Rhetorische Stilmittel meistern

Plastisch, phantastisch, pointiert – das ist der richtige Gebrauch rhetorischer Stilmittel. Rhetorische Stilmittel sind die Diamanten sprachlicher Gestaltung und funkeln in geschliffener Form dem Leser entgegen, lichte Akzente in allerlei Farben setzend. Im Schulunterricht triffst du auf rhetorische Stilmittel besonders in der Oberstufe. Sie haben Einzug gefunden in literarische Texte wie auch in Sachtexte. So kommen sie komprimiert in Gedichten oder politischen Reden zum Einsatz, immer mit der Zielsetzung, mit brillanten Formulierungen Menschen zu begeistern.

Der Gebrauch rhetorischer Stilmittel setzt also an der Kommunikation zwischen Sprecher bzw. Schreiber und Zuhörer bzw. Leser an. Allgemein gesagt, möchte ein Sender durch seinen Text Botschaften an den Empfänger des Textes übermitteln. Damit dies weder langweilig noch trocken geschieht, nutzt der Sender Gestaltungsmöglichkeiten seiner Textbotschaften und fügt sie ihnen hinzu, um eine bessere Wirkung beim Empfänger zu erreichen.
Die Analyse solcher Stilmittel hilft dir also, ein Gefühl für sprachliche Gestaltungsmöglichkeiten zu bekommen. Ziel des Ganzen ist es, dass du lernst, rhetorische Stilmittel zu erkennen, in ihrer Wirkung zu beschreiben und sie, letztlich, selbst anwenden zu können.

Cesar am Rubikon

Veni, vidi, vici


Wer rhetorische Stilmittel anwenden kann, der wird plötzlich merken, wie Texte ansprechender werden. Dabei kommt es nicht darauf an, auf Teufel-komm-Raus rhetorische Stilmittel in deine Texte einzubauen, sondern sie mit Bedacht und Geschick an besonders betonenswerte Stellen deines Textes zu setzen. Rhetorische Stilmittel färben die Botschaften eines Senders in einer bestimmten Farbe oder spielen ein Spiel aus Klang und Farbe; und das hat eine lange Tradition.

Rhetorische Stilmittel gebrauchen Texter seit vielen tausend Jahren
Die Rhetorik ist eine sehr alte Lehre, obgleich sie erst vor ein paar hundert Jahren als eigenständige Disziplin in Erscheinung getreten ist. Zuvor war sie sonderlich mit der Lehre der Poetik verbunden, also in Verbindung mit der Lehre von Textgestaltungen. So genannte rhetorische Stilmittel oder Figuren bzw. Tropen können in Texten bis weit in die Antike aufgefunden werden. Besonders die antiken griechischen Dramen, über die Aristoteles bereits in seiner Poetik geschrieben hatte, weisen eine Vielzahl rhetorischer Figuren auf.

Im Mittelalter gehörte die Rhetorik zu den so genannten„Sieben freien Künsten“ (Septem Artes Liberales). Im ersten Teil dieser Vorbereitung auf weiterführende Studien, dem Trivium, wurde neben der Grammatik und Logik auch die Rhetorik gelehrt. Sie diente den Schülern dazu, ein Gespür für die Sprachästhetik antiker Schulautoren zu erlangen. Es wurden beispielsweise Texte von Cicero untersucht, denn sie gelten bis heute als Paradebeispiel für die Gestaltung politischer Reden in lateinischer Sprache.
Die Tatsache, dass auch mehrere Jahrhunderte nach Cicero dessen Texte für Rhetorikstudien herangezogen worden sind, belegt seine Bedeutung. Bei fast keinem anderen Autor ist die Finesse so ausgereift wie bei Cicero. Es lohnt sich beispielsweise, den Anfang seiner Reden gegen Catilina zu lesen, um zu ermessen, wie bissig und wirksam trefflich eingesetzte Rhetorik wirken kann.

