicher Sicht macht es hochgradig Sinn, Lernen als ganzheitlichen Prozess aufzufassen, durch den es zur plastischen Modellierung vieler miteinander vernetzter Gehirnareale kommt. Dies schreit geradezu danach, Lernen als ganzheitliche Bildung der Persönlichkeit zu begreifen und dabei auf Erkenntnisse sowohl der neueren Gehirnforschung als auch der von klassischen Pädagogen, wie Humboldt einer war, zurückzugreifen.

Entwicklung menschlicher Kräfte
Wenn Humboldt beispielsweise darlegt, dass Pädagogen der inneren Bildung und Reifung der Persönlichkeit genau dann gerecht werden, wenn sie die Entwicklung der menschlichen Kräfte fördern, dann ist damit mehr als reiner Wissenserwerb gemeint. Gemeint damit ist, etwa folgende Vermögen zu trainieren:WICHTIG REMI

  • Verstand
  • Vorstellungskraft
  • Vernunft
  • Phantasie

Es gab in der Geschichte der Pädagogik oder auch der Philosophie Positionen, die strikt zwischen höheren und niederen Erkenntnisvermögen unterschieden haben, so etwa die Rationalisten. Sie wollten die Welt in der Sprache des Verstandes, sonderlich der Mathematik, beschreiben und vollends durchdringen.

Neuere Forschungen aber haben gezeigt, dass Descartes und Co. sich geirrt haben, denn: Lernen und Erkenntnis ist unmittelbar mit Gefühlen und Empfindungen verknüpft, Sprache basiert nicht auf reiner Logik, sondern basiert zu einem guten Teil auf räumlichen Konzepten oder Repräsentationen, usw. Das also, was Geist oder Bewusstsein genannt wird, hängt mit Sinneswahrnehmung und Vorstellungsbildern ebenso zusammen wie mit grundlegenden Gefühlen, hintergründigen Stimmungen oder momentanen Emotionen.
Sie wirken sich zusammen auf das aus, was in der Psychologie Motivation genannt wird.

Lernklima in Lernumwelten
Solches Wissen führt dazu, auch die Begleitumstände des Lernens mehr mit in den Unterricht einzubeziehen. Wie, so könnte eine Leitfrage lauten, kann ein motivationsförderndes Klima in Bildungsumwelten geschaffen werden, innerhalb derer das Lernen gedeihen kann? Ich wähle bewusst Begriffe aus dem Bereich der Ökologie, weil Menschen in vielfältiger Weise mit den abiotischen und biotischen Bedingungen ihrer Umwelten, wie ich sie im sozialökologischen Zonenmodell vorgestellt habe, interagieren.
Selbstständiges Lernen
Gehirngerechte Lernumwelten haben gemeinsam, dass sie die Neugierde zu lernen anregen. Wir haben oben bereits erfahren, dass Kinder besonders aus einer angeborenen Neugierde heraus in ihren Umwelten lernen. Das aufzugreifen und in Lernumweltkonzepte einzufügen, scheint mir sehr erfolgsversprechend zu sein. Sobald nämlich der „innere Schalter“ wieder auf intrinsisch motiviertes Lernen und Handeln aus Neugierde heraus umgelegt wird, ist die motivationale Basis für nachhaltiges und sogar lebenslanges Lernen bereitet.

Es sollte wirklich auch Lehrenden bewusst gemacht werden, dass ihre Aufgabe nicht nur darin besteht, ihren SchülerInnen kurzfristig Lernstoff zu vermitteln. Sondern Heranwachsende sollen dahin gebracht werden, das Lernen zu lernen, also Fähigkeiten und Motivationen auszubilden, die ihnen für weiteres Lernen nützlich sind.

Dabei ist individuelles Lernen eine Voraussetzung für Motivation. Diesem Satz liegt zugrunde, dass der Spaß an gelingender Leistung im Individuum das Belohnungssystem aktiviert. Dadurch werden Verknüpfungen gebildet, die sich auf die interne Bewertung des Lernens nachhaltig auswirken. Sie so zu modellieren, dass der intrinsisch motivierte Spaß am Lernen sich generalisiert, ist der Königsweg zum lebenslangen Lernen.
Selbstständiges Lernen
Natürlich ist es nicht immer leicht, Heranwachsende davon zu überzeugen, wie wichtig eine solche generelle Lernfähigkeit sich anzueignen tatsächlich ist. Im Lernprozess werden vielseitige Erfahrungen im menschlichen Gehirn vernetzt, zu der natürlich auch das jeweilige Umfeld des Lernens gehört. In einer Lernumgebung, in der Mitarbeit durch Wertschätzung und Lob positiv verstärkt wird, kann Lernen gedeihen.
Hingegen kontraproduktiv wirken sich eine Atmosphäre der Isolation oder Angst aus: Mobbing oder Prüfungsängsten gilt es Einhalt zu gebieten. Anstelle dessen wäre es mehr als einen Versuch wert, Unterricht konsequent demokratisch zu gestalten. Wer sich demokratisch verhält, dem sollte entsprechend auch Anerkennung zukommen, was wiederum zur Ausbildung eines ethischen Normbewusstseins und zu mehr Zufriedenheit führt.

