Wie viel Schulwissen reicht aus?

Eine Frage, welche meine Nachhilfeschüler manchmal stellen, lautet in Bezug auf das Schulwissen: „Muss ich das alles wissen?“ Sie zielt, wie ich finde, weniger darauf ab, aus Faulheit weniger lernen zu müssen, sondern sie fragt nach der Ökonomie des Lernens. Wir leben in einer Zeit, in der die schiere Menge verfügbaren Wissens beiweitem die Aufnahmefähigkeit menschlichen Lernens übersteigt. Niemand kann alles wissen, und entsprechend selektiert jeder von uns dasjenige, was für ihn bedeutungsvoll ist, aus der Informationsflut heraus.
Schulwissen

Schulunterricht im Fokus
Pädagogisch aufbereitetes Wissen bzw. Schulwissen ist dadurch gekennzeichnet, dass es eine vorherige Selektion und Strukturierung durchlaufen hat. Es sind nicht die rohen Informationsmengen, die an Schüler weitergegeben werden, sondern es ist eine Auswahl oder Konzentration auf dasjenige, was einem sinnvollen Verständnis eines Themenfeldes aktuell zuträglich ist.

Es gehört zu den Strukturprinzipien gegenwärtiger Curricula, dass Themen darin wiederkehren, und zwar über die Schuljahre hinweg verteilt in unterschiedlicher Zugangsart. Das bedeutet, dass Grundschulkinder mit einem Thema wohl zuerst handlungsmäßig in Berührung kommen, bevor vom Besonderen ins Allgemeine vorangeschritten wird, etwa indem Schemazeichnungen zum Aufbau von Objekten angefertigt werden oder deren Einordnung in semantische Wissensnetzwerke vorgenommen wird.

Ziel eines solchen Unterfangens ist es, Lernstoffe auf den mentalen Ebenen multipel zu repräsentieren und so eine intensive Vernetzung zwischen ihnen herzustellen. Das geschieht durch Prozesse des Lernens, die sich ereignen, während du dir Schulwissen aneignest.

Im Verlauf schulischer Lernprozesse sollen Schüler dazu befähigt werden, mit zunehmend komplexen Themenfeldern umgehen zu können, indem sie ihr Vorwissen gebrauchen, Methodenkenntnisse anwenden, das Thema und ihr Handeln reflektieren. Mit zunehmender Übung gelingt das besser und besser, so dass sich der Erfolg des Lernens in zunehmender Kompetenz, auch neue Themenbereiche rasch zu begreifen, indem zuvor erlernte Fähigkeiten, Fertigkeiten und Kenntnisse angewandt werden. Dazu soll Schulwissen befähigen.

Nach oben hin, so kann gesagt werden, ist immer noch Luft, soll heißen: Es ist jederzeit möglich, auch als geübter Lerner etwas Neues zu erlernen oder bereits Erlerntes zu vertiefen. Daher ist die eingangs gestellte Frage, ob jemand „alles“ wissen müsse, eher so zu modifizieren, als dass nach dem Wunsch der Entwicklungsrichtung gefragt werden sollte.

Gesetzt dem Fall, dass Lernen mit der Entwicklung und Vernetzung kognitiver Ebenen zusammenhängt – wovon ich ausgehe – dann wäre zu fragen, welche Ebenen wann und in welchen Situationen überwiegend zur Anwendung kommen. Mit anderen Worten: Welches Lernlevel von Schulwissen ist hinreichend, um in bestimmten Kontexten kompetent handeln zu können?

