Das Lernen lernen

In diesem Artikel erkläre und erörtere ich dir ausführlich, was eigentlich mit Lernen und Lernen lernen gemeint ist. Klar, dass dir bekannt ist, was in der Schule gefordert und gefördert wird, nämlich zu lernen. Doch eine solche Aussage wirkt ziemlich allgemein gehalten. Bei genauerer Betrachtung zeigt sich hingegen, wie differenziert all dasjenige, was im Begriff des Lernens steckt, tatsächlich ist.
Lernen lernen
Es kommt beim Lernen auf bedeutungsvolle Informationsverarbeitung an, die hochgradig subjektiv funktioniert. Das bedeutet in letzter Konsequenz, dass du genau dann am erfolgreichsten lernst, wenn du deine eigene Art des Lernens entdeckst. Das sage ich auch immer meinen Nachhilfeschülern. Indem du dir mit deiner Art zu lernen Vorkenntnisse aneignest, wirst du danach besser und einfacher Kommendes erlernen – zu lernen zahlt sich also dadurch aus, dass du das Lernen lernst und zu Lernendes zunehmend einfacher erlernen kannst.
Lernen lernen
Dabei hat sich gezeigt, dass jeder Mensch ein individuelles Lerntempo hat, wodurch der Wahl bestimmter Lernphasen eine besondere Bedeutung zukommt. Solltest du den ganzen Artikel nicht auf einmal lesen können, dann nimm dir zwischendurch eine Pause und setze deine Erkundung später fort.
Insgesamt gestaltet sich Lernen zu einem ganz besonders individuellen, aktiven und kumulativen Prozess, der umso effektiver ist, je selbstgesteuerter du lernst.
In dem bisher Gesagten liegt eine ganz große Chance für dich. Du kannst nämlich zum aktiven Gestalter deines Lernens werden, indem du: Lernen lernst. Das bedeutet, nicht mehr einzig für gute Noten zu lernen, sondern aus dem Gefühl heraus, deine ganz persönliche Art der Persönlichkeitsentwicklung zu entdecken und sie für dich und deine Ziele zu entwickeln.

Beim Weiterlesen verrate ich dir, was du für das Lernen lernen wissen solltest; es wird dein Verständnis für das, was Lernen bedeutet, erweitern und vertiefen und hoffentlich eine aufgeschlossene Einstellung zum Lernen bewirken, denn: Lernen kann verdammt spannend sein und wirklich Spaß machen.

Der Artikel „Lernen lernen“ ist wie folgt untergliedert:

  1. Allgemeine Einführung
  2. Assoziationistische Lerntheorien
  3. Kognitives Lernen
  4. Das Gehirn als selbstreferenzielles System
  5. Das menschliche Gedächtnis
  6. Sinnzusammenhang von Informationen
  7. Zusammenfassung

I. ALLGEMEINE EINFÜHRUNG
Es bietet sich bei Erörterungen eines Themas eigentlich immer an, mit einer allgemeinen Fragestellung zu beginnen. In unserem Fall lautet sie:

Was heißt Lernen (lernen)?

Mit einer solchen Frage verbunden ist die Antwort, dass es keine eindeutige Auffassung gibt. Stattdessen haben sich in der Pädagogik unterschiedliche Ansichten und Theorien entwickelt, was unter Lernen zu verstehen sei. Im Artikel Geschichte der Pädagogik habe ich einige geschichtlich relevante Positionen vorgestellt. An dieser Stelle werde ich mich auf solche Lerntheorien konzentrieren, die im 20. und 21. Jahrhundert von gewichtiger Bedeutung gewesen sind bzw. es immer noch sind.

In einer klassischen Definition (nach Hilgard et. al. 1983, 31) heißt es, dass sich Lernen auf

die Veränderung im Verhalten oder im Verhaltenspotential eines Organismus in einer bestimmten Situation, die auf wiederholte Erfahrungen des Organismus in dieser Situation zurückgeht

beziehe.
In dieser Definition enthalten sind drei Elemente, die ich herauslöse. Es geht um

  • Verhalten, das sich zwischen den Zeitpunkten t1 und t2 verändert
  • direkt beobachtbares Verhalten (Behaviorismus)
  • Erfahrung, die als auf der Verarbeitung von Erfahrungen aus der Umwelt basiere

Bei einer genaueren Untersuchung, was es mit Punkt 2 auf sich hat, gelangt man zu einer Differenzierung zwischen zwei Lerntheorien, die besonders am Anfang und in der Mitte des 20. Jahrhunderts sehr einflussreich gewesen sind.