Rahmenbedingungen gehirngerechten Unterrichts
Als Rahmenbedingungen eines dergestalt förderlichen Lernklimas erweisen sich einige Faktoren, die ich nachfolgend vorstelle. Im Grunde kann gesagt werden, dass es sich genau dann am besten lernt, wenn Lernende sich in einem Flow-Erlebnis befinden.
Selbstständiges Lernen
Jeder von uns hat das wohl schon selbst erlebt: Sobald wir uns für jemanden oder etwas wirklich interessieren, tauchen wir ein in einen Bewusstseinszustand, in dem die Zeit zu fliegen scheint. Mit voller Aufmerksamkeit konzentrieren wir uns darauf, fühlen uns sicher und aufgehoben in der Situation und haben Spaß an interagierender Kommunikation.
Solche Zustände sind es, in die sich besonders Kinder leicht begeben können, sobald sie spielen oder sich mit einem Thema beschäftigen. Ein Unterricht in einer gehirngerechten Lernumgebung ermöglicht es Lernenden, in solche Flow-Zustände zu gelangen.

In den jeweiligen Situationen herrscht keine Atmosphäre der Dominanz oder des Tadels vor. Im Gegenteil, es dürfen Fehler gemacht werden, weil aus Fehlern zu lernen dem Lernen insgesamt förderlich zugute kommt. Angeregt werden sollte das selbsttätige Problemlösen, positive Gefühle gehören ebenso wie ehrlich-konstruktives Feedback dazu. Viele Möglichkeiten zum Wiederholen und Üben unterstützen das Gehirn beim Lernen, um komplexe mentale Repräsentationen zu konstruieren. Durch Wechsel zwischen Anspannung und Entspannung, sprich Phasen konzentrierten Arbeitens und kleinen Pausen, kann die Aufmerksamkeit hoch gehalten werden.
Selbstständiges Lernen
Dabei ist zu beachten, dass jeder Mensch individuelle Voraussetzungen mit bringt: Der eine kann länger als ein anderer Schüler lernen, manche lernen schneller als andere, etc. In einer Pädagogik, die auf Lernende als Individuen eingeht und Fortschritte in einem relativen Bezugssystem des Einzelnen verortet, würde einen entscheidenden Schritt in intensiver Förderung der jungen Generation leisten.

Wenn sie sogar soweit ginge, individuell bestimmte Lernzeiten zu berücksichtigen, also die jeweiligen Hochphasen im Biorhythmus der SchülerInnen, dann wäre Schule auf dem Weg des gehirngerechten Lernens. Diesem Vorschlag liegen Erkenntnisse der Lernforschung zugrunde, die darlegen, dass „Dauerlernen“ nur zu einer Kurzzeitspeicherung führe, wohingegen es der Konsolidierung zuträglich sei, bedeutungsvolle Pausen einzulegen und den Lernstoff in sequentieller Abfolge zu bearbeiten.

Plädoyer für selbstbestimmtes Lernen
Das ist ein großer Entwurf. Ich finde, er klingt gut. Zwar wird er sich nicht überall von jetzt auf gleich verwirklichen lassen. Aber von heute auf morgen könnten zumindest die Grundlage dafür geschaffen werden, indem so wenig wie möglich Frontalunterricht gegeben wird.

Stattdessen sollte das Unterrichtsgespräch, wohl auch die Projektarbeit, mehr gefördert werden mit dem Ziel, SchülerInnen zu eigentätigem Lernen anzuleiten. Sie befinden sich auf dem

„Weg der intellektuellen Operationen von der Anschauung zum Begriff, vom manuellen zum gedanklichen Tun, wenn ein junger Mensch die Welt erkundet“ (Hermann 2006, 10).

Lernende müssen diesen Weg selbstständig gehen, was der Grund für mein Plädoyer für selbstständiges Lernen so deutlich ausfällt. Lehrende, die einen Weg bereits gegangen sind, können ihrerseits den Schülern zwar das eigene Gehen nicht abnehmen, aber Bedingungen in Lernumwelten generieren, die SchülerInnen dazu motiviert. In welcher Gestalt das geschehen könnte, erfährst du beim Weiterlesen.