Rhetorische Stilmittel heutzutage
Heutzutage ist der Begriff der Rhetorik ein wenig negativ besetzt. Er wird zumeist in Verbindung gebracht mit Manipulation, wie sie etwa in der Werbung anzutreffen ist. Dabei gehört eine fein dosierte Rhetorik bzw. der Gebrauch rhetorischer Stilmittel zum guten Ton dazu. Im Prinzip nämlich bedient sich auch eine natürlich klingende Sprache solcher Stilmittel – wie die S-Alliteration ein paar Wörter zuvor belegt. Dezent eingesetzt und also nicht pompös übertrieben,verleihen rhetorische Stilmittel einem Text seine Wirkung, seinen Stil, seine Einzigartigkeit. Es geht weniger darum, bewusst Stilmittel einzusetzen, sondern eher darum, sie natürlich in die eigene Sprache integriert zu haben.

Im Schulunterricht indes wird zentrales Augenmerk auf die Analyse sprachlicher Mittel oder Figuren gelegt. Es soll herausgefunden werden, wie ein Text seine Wirkung entfaltet, wie er also funktioniert. Dazu ist es hilfreich, dessen rhetorische Stilmittel analysieren zu können, d.h. sie aus dem Textganzen herauslösen zu können.

„Veni, vidi, vici!“
Ein berühmtes Beispiel ist der Ausruf Julius Ceasars während der Überquerung des Rubikon. Er soll gerufen haben:

Veni, vidi, vici!

Übersetzt bedeutet dies: Ich kam, ich sah, ich siegte!

Schauen wir uns das lateinische Original einmal genauer an. Es sind ins Besondere zwei Stilmittel, die darin zusammenwirken:
Das erste Stilmittel ist die Alliteration. Die Wiederholung desselben Anfangsbuchstabens, des V, verbindet die drei Worte auf klanglicher Ebene miteinander. So erscheinen sie eng beieinander zu liegen, was in diesem Fall in sowohl räumlicher als auch zeitlicher Hinsicht auf Ceasars Handlung zutrifft. Das Kommen, das Sehen, das Siegen: diese Handlungen folgen einander, sind miteinander verquickt; und genau das kommt durch die Alliteration zum Tragen.

Das zweite Stilmittel der Klimax hat etwas mit der strukturellen Anordnung der Begriffe zu tun. Sie sind in Cesars Ausruf in Form einer Klimax angeordnet. Eine Klimax kann mit einer Steigerung der Intensität in Verbindung gebracht werden. Es sind die Handlungen also emotional gesteigert zu bewerten: das Kommen ist also relativ wertneutral, das Sehen des Kampfes bzw. der Zukunft ist dahingegen schon recht emotional bewertet – und der Sieg schließlich krönt das gesamte Szenario. Cesar hat also den Rubikon als Sieger überschritten, und das bedeutete nichts anderes als dass er alsbald Herr über ganz Rom, ganz Italien, die ganze bekannte Welt werden würde.

Rhetorische Stilmittel untersuchen

In ähnlicher Weise, wie ich es am Beispiel des „Veni, vidi, vici“ verdeutlicht habe, kannst du auch andere rhetorische Stilmittel untersuchen. Es kommt bei der Untersuchung immer auf dreierlei an:

  1. Analyse der rhetorischen Stilmittel
  2. Auswahl besonders wichtiger rhetorischer Stilmittel
  3. Erklärung ihrer Funktion im Textzusammenhang

Diese drei Schritte müssen für eine Stilmitteluntersuchung immer durchgeführt werden, andernfalls wäre sie unvollständig, was dich Punkte in der Klausur kosten würde. Ich gehe auf die drei Punkte nun genauer ein, damit du auch hundertprozentig sicher bist, was damit gemeint ist.

1. Analyse der Stilmittel
Wie oben bereits erwähnt, bedeutet Analyse das Herauslösen von etwas. Rhetorische Stilmittel können aus dem Textganzen also herausgelöst bzw. herausgeschrieben werden. Es bietet sich an, eine tabellarische Liste zu nutzen, welche folgende Spaltenüberschriften hat:

  • Name des Stilmittels
  • Quellenangabe / Zeile bzw. Vers im Text
  • Funktion

Bei der Analyse von Stilmitteln trägst du also jedes gefundene Stilmittel in die erste Spalte der Tabelle unter der Überschrift „Name des Stilmittels“ ein. So kannst du dir sicher sein, dass du keines der Mittel vergisst und aus einer kompletten Übersicht in einem nächsten Schritt die besonders wichtigen Stilmittel auswählen kannst.

