Für mehr Methoden in der Schule

Es gibt heutzutage nicht mehr die eine vorherrschende Strömung in der Erziehungswissenschaft und also nicht mehr das eine methodische Paradigma, welches für das gesamte Schulsystem gelten könnte. Stattdessen eröffnet ein interdisziplinär fundamentierter Ansatz einen relativ offenen Spielraum für eine Mehrzahl an Methoden in der Schule. Das trägt der Tatsache Rechnung, dass Schüler aktuell in kurzer Zeit dazu befähigt werden sollen, sich in unseren komplexen Weltwirklichkeiten einigermaßen orientieren zu können. Die Aufgaben, die darin warten, sind ebenso vielschichtig wie weit gestreut, so dass ein methodischer Pluralismus geradezu ein neues Paradigma zu werden scheint.

Plurale Methoden in der Schule dürfen allerdings nicht verwechselt werden mit willkürlicher Tausendsasserei. Es geht nach wie vor um Orientierung und Zielsetzungen, das aber in einer an Zielen und Möglichkeiten überreichen Wirklichkeit, die zudem nicht klar und deutlich vorgeben könnte, was der eine richtige Weg wäre, ein x-beliebiges Problem zu lösen oder Ziel zu erreichen. Dieser Sachlage angemessen zu begegnen, ist das erklärte Ziel eines ernst genommenen Bildungsauftrages.
Methoden in der Schule
Natürlich gilt es seitens der Pädagogen, eine gewisse Selektion in der Wahl der Methoden walten zu lassen. Auch ich habe in drei Artikeln je sehr einflussreiche Strömungen der Erziehungswissenschaft, die bis in den heutigen Schulalltag hineinreichen, in folgenden Artikeln vorgestellt:

Weiter unten in diesem Artikel widme ich mich weiteren Strömungen mit ihren je eigenen Methodiken. Es werden vorgestellt:

  1. Transzendental-kritische Erziehungswissenschaft
  2. Historisch-materialistische Erziehungswissenschaft
  3. Phänomenologische Pädagogik
  4. Systemtheoretische Pädagogik
  5. Pädagogik in Kontakt mit Nachbardisziplinen

Ursprünge der Methodenvielfalt
Zuvor erlaube ich mir einzuleiten mit einer Art Bilanz zum bisherigen Stand der Theorienentwicklung in der Erziehungswissenschaft. Dadurch wird erkennbar werden, warum es heutzutage nicht mehr nur ein einziges dominierendes Paradigma gibt, sondern eine Vielzahl von mehr oder weniger oft praktizierten Ansätzen und Methoden.
Diese Betrachtung bezieht sich in etwa auf den Stand der letzten fünfundzwanzig Jahre. Das mag erst einmal weitschweifig erscheinen, erweist sich bei näherer Untersuchung aber als genau der Zeitraum, welcher an einige fundamentale Erkenntnisse in der Erziehungswissenschaft anschließt, die letztlich zu der Pluralität an heutigen Ansätzen geführt haben. Auf einige gehe ich lediglich namentlich ein, während andere etwas ausführlicher behandelt werden.

In den 1970er und 1980er Jahren glitt die Erziehungswissenschaft mehr und mehr in eine erkenntnistheoretische Krise: Es war der Paradigmenstreit zwischen dem subjektbasierten Radikalen Konstruktivismus und der Postmoderne, der deutlich machte, dass es nicht die eine richtige Erkenntnismethode geben könne.
In der Folge ergaben sich bestimmte Schwerpunktsetzungen in der Erziehungswissenschaft, die auf eine Verbindung der „Argumentationslinien unterschiedlicher Paradigmen“ ausgelegt waren. Dazu gehörten beispielsweise:

  • eine integrative anstatt einer inkommensurablen Pädagogik, die zu einer quantitativen Ausweitung der Methoden führte
  • eine Zunahme qualitativer Differenzierungen, wodurch das so genannte interpretative Paradigma grundgelegt wurde
  • ein Primat der Hermeneutik: Dadurch wurde der Verhaltensbegriff der empirischen Wissenschaften abgelöst und einer Konzentration auf die individuelle Weltsicht des Menschen mehr Freiraum geschaffen, so dass Leitbegriffe wie „Sinn“, „Bedeutung“ und „Verstehen“ ins Zentrum pädagogischer Erkenntnistheorien gelangten