Rolle der Lehrenden
Einer Methodik nach Hebart sind folgende Vorschläge für Lehrende entnommen: Infotafel.001

  1. Sachverhalte klar und verständlich darstellen
  2. Zusammenhänge verständlich machen
  3. Vertiefung
  4. Schülern das Urteilen, Bewerten und Differenzieren ermöglichen
  5. Lernstoff klassifizieren, in größere Zusammenhänge eingliedern
  6. Gelerntes anwenden und transferieren

Wer es schafft, seinen Unterricht so zu gestalten, der wird die Schüler ganzheitlich fördern und gründlich auf kommende Aufgaben in der Gesellschaft vorbereiten. Darin klingen Konzepte der Reformpädagogik an, in welcher der Schüler in seinem Erleben, Verhalten und Handeln in den Fokus der Pädagogik gerückt ist.
Die Grundidee, einen jungen Menschen auf dem Weg zu einem aktiv handelnden Demokraten, einem mündigen Bürger, zu begleiten, ist dabei verbunden mit einem allgemeineren Axiom des sozialen Miteinanders, nämlich dem der wertschätzenden Kommunikation. Miteinander wertschätzend und problemlösungsorientiert zu kommunizieren, das sind Schlüsselqualifikationen in einer globalisierten Welt, auf deren Herausforderungen es Heranwachsende vorzubereiten gilt.

In einer Pädagogik, in welcher das Individuum im Mittelpunkt steht, bieten sich bedeutungsvolle Themen an, in denen wiederum Menschen mit ihren Schicksalen und Emotionen behandelt werden. Das kann besonders gut in den Sprachfächern geleistet werden, indem entsprechende Literatur ausgewählt wird. Ein Lernen, das in Szenen und Bildern geschieht, wirkt sich auf eine mehrdimensionale mentale Repräsentation des Lernstoffes aus.
Vorbilder2
Identifikation mit dem Lernstoff könne etwa „durch die Vergegenwärtigung außergewöhnlicher menschlicher geistiger und kultureller Herausforderungen und Leistungen“ (Herrmann 2006, 14) erreicht werden. Das Lernen in Gruppen fördert die zu den Entwicklungsaufgaben Heranwachsender zählenden Rollenfindungsprozesse und das Arbeiten miteinander. Das gemeinsame Sprechen und Handeln wiederum motiviert das Lernen durch ein Gemeinschaftserlebnis, das dadurch zustande kommt, dass jeder Einzelne sich mit seiner Neugierde und seinen Erfahrungen einbringt.

Das muss nicht bedeuten, dass Unterricht nur noch in Gruppenarbeit abgehalten werden sollte. Es kommt vielmehr darauf an, ein für den jeweiligen Unterrichtsstoff passendes Konzept anzuwenden, deren Gesamtheit gemeinsam sein sollte, SchülerInnen grundlegend zu eigenständigem Lernen zu motivieren und zu befähigen.

Zusammenfassung: Selbstständiges Lernen

Eine ,gehirngerechte’ Pädagogik basiert auf der Grundannahme, dass jeder Mensch individuell lernt. In ihr kommen Erkenntnisse aus der Neurobiologie, der Neuropsychologie, der Entwicklungsneurologie und der Kybernetik zusammen. Kombiniert man diese Erkenntnisse sinnvoll im Unterricht miteinander, so führen sie dazu, dass SchülerInnen in anregend gestalteten Lernumgebungen ein Lernen aus Neugierde entwickeln.
Wie auch Kinder ihre Umgebungen neugierig erforschen, so sollte es auch Heranwachsenden ermöglicht werden. Es kommt grundlegend darauf an, nicht bloß Wissen einzutrichtern, sondern die motivationale Basis für lebenslanges und selbstständiges Lernen zu generieren und auszubauen. Das ist einer der Gründe dafür, warum wir Schule brauchen.

[info]
Herrmann, U. (2006): Gehirngerechtes Lehren und Lernen: Gehirnforschung und Pädagogik auf dem Weg zur Neurodidaktik, in: Hermann, U.: Neurodidaktik. Grundlagen und Vorschläge für gehirngerechtes Lehren und Lernen. Weinheim und Basel. 8-15.
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Jan-Benedikt Kersting

Jan-Benedikt Kersting

Freiberuflicher Bildungscoach bei Creactivity-Solutions
Freiberufliche Tätigkeiten erfordern ein Höchstmaß an Flexibilität und Kreativität. Kombiniert mit fachlicher Kompetenz und Organisationsfähigkeit kann ich auch ihr Projekt ins Internet bringen. Oder sind Sie an Sprachkursen in Englisch und Deutsch interessiert? Dann kontaktieren Sie mich bitte über die Emailadresse: kontakt@bildungsadler.de
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