Beispiel: Thema Blockflöte
Nehmen wir ein Beispiel heran, ein bestimmtes Thema in unserem Fall, nämlich Musikinstrumente. Jemand hat, sagen wir, eine Reihe von Musikinstrumenten vor sich liegen. Nun soll überprüft werden, ob dieser jemand dazu in der Lage ist zu begreifen, was es mit einer Blockflöte auf sich hat. Wir werden anhand dieses Beispiels klären, was es mit Repräsentationen von etwas auf unterschiedlichen mentalen Ebenen auf sich hat.
Schulwissen
Für eine alltagstaugliche Erklärung würde es hinlangen, auf das Wissen der analogen Repräsentation zugreifen zu können und auf dasjenige Objekt, was mit dem Lautbild „Blockflöte“ assoziiert ist, mit einer Geste hinzuzeigen. Wenn es tatsächlich das Objekt bzw. ein Abbild desselben bzw. der Klang der Blockflöte ist, dann ist dadurch hinreichend demonstriert worden, dass unser jemand eine analoge Repräsentation der Blockflöte verinnerlicht hat.
Ebenfalls relevant in alltagstauglichen Situationen könnte es sein, auf der Blockflöte eine Melodie spielen zu können. Wenn das der Fall ist, dann ist die Blockflöte auf der handlungsmäßigen Ebene repräsentiert.

Etwas anders verhält es sich hingegen mit der aussagenartigen Repräsentation der Blockflöte. Wir erinnern uns an das, was ich im Artikel Ebenen mentaler Repräsentation erörtert habe, nämlich dass es bei der aussagenartigen Repräsentation, genauer in semantischen Begriffsnetzwerken, darauf ankommt, einen Begriff taxonomisch einordnen zu können.
Ebenen mentaler Repräsentation
Dafür ist es notwendig, sowohl seine kritischen Attribute (Differentia specifica) anzugeben als auch seine Subsumtion unter einen Oberbegriff (Genus proximum) zu leisten. Das Instrument, welches das leistet, ist die Realdefinition.

In unserem Beispiel kommt es also darauf an, die Blockflöte durch Realdefinitionen aussagenartig zu bestimmen:

  1. Stellung im Netzwerk der Musikinstrumente: Die Blockflöte ist ein Blasinstrument, genauer ein Holzblasinstrument, genauer eine Flöte, genauer eine Längsflöte
  2. Spezifische Merkmale der Blockflöte: sie hat einen Schnabel, sie ist ca. 30 cm lang, etc.

Diese Art des Wissens ist solches, welches auf der aussagenartigen Ebene mental repräsentiert ist. Es ist nicht notwendigerweise wichtig für Alltagsgespräche, was bedeutet, dass nicht jeder alles über Blockflöten lernen muss. Sobald aber beispielsweise in einem kognitionspsychologischen Kontext operiert wird, macht es hochgradig Sinn, über Objekte in aussagenartiger Weise sprechen zu können. Es wäre nicht hinreichend, „nur“ das Alltagsverständnis bezüglich einer Blockflöte mit- oder einzubringen, weil es in dieser wissenschaftlichen Disziplin auf eine abstraktere Form des Denkens ankommt.

Angereichertes Vorwissen
Es kann also festgehalten werden, dass es auf den jeweiligen Kontext eines Gespräches ankommt, welche Art des repräsentierten Wissens gefragt ist. Auch dann, wenn du vielleicht nie wieder über Blockflöten in aussagenartiger Form sprechen wirst, so hast du doch ein angereichertes Vorwissen, was es bedeutet, in genau dieser Art über irgendetwas zu sprechen.

Mit diesem Vorwissen, das besonders in der Hermeneutik des Lernens eine zentrale Rolle spielt, bist du wiederum zukünftig besser ausgerüstet, um Aufgaben mit derartigem Schwierigkeitsgrad etwas besser als vorher anzugehen und zu meistern.

Jan-Benedikt Kersting

Jan-Benedikt Kersting

Freiberuflicher Bildungscoach bei Creactivity-Solutions
Freiberufliche Tätigkeiten erfordern ein Höchstmaß an Flexibilität und Kreativität. Kombiniert mit fachlicher Kompetenz und Organisationsfähigkeit kann ich auch ihr Projekt ins Internet bringen. Oder sind Sie an Sprachkursen in Englisch und Deutsch interessiert? Dann kontaktieren Sie mich bitte über die Emailadresse: kontakt@bildungsadler.de
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