Ebenfalls neuartig war die Alltagsorientierung der Erziehungswissenschaft. Der berühmt-berüchtigte Elfenbeinturm rückte in die Ferne, näher betrachtet wurden stattdessen folgende Bereiche:

  • Subjektive Theorien von pädagogisch Handelnden
  • das pädagogische Tagesgeschäft („Banalitäten“ und Routinen)
  • Alltagstheorien
  • Konkrete Lebenswelten

All das hatte natürlich auch Auswirkungen auf die spezifische Konzeptanwendung in der Erziehungswissenschaft, in dessen Mittelpunkt seit jeher das Verhältnis zwischen Theorie und Praxis steht.
Wurde ein Konzept bis dato als Abbildung der Wirklichkeit aufgefasst, so änderte sich die Perspektive dahin, dass es fortan als Konstruktion von Wirklichkeit begriffen wurde. Aus diesem Umdenken ergibt sich als Folge die Möglichkeit alternativer Interpretationen konkreter Situationen. Außerdem wurde versucht, von nun an eine Theorie nicht mehr allgemein gehalten, sondern spezifisch auf ein Problem hin zu formulieren. Dadurch sollte größere Bedeutungsstiftung erreicht werden.
Ein Problem allerdings lag und liegt in der Gefahr, dass es zu einer Inflation oder Pluralisierung von Theoriekonzepten kommt. An dieser Stelle sei an Occams Rasiermesser gemahnt, ohne es überstrapazieren zu wollen. Ein gesunder Mittelweg, so wusste schon Aristoteles, hat vieles für sich.

Vorstellung von fünf Ansätzen
Das soll auch in Bezug auf die nachfolgend vorgestellten Strömungen und Methodiken gelten. Sie sind sicherlich interessant zu kennen und in einigen bestimmten Situationen besonders gut anzuwenden. Doch keine wird so umfassend auf die komplexe Wirklichkeit unserer Zeit referieren können, als dass sie ein neues Einzelparadigma werden könnte. Darauf kommt es auch gar nicht an. Die Kenntnis dient eher der Sache, einen interdisziplinären Horizont zu schaffen, der unter den Bedingungen der heutigen Zeit die Erkenntnisse tatsächlich erweitern kann.

1. Transzendental-kritische Erziehungswissenschaft
Methoden in der Schule
Die erste vorgestellte Theorie ist eigentlich gar keine einzelne, sondern ein Sammelbegriff für so genannte „normative Pädagogik“. Sie ist angelehnt an die Philosophie Immanuel Kants, weshalb es sinnvoll ist, ihre Begriffe zuallererst zu klären. So kann der Begriff des Transzendentalen wie folgt definiert werden. Eine Theorie ist transzendental, sobald und sofern sie

ihre Kriterien im Rückbezug zur Erziehungswirklichkeit auf die Bedingungen der Möglichkeit (und nicht ihrer faktischen Wirklichkeit) ermittelt (2012, 42)

Wichtig ist hierbei die Wendung „Bedingungen der Möglichkeit“. Damit ist gemeint, dass quasi erst einmal die Randbedingungen und der Boden, auf denen eine Theorie erwächst, untersucht werden sollten. Wie etwa ist das Feld, auf der sie erwächst, beschaffen – und zwar nicht konkret, sondern im Prinzip, als Möglichkeit. Es geht also nicht darum, eine konkrete empirische Theorie zu untersuchen, sondern die Ausgangsbedingungen, aus denen heraus eine solche, aber auch andere, Theorien sich entwickelt haben oder sich entwickeln könnten. Es geht also darum, die Pädagogik über ihre eigenen Bedingungen aufzuklären.

Der Begriff des Kritischen verweist genau darauf. Die zugrunde liegende Prämisse lautet, dass jedwede Behauptung oder Theorie, jedes unserer Urteile, auf Voraussetzungen und Bedingungen basiere.
Solche Voraussetzungen und Bedingungen konstituieren Urteile, die etwas als angemessen oder unpassend ausweisen. Ganz konkret bedeutet dies: Wenn eine bestimmte Theorie als Paradigma vorherrscht, so liegt das nicht unbedingt an der vollkommenden Überzeugungskraft der Theorie, sondern nicht selten daran, dass Menschen sie unter bestimmten Voraussetzungen als das Paradigma erwählt haben. Die Aufklärung darüber, was solche Voraussetzungen denn konkret seien, leistet die transzendental-kritische Erziehungswissenschaft.