2. Auswahl besonders wichtiger Stilmittel
Der zweite Schritt erfordert deine Fähigkeit zur Evaluation und Selektion. Evaluationsfähigkeit bedeutet, etwas beurteilen und bewerten zu können. Aus der Liste der analysierten Stilmittel kommt es jetzt darauf an, diejenigen auszuwählen, die dir besonders wichtig in Bezug auf den Text vorkommen. Meist sind es sehr einprägsame Textaussagen oder recht ungewöhnliche Vorstellungen, die sich dafür anbieten.

Sehr häufig in literarischen Texten wird dir beispielsweise die Metapher begegnen. Eine Metapher ist ein sprachlicher Vergleich ohne das Partikel „wie“; es werden zwei Bildbereiche miteinander in Beziehung gesetzt, die in der Realität zwei unterschiedlichen Bereichen entstammen. Zum Beispiel ist das Wort „Datenautobahn“ eine Verbindung zwischen Computerdaten und einer Autobahn. Gemeint ist damit das Internet.

3. Funktion des Stilmittels
Allzu oft wird vergessen, ein analysiertes und gesichtetes Stilmittel noch funktionell zu beschreiben. Die funktionelle Beschreibung ist der entscheidende Schritt, um in der Klausur richtig Punkte abzusahnen.

Die entscheidende Frage ist dabei oft, was das Bild mehr aussagt als eine rein sachliche Beschreibung. Im Bild der Datenautobahn beispielsweise schwingt noch eine weitere Bedeutung mit, die so genannte Konnotation: Eine Autobahn ist für gewöhnlich eine befahrbare Strecke, auf der man schnell vorankommt. Es suggeriert im Positiven also schnelles Surfen im Internet. Auf der anderen Seite kommt es auf Autobahnen aber nicht selten auch zu Staus. Das ist eine negative Bedeutung, die mit der Metapher der Autodatenbahn mitschwingen kann. Beide Konnotationen sind implizit in der Metapher enthalten. Je nachdem, welcher textuelle Kontext gegeben ist, wird die eine oder die andere Konnotation angesprochen sein.

Zu einer sehr guten Interpretation würde aber gehören, beide Konnotationen mit anzusprechen, denn auch gerade dasjenige, was nicht direkt gesagt wird, gehört zu einer Interpretation dazu.

Tabelle: Rhetorische Stilmittel

[table id=4]
In der Tabelle habe ich dir die wichtigsten rhetorischen Stilmittel aufgelistet. Ich habe mich für die englische Version entschieden, damit du siehst, dass rhetorische Stilmittel auch im Englischen Anwendung finden. Ich gehe davon aus, dass es dir keine Schwierigkeiten bereiten dürfte, die Figuren entsprechend ins Deutsche zu übertragen.

Weiterführende Links:
[info]
Poetik des Aristoteles
Erste Rede gegen Catilina
Septem artes liberales
[/info]

Jan-Benedikt Kersting

Jan-Benedikt Kersting

Freiberuflicher Bildungscoach bei Creactivity-Solutions
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2 thoughts on “Rhetorische Stilmittel meistern

  1. Schwarz sagt:

    Ihnen ist ein böser Fehler passiert: Als Caesar den Rubicon überschritt, sagte er: Alea jacta sunt (Die Würfel sind gefallen!). Das Überschreiten des Rubicon mit Truppen verletzte die röm. Staatsgrenze. „Der griechische Schriftsteller Plutarch berichtet, Caesar habe diese selbstbewusste Lakonie in einem Brief an seinen Freund Gaius Matius[1] nach der Schlacht bei Zela benutzt“(WIKIPEDIA)

    1. Hallo Hans-Jürgen,

      gleichwohl Wikipedia zur ersten Orientierung nicht schlecht ist, so bevorzuge ich für meine Artikel wissenschaftlich zitierfähige Quellen. Bitte vergleichen Sie folgenden Auszug:

      „iacta alea est, der Würfel ist geworfen! der Wurf ist gewagt! (der denkwürdige Ausspruch den Cäsar tat, als er nach langem Zaudern über den Rubikon zu gehen sich entschloß)
      .
      [Lateinisch-deutsches Handwörterbuch: 2. alea. Zeno.org: Georges Lateinisch-Deutsch / Deutsch-Lateinisch, S. 2395-2396 (vgl. Georges-LDHW Bd. 1, S. 296)]“

      Mit besten Grüßen,
      Bildungsadler

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