Lernen als mentale Repräsentation

Mentale Repräsentationen sind, je nach Auffassung, eher Vorstellungsbilder der Welt oder durch das Gehirn generierte Konstrukte. Einfacher gesagt: Das, was du als Lernstoff lernst und verinnerlichst, wird genau dann zu einer mentalen Repräsentation, wenn es im Gedächtnis verknüpft und abrufbar ist. Entsprechend werde ich in diesem Artikel aus einer philosophisch-psychologischen Perspektive heraus erklären, was es mit einer mentalen Repräsentation auf sich hat.
Sofern du dich nicht in einem „chinesischen Zimmer“ befindest, ist auch deine Art und Weise, Sprache zu gebrauchen, bedeutungshaft und mehr als nur als zombiehaftes Reiz-Reaktions-Verhalten. Das hat damit zu tun, dass du über mentale Repräsentationen verfügst, die du in deiner individuellen Lernkarriere dir bisher angeeignet hast. Was genau mentale Repräsentationen sind, kannst du beim Weiterlesen lernen.

Mentale Repräsentation
Lernen und Informationsverarbeitung
Infolge der kognitiven Wende in den 1970er Jahren, in welcher kognitive Theorien die bis dato vorherrschenden assoziationistischen Theorien des Behaviorismus (vgl. Artikel Lernen lernen) durch das Paradigma der Innensteuerung des Lernens und Handelns ablösten, haben sich drei klassische Positionen herauskristallisiert. Ich stelle die ersten beiden nur kurz vor und werde in weiteren Artikeln genauer erörtern, was es mit diesen Positionen auf sich hat. Es sind das

  1. Regellernen nach Gagné: Begriffe seien die Bausteine des Wissens
  2. Rezeptive Lernen nach Ausubel: Neuer Lernstoff soll an Vorwissen angegliedert werden
  3. Entdeckende Lernen nach Bruner: Erwerb von Problemlösefähigkeiten

Einen Teil des entdeckenden Lernens nach Bruner (1974) möchte ich indes etwas genauer erläutern. Der Grund dafür liegt in der Tatsache, dass er sich genauer mit den Ebenen der mentalen Repräsentation befasst hat. Hinter dem Begriff „mentale Repräsentation“ steht die Vorstellung, dass Lernen etwas mit der mentalen Repräsentation von Sinnesinformationen zu tun hat. Sie kann auch als das Ergebnis von Lernprozessen betrachtet werden.
Mentale Repräsentation Nach Bruner lassen sich drei Ebenen der mentalen Repräsentation differenzieren, und zwar die

  • inaktive Ebene: motorische (durch das Tun) und sensorische (durch die Wahrnehmung) Abspeicherung
  • ikonische Ebene: Geistige Repräsentationen
  • symbolische Ebene: abstrakt-verbale Repräsentationen (Begriffe, Kategorien, Regeln…)

Als Beispiel für mentale Repräsentationen auf der enaktiven Ebene kann das Fahrradfahren, als eines für die ikonische Ebene das Bild eines Dynamos und als eines für die symbolische Ebene das Erzählen von der letzten Fahrradtour dienen. Ins Besondere für Lehrer ist das Verständnis dieser Ebenen zur Beantwortung der Frage, auf welcher Ebene eine Information abgespeichert werden solle, wichtig.
Mentale Repräsentation
In der modernen Kognitionspsychologie können drei zentrale kognitive Strategieklassen (nach Krapp 2007) ausgemacht werden:

  1. Informationsverarbeitungsstrategien
  2. Kontrollstrategien
  3. Stützstrategien

Was es mit ihnen auf sich hat, erläutere ich dir nachfolgend.

Informationsaufnahmestrategien
Gegenstand von Informationsaufnahmestrategien ist die Aufnahme und Speicherung von Informationen. Darunter fällt etwa das Zuhören im Unterricht, das Mitschreiben der wichtigsten Informationen und das anschließende sinnvolle Gliedern des Lernstoffes. In alledem kommt es auf die gedankliche Strukturierung des zu Erlernenden an. In einem zweiten Schritt sollte eine kritische Auseinandersetzung damit erfolgen, indem du es evaluierst.

Kontrollstrategien
Mit den Kontrollstrategien geht die Steuerung und Überprüfung von kognitiven Strategien einher. Ein Bestandteil etwa ist die Generierung und Ausführung von Metakognitionen. Metakognitionen sind dadurch gekennzeichnet, dass sie auf einer den Kognitionen übergeordneten Ebene operieren. Ein Beispiel für Metakognition ist etwa die Frage zu stellen: „Was habe ich (noch nicht) kapiert?“ Dadurch sollte deutlich werden, was mit der Kontrollfunktion gemeint ist, denn schließlich dient die Frage dem Zweck, um zu kontrollieren, auf welchem Wissensstand du dich momentan befindest. Es sei dir ans Herz gelegt, dir diese Frage ehrlich zu beantworten. An deine Antwort schließt sich dann ein Vergleich zwischen einem Soll-Wert und dem Ist-Zustand an. Der Sollwert stellt dabei das zu erreichende Ziel dar, der Ist-Wert den bereits gegangenen Weg. All das, was zwischen Ist-Wert und Soll-Zustand liegt, ist der von dir noch zu gehende Weg.

Stützstrategien
Die Stützstrategien dienen dazu, dich in deiner kognitiven Entwicklung zu unterstützen. STRUKTUR UND ERFOLG MIRE Dazu gehört beispielsweise

  • das Aufräumen des Arbeitsplatzes
  • Zeitmanagement
  • willentliche Steuerung der Anstrengungsbereitschaft

Vielleicht fragst du dich, wozu solche kognitive Strategien dienlich sind. Das verrate ich dir im nachfolgenden Abschnitt zum Langzeitgedächtnis.

