Lernkrise des Schulunterrichts

Der Schulunterricht befindet sich in einer Lernkrise. Anstatt Schüler auf lebenslanges Lernen vorzubereiten, indem sie das Lernen lernen, steht allzu oft das „Bulimie-Lernen“ auf dem Stundenplan. Dieser Artikel legt das Problem dar, erläutert die Bedingungen für einen Paradigmenwechsel und plädiert für mehr bedeutungsvolles Lernen im Schulunterricht. Er richtet sich an Lehrer, die etwas gegen die Lernkrise und für nachhaltiges Lernen tun möchten, und an SchülerInnen, die sich eine nachhaltigere Art des Unterrichts wünschen.
Lernkrise
Beim Bildungsadler steht aktuell das Thema nachhaltiges Lernen im Mittelpunkt. Das hat damit zu tun, dass dem Lernen nicht nur im Schulunterricht, sondern auch im Leben allgemein zentrale Bedeutung zukommt. In der beruflichen Ausbildung oder im Studium, in betrieblichen Weiterbildungen, in Fortbildungen und der Erwachsenenbildung lernen Menschen außerhalb der Schule. Und auch, wer sich für die Führerscheinprüfung oder ein Sprachzertifikat, für den Jagdschein oder die Teilnahme an einer Quizsendung vorbereitet, lernt Neues hinzu. Genauso beim Fußballspielen, in einer Partie Schach, beim Programmieren einer Webseite – immer sind Handlungen und ihr Erfolg von Lernprozessen begleitet.

Lernen gehört zum Menschsein dazu
Die menschliche Lernfähigkeit ist so fundamental wichtig und bedeutend für die Stellung des homo sapiens sapiens in seinen Umwelten, dass philosophische Anthropologen hinweggegangen sind und die Stellung des Menschen in der Welt über dessen Lernfähigkeit zu erklären versucht haben. Eben weil der Mensch bei seiner Geburt nicht nur seinen artverwandten Menschenaffen in vielerlei Hinsicht unterlegen ist, etwa was die Bewegungsfähigkeit betrifft, ist die Frage berechtigt, warum der Mensch dennoch so erfolgreich fast alle Umwelten auf unserem Planeten besiedelt habe.
Lernkrise
Eine Antwort darauf lautet, dass der Mensch zwar ein „Mängelwesen“ sei, aber durch seine außerordentlich hohe Lernfähigkeit sich die Kultur erschaffen habe. Die Sphäre der Kultur wiederum ermögliche es den Menschen, Erfahrungen zu tradieren und an die Nachkommen weiter zu geben. Der sich über die Jahrtausende so erweiterte Fundus an Wissen und Kenntnissen sei ursächlich für den Erfolg der Spezies Mensch verantwortlich.
Wie auch immer man das Postulat des Mängelwesens Mensch auffassen mag, so kann der Erfolg menschlichen Lernens und des damit verbundenen Handelns in der Welt nicht abgestritten werden.

In der historischen Entwicklung einer Kultur kann immer wieder ein Phänomen beobachtet werden, das sich in der Gründung von Lehrinstitutionen zeigt. Ein recht frühes Beispiel dafür ist die Platonische Akademie im antiken Griechenland. Heute nennen wir noch Personen, die einen universitären Abschluss gemacht haben, Akademiker.
Lernkrise
Diese sprachliche Verbindung ist aufschlussreich, weil sie in der zeitlichen Dimension darauf verweist, dass Bildung ein Phänomen menschlicher Kultur ist, welches über mehr als 2500 Jahre in die Vergangenheit zurückreicht. Bildung und Kultur sind unmittelbar mit Tradition bzw. tradierten Wissen und dessen Weitergabe verknüpft.

Struktur wissenschaftlicher Revolutionen
Obzwar die Herausbildung einer Kultur oder von Wissen als kumulativer Prozess, der stetig auf ein bestimmtes Ziel hinaus verliefe, aufgefasst werden könnte, so hat der Wissenschaftsphilosoph Thomas Kuhn in seinem Werk „Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen“ darauf hingewiesen, dass die Entwicklung von Wissen und Wissenschaft von revolutionären Umbrüchen begleitet sei.

Das, was er mit solchen Paradigmenwechseln meint, ist die Tatsache, dass die Normalwissenschaft irgendwann in eine Krise gelange, während derer eine anerkannte Theorie nicht mehr hinreiche, um bedeutende Probleme zu lösen. Sofern auch Bemühungen, sie zu modifizieren, fehlschlagen, kommen irgendwann alternative Theorien auf.

Obgleich sie nicht sofort das tradierte Paradigma ersetzen, eben weil der Mensch eine Art Gewohnheitstier mit der Fähigkeit zur Verdrängung ist, so hängt ihr Erfolg doch davon ab, wie gut sie die Probleme lösen, welche im Rahmen des vorherrschenden Paradigmas nicht gelöst werden können.
Lernkrise
Kurz: Je erfolgreicher eine alternative Theorie nicht nur in Bezug auf die Probleme und Phänomene des alten Paradigmas, sondern auch bezüglich der Lösung außerhalb des Paradigmas stehender Probleme funktioniert, desto wahrscheinlicher ist es, dass sie das alte Paradigma ablöst und zum neuen Paradigma wird. Der Prozess, welcher damit zusammenhängt und an dessen Ende die Ablösung des alten durch ein neues Paradigma steht, nennt Kuhn eine wissenschaftliche Revolution.