2. Historisch-materialistische Erziehungswissenschaft
Methoden in der Schule
Die Grundidee der zweiten hier vorgestellten Richtung ist, dass sie einen radikalen Marxismus als „Kritik der bürgerlichen Erziehung“ geltend machen will. Der dazu beschrittene Weg ist der, auf Probleme der bürgerlichen Gesellschaft hinzuweisen: So benachteilige das Bildungswesen etwa Arbeiterkinder, so sei die Gesellschaft von verborgenen Prämissen gelenkt, so seien die Menschen nicht die Produzenten ihrer Lebensverhältnisse.
Aus solcher Bildungskritik sollen sich neue Chancen ergeben. Weil die bürgerliche Bildung widersprüchlich sei, sei ihr ein Revolutionspotential inhärent. Indem Arbeitskräfte weiter qualifiziert werden, könne das Bildungssystem in eine Art befreiende Bildung umschlagen.

3. Phänomenologische Pädagogik
Methoden in der Schule
Mit der phänomenologischen Pädagogik ist ein Ansatz vorgestellt, dessen Grundidee es ist, die „Grundlage für qualitative Forschungsmethoden“ zu schaffen. Sie geht auf die Arbeiten des Philosophen und Psychologen E. Husserl und dessen phänomenologische Methode zurück.

Die Merkmale seines Ansatzes sind folgende: Das Ziel ist die Wesenseinsicht. Es soll das Wesen der Dinge erkennbar werden durch eine naive Weltansicht und durch unmittelbare Wesensschau. Darin erinnert der Ansatz stark an Goethe. Die Methode der Sinnkonstitution wird in das Bewusstsein des Erkenntnissubjekts verlegt. Durch die Intentionalität des Bewusstseins, also dessen Gerichtetheit auf etwas, könne den Gegenständen eine Bedeutung gegeben werden. Dies geschehe durch den Leitbegriff der „Einlegung“, der eine Attribution oder Introjektion bezeichnet. So könne auch menschlichen Verhaltensweisen Sinn gegeben und sie verständlich gemacht werden. Alles in allem ergebe sich Sinnkonstitution nicht durch Analyse, Messung oder Erklärung, sondern durch Beschreibung, welche die Erkenntnis des Seienden ermögliche.
Seiffert fasst die phänomenologische Pädagogik so zusammen:

,Phänomenologisch’ nennen wir demzufolge eine Methode, die die Lebenswelt des Menschen unmittelbar durch ,ganzheitliche’ Interpretation alltäglicher Situationen versteht“ (Seiffert 1971, 26).

Der phänomenologische Ansatz versucht also, von der rationalen Weltsicht des analytischen Verstandes zurück zu einer kindlichen Art der Weltschau zurückzukehren. Es geht ganz primär um die Wesensschau:

„Entscheidend ist dabei nicht der empirische Gegenstand, sondern das durch ihn zur Anschauung gebrachte ,Wesen dieser Sache’: Wer Orange als Farbe sieht und die Farbqualität phänomenologisch beschreiben will, muss von einer einheitlichen Tatsache handeln; wer erklärt, dass Orange aus Rot und Gelb gemischt ist, analysiert, er betreibt nicht Phänomenologie, sondern Physik.“ (Hoffmann 1980, 82).

Der Forschungsansatz der Phänomenologie rückt solche Zielfragen ins Zentrum der Betrachtung:

  • Wie nehmen Kinder die Welt wahr?
  • Wie lösen Kinder Probleme?
  • Wie entwickeln sie sich?

Es wird an der Binnenperspektive des Kindes teilgenommen und erst im Anschluss reflexiv und systematisch geforscht. Es gilt, die Lebendigkeit des Momentes zu bewahren.