Das Langzeitgedächtnis
Das bewusste Denken und die Reflexion und Gestaltung deiner Art zu lernen sollen dazu führen, dass du Lernstoff in das Langzeitgedächtnis überführst. Wissen bzw. Informationen, die im Langzeitgedächtnis verknüpft sind, zeichnen sich dadurch aus, dass sie langzeitig und bewusst abrufbar sind. Im Grunde kommt es beim Lernen in der Schule darauf an, zu lernen, wie Informationen in solcher Weise mental repräsentiert werden können.
Ganz konkret kannst du dir das am Beispiel des passenden Vokabellernens verdeutlichen. Nicht nur im Sprachunterricht kannst du lernen, Begriffe zu lernen, was bedeutet, sie zu verstehen und anzuwenden.

In welchen Schritten also kannst du dir Lerninhalte so aneignen, dass sie in deinem Langzeitgedächtnis mental repräsentiert werden? Allgemein gesagt, können zwei aneinander anschließende Phasen der Gedächtnisbildung benannt werden:

Die erste Phase dient der Aneignung von Wissen. Dabei müssen die Informationen, fachsprachlich Chunks genannt, durch den so genannten „Flaschenhals des Arbeitsgedächtnisses“ gelangen.
Mentale Repräsentation
Die Metapher verweist auf eine Engstelle, die Informationen nicht unbegrenzt passieren können. Sie ist der eigentliche Grund dafür, dass Lernen nicht wie von selbst geschieht, sondern gewisser Anstrengungen bedarf. Sie liegen auch in der Notwendigkeit, die Informationen sinnvoll weiterzuverarbeiten, begründet.

In der zweiten Phase müssen zuerst die Lerninhalte gefestigt werden, was in der Fachsprache Konsolidierung genannt wird, bis sie sich schließlich verflüssigen und automatisieren. Sobald dieser Prozess abgeschlossen ist, sind die Lerninhalte ins Langzeitgedächtnis eingegangen und sind abrufbar. Während dieser zweiten Phase ist es von grundlegender Bedeutung, das Gelernte zu wiederholen, zu strukturieren und mit bereits erlerntem Vorwissen zu verknüpfen.

Eine wesentliche Eigenschaft des Langzeitgedächtnisses ist, dass es prinzipiell eine fast unendlich große Kapazität aufweist. De facto aber ist die Menge der zugänglichen Informationen abhängig vom Organisationsgrad des Langzeitgedächtnisses. Das ist einer der Gründe, warum ich im Artikel 4 geheime Schlüsselkompetenzen erfolgreicher Schüler der Organisationsfähigkeit unter Punkt zwei eine herausragende Bedeutung attestiert habe.

Das Wissen, welches sich im Langzeitgedächtnis befindet, ist nach Bedeutung kodiert. Indem du also die Bedeutung von Lerninhalten, wie etwa einer Vokabel, erkennst, ebnest du ihnen den Weg in das Langzeitgedächtnis. Auf dieser Grundlage können auch Erinnerungsschwierigkeiten verstanden werden. Sie sind Folge von nicht zureichenden Such- und Abrufprozessen, welche umso besser funktionieren, je qualitativ hochwertiger die Bedeutungsstrukturen organisiert sind.
Mentale Repräsentation

Der Förderung von Erinnerungsleistung förderlich sind folgende Merkmale des Lernens (nach Gage/Berliner 1996):

  • logische Ordnungen
  • hierarchische Organisation des Lernmaterials

Beides dient der mentalen Strukturierung, wodurch es zu einer Verknüpfung mit bereits erworbenen Vorwissen kommen kann.

Zusammenfassung: Mentale Repräsentation

Aus dem bisher Erkannten lassen sich pädagogische Konsequenzen ableiten. Es bietet sich die Methode des verteilten Übens an, so dass Lernstoff auf mehrere sinnvolle Unteraufgaben verteilt wird, welche wiederum nacheinander bearbeitet werden. Durch mehrfach codiertes Erklären (Bild, Text, Symbole) ist gewährleistet, dass Lerninhalte mehrfach auf den oben beschriebenen Ebenen (enaktiv, ikonisch, symbolisch) verarbeitet werden. Nicht zuletzt sollten auch Möglichkeiten des bewussten und strukturierten Wissen-Vernetzens, etwa die Mindmap, genutzt werden. Kommt all das zusammen, so ist damit der Weg zu intensivem Lernen eröffnet. Mit derartigen Methoden können kognitive Strukturen aktiv aufgebaut und bewusst genutzt werden. Das ist der Grund dafür, warum ihr Verständnis und ihre Anwendung zu erfolgreichem und intrinsisch motiviertem Lernen führen.

[info]
Gudjons, H. (2012): Pädagogisches Grundwissen.
[/info]

Jan-Benedikt Kersting

Jan-Benedikt Kersting

Freiberuflicher Bildungscoach bei Creactivity-Solutions
Freiberufliche Tätigkeiten erfordern ein Höchstmaß an Flexibilität und Kreativität. Kombiniert mit fachlicher Kompetenz und Organisationsfähigkeit kann ich auch ihr Projekt ins Internet bringen. Oder sind Sie an Sprachkursen in Englisch und Deutsch interessiert? Dann kontaktieren Sie mich bitte über die Emailadresse: kontakt@bildungsadler.de
Jan-Benedikt Kersting

Letzte Artikel von Jan-Benedikt Kersting (Alle anzeigen)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

eins × drei =