Sinn von Transferleistungen
Sobald wir nun hingehen, das soeben Begriffene aufgreifen und auf ähnliche Felder transferieren, nutzen wir eine Fähigkeit, die das Lernen in der Schule trainieren soll: nämlich die Verwirklichung von Transferleistungen.
Lernkrise

Eine Transferleistung ist dadurch definiert, dass auf Grundlage der mentalen Repräsentation eine Übertragung des Gelernten auf andere Bereiche geleistet wird, um dadurch ein Schema für die Lösung ähnlich gearteter Probleme anwenden zu können.

Wir haben bei Kuhn erfahren, dass Paradigmen in bestimmten Bereichen eine zeitlang so gut funktionieren, dass sie nicht durch Alternativen ersetzt werden müssten. Sobald sich aber die Rahmenbedingungen ändern, etwa durch Veränderungen der Umweltbedingungen, so können veränderte Problemstellungen auftreten, welche genau dann zu einer Krise führen, wenn das alte Paradigma sie nicht zu lösen vermag.

Schulisches Lernen in der Krise
In dieser Phase, so meine ich, befindet sich im Moment das Thema Lernen in der Schule. Durch Austausch mit Lehrenden habe ich erfahren, dass es primär gar nicht darum geht, das Lernen zu lernen. Sondern vielmehr um das Durchboxen des Unterrichtsstoffes.

Die Folge daraus ist ein Phänomen, das ich und auch manch anderer als „Bulimie-Lernen“ bezeichne. Es ist ein Symptom der Lernkrise des Unterrichts und ist dadurch gekennzeichnet, dass möglichst viel Lernstoff in möglichst kurzer Zeit quasi in die Gehirne der Schüler eingetrichtert wird – wobei bemerkt werden muss, dass nicht wenige Schüler erst spät vor Prüfungen zu lernen beginnen und damit das Bulimie-Lernen weiter verschärfen.
Lernkrise
Ich habe beim Bildungsadler schon mehrere Artikel zum Thema Lernen geschrieben (siehe Linkbox am Ende dieses Artikels). Besonders neurobiologische Forschungen aus jüngerer Zeit belegen, dass Lernen ein komplexer Prozess ist. Es sind daran vor allem solche Gehirnstrukturen beteiligt, die auch mit der Verarbeitung von Emotionen und bewusster Exekutivfunktionen des Denkens verbunden sind.

Immer dann, wenn Lernstoff in das Langzeitgedächtnis gelangen soll, ist es unumgänglich, den Lernstoff mit Bedeutung zu assoziieren. Das geschieht dadurch, dass etwas aufmerksam wahrgenommen wird und so vom Arbeitsgedächtnis in solche Strukturen des Limbischen Systems gelangen kann, in denen das Wahrgenommene mit Vorwissen verglichen und mit emotionaler Bedeutung hierarchisch beurteilt wird.

Das ist eine notwendige Voraussetzung dafür, dass Lernstoff durch so genannte Flaschenhalsstrukturen in das Langzeitgedächntis gelangen kann. Eine weitere, notwendige wie hinreichende Bedingung besteht darin, in der Phase des Lernens den Lernstoff zu wiederholen, möglichst auch in unterschiedlichen Kontexten, so dass die Informationen auf mehreren Ebenen mental repräsentiert werden können.

Schlussfolgerung: Lernen zu erlernen braucht Zeit
Das braucht Zeit. Und genau das ist der Minimumfaktor beim so genannten Bulimie-Lernen. Indem möglichst schnell möglichst viel zu verinnerlichen versucht wird, treten zwei Phänomene in den Vordergrund:

  • Es werden vor allem Strukturen des impliziten Gedächtnisses angesteuert, welche ungeeignet dafür sind, etwas später bewusst aufrufen und auf andere Bereiche transferieren zu können
  • Derartiges Lernen macht keinen Spaß, was wiederum die gegenwärtige und vor allem auch die zukünftige Motivation, etwas zu lernen, unterminiert.

Das können Lehrende nicht wollen! Es kann nicht angehen, dass Schulunterricht die natürliche Lernfreude der Menschen durch Bulimie-Lernen zerstört und sich der Lernkrise geschlagen gibt. Vielmehr gilt es, Freude am Lernen zu erhalten und zu fördern, so dass Schüler Spaß am Lernen entwickeln und so eine intrinsische Motivation zum Lernen entwickeln. Nur das kann dahin führen, Menschen auf ihrem Weg des lebenslangen Lernens zu unterstützen. Das lebenslange Lernen wiederum ist von der Europäischen Union als ein zentrales Bildungskonzept ausgerufen worden.

Wir befinden uns in einer Zeit, in der sich entscheidet, ob diese Vorgaben in der Tat umgesetzt werden können. Das Lernen in der Schule befindet sich in einer Krise. Nun kommt es darauf an, entweder durch erfolgreiche Transferleistungen oder aber durch einen Paradigmenwechsel den beschriebenen Problemen zu begegnen.

Jan-Benedikt Kersting

Jan-Benedikt Kersting

Freiberuflicher Bildungscoach bei Creactivity-Solutions
Freiberufliche Tätigkeiten erfordern ein Höchstmaß an Flexibilität und Kreativität. Kombiniert mit fachlicher Kompetenz und Organisationsfähigkeit kann ich auch ihr Projekt ins Internet bringen. Oder sind Sie an Sprachkursen in Englisch und Deutsch interessiert? Dann kontaktieren Sie mich bitte über die Emailadresse: kontakt@bildungsadler.de
Jan-Benedikt Kersting

Letzte Artikel von Jan-Benedikt Kersting (Alle anzeigen)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

3 + drei =