4. Systemtheoretische Pädagogik
Methoden in der Schule
Die systemtheoretische Pädagogik auf der anderen Seite befasst sich mit der Pädagogik als System zwischen mehreren Menschen. Ein System sei ein „Satz von Objekten zusammen mit Beziehungen zwischen den Objekten und zwischen ihren Attributen“ (2012, 45). Der Ansatz, dass sich „Reflexion nicht am (einzelnen) Menschen […], sondern am Funktionieren von Elementen, Teilsystemen, Beziehungen zwischen Systemen etc.“ orientiere, führt zur Leitfrage: „Was TUT ein Agent?“

Nun, zuerst einmal sei er Teil des Systems der Pädagogik. Dieses wiederum leide unter einem „Technologiedefizit“ (Luhmann), könne also „pädagogische Effekte nicht gesetzmäßig bewirken“. Pädagogische Autonomie aber sei nichts weiter als „Produkte einer Dynamik des Systems, z.B. Folgeproblem gesellschaftlicher Differenzierung“.
Man bemerkt also, dass das Primat der Veränderung nicht beim einzelnen Menschen gesucht, sondern scheinbar in den Dynamiken gesellschaftlicher Prozesse gefunden worden sei. Daraus resultiert die kritische Frage:
„Sind die handelnden Subjekte (nur) bloße Elemente im komplexen Gefüge unterschiedlicher Teilsysteme oder hat pädagogisches Handeln nicht auch seine eigenen Intentionen, seinen Sinn und seine Freiheit?“

5. Pädagogik in Kontakt mit Nachbardisziplinen
Methoden in der Schule
Es gibt eine Vielzahl an benachbarter Disziplinen zur Pädagogik. Die hier vorliegende Grundidee ist die, dass sich Pädagogik zu einer Integrationswissenschaft entwickele, die beispielsweise folgende Wissenschaften zu integrieren suche:

  • andere Sozialwissenschaften
  • Kybernetik
  • Ethnomethodologie
  • Psychoanalyse
  • Symbolischer Interaktionismus
  • Ökologie
  • Spieltheorie
  • Systematische Pädagogik
  • Kritisch-kommunikative Erziehungswissenschaft
  • Strukturalistische Pädagogik
  • Biographische Erziehungswissenschaft

Inwieweit Schulunterricht dies leisten kann oder will, sei dahin gestellt. Die Idee aber dürfte deutlich geworden sein: An die Pluralität der heutigen Welt mit einer Pluralität an Methoden heranzugehen.

Zusammenfassung: Vielfalt der Methoden in der Schule als Chance nutzen

Die große Chance, welche der Pluralismus in der Erziehungswissenschaft bietet, ist die Möglichkeit, interdisziplinäres Problemlösen bereits im Schulunterricht grundzulegen. Dafür muss man gar nicht schauen, welche Projekte es in die Exzellenzinitiativen der Universitäten geschafft haben, sondern kann ganz konkret an der komplexen Lebenswelt der Schülerinnen und Schüler ansetzen. Darin sind die Phänomene und Ereignisse angelegt, von denen aus der Weg zu den unterschiedlichen Ansätzen situativ angemessen gewählt werden kann.

Im Sinne der Herausbildung eines Metabewusstseins wäre es, über die methodische Vielfalt zu reflektieren und sie in Verbindung zu setzen mit den komplexen Herausforderungen, die der Alltag und die Berufswelt, sonderlich die Forschung, bereit hält. Interdisziplinarität ist dann nicht nur sinnvoll, sondern kann Spaß machen, indem sie hilft, für Probleme mehr als nur die eine richtige Lösung zu finden. Mit der Pluralität der Methoden geht nämlich auch eine Mehrzahl an Lösungen eines Problems einher. Dies wiederum steht im Sinne eines demokratisch ausgerichteten Unterrichts.

Jan-Benedikt Kersting

Jan-Benedikt Kersting

Freiberuflicher Bildungscoach bei Creactivity-Solutions
Freiberufliche Tätigkeiten erfordern ein Höchstmaß an Flexibilität und Kreativität. Kombiniert mit fachlicher Kompetenz und Organisationsfähigkeit kann ich auch ihr Projekt ins Internet bringen. Oder sind Sie an Sprachkursen in Englisch und Deutsch interessiert? Dann kontaktieren Sie mich bitte über die Emailadresse: kontakt@bildungsadler.de
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