Die erste Theorie ist in der oben angeführten Definition direkt anzitiert, nämlich der Behaviorismus bzw. die assoziationistischen Lerntheorien. Die Theorien dieser Gruppe basieren allesamt auf der Annahme, dass Organismen wie Tiere und der Mensch durch eine Reiz-Reaktions-Verknüpfung ihr Verhalten an ihre Umwelt anpassen. Man spricht auch von einer „Außensteuerung des Lernens durch Reize“. Weiter unten werden wir einen klassischen Vertreter des Behaviorismus, nämlich Pawlow, näher kennen lernen.

Die zweite Gruppe bilden die Theorien der kognitiven Organisation. Sie basieren auf der Auffassung, dass reines Reiz-Reaktions-Verhalten nicht genügend klar verdeutlicht, was Lernen sei. Daher interessieren sich Forscher dafür, wie die Kognition organisiert ist, also jener von Behavioristen als „blackbox“ bezeichneten Systembereich, der zwischen eingehenden Reizen und ausgehenden Reaktionen liegt; damit ist der menschliche Geist gemeint. Es wird danach gefragt, wie die Vernunft zu Strukturierungen führt, was mit dem Konzept der Einsicht gemeint ist oder wie Individuen sich ihre Umwelt aktiv aneignen.
Das Konzept der Innensteuerung ist dabei zentral. Sie geschehe dadurch, dass ein Individuum durch subjektive kognitive Prozesse dazu in der Lage ist, nicht rein durch außengesteuertes Verhalten, sondern durch innengesteuertes Handeln mit der Umwelt zu interagieren.
Auch zu dieser Theoriegruppe werde ich weiter unten einen bedeutenden Vertreter vorstellen.

Die Begriffe „Verhalten und Handeln“ habe ich bereits im Artikel Lerne zu handeln genauer untersucht.

II. ASSOZIATIONISTISCHE LERNTHEORIEN
Lernen lernen
Pawlow: Klassische Konditionierung
Den Namen Pawlow könntest du bereits aus dem Biologieunterricht kennen. Es war ein Verhaltensbiologe, der vor allem durch seine Experimente mit Hunden bekannt geworden ist. Er hat sozusagen diejenigen Mechanismen des Verhalten-Lernens experimentell nachgewiesen und theoretisch formuliert, die der Dressur von Tieren zugrunde liegen. In diesem Zusammenhang spricht man auch von der klassischen Konditionierung. Im nachfolgenden Schema ist dargestellt, wie Pawlow mit seinen Hunden gearbeitet hat.
Lernen lernen

Nun folgt eine Erklärung des Experiments: Zuerst ist er hingegangen und hat vor den Hunden eine Glocke geläutet. Erwartungsgemäß ist dabei nichts Besonderes passiert, weshalb man in diesem Zusammenhang von einem neutralen Reiz spricht. Dann hat er den Hunden Fleischpulver vorgehalten (unbestimmter Stimulus), woraufhin die Hunde auf diesen Reiz mit Speichelfluss (unbedingter Reaktion) reagierten. Als nächstes hat Pawlow zwei Reize miteinander gekoppelt, nämlich das Läuten der Glocke (jetzt ein „conditioned stimulus“) und die Darbietung des Fleischpulvers (weiterhin unbestimmter Stimulus). Die Hunde reagierten wiederum mit Speichelfluss (unbedinger Reaktion). Dieser Vorgang wurde einige Male wiederholt, so dass die Hunde eine dauerhafte Verbindung zwischen dem Geräusch des Glockenläutens und der Aussicht auf Fressen ausbildeten.

In der Folge trat dasjenige Verhalten auf, was unter der klassischen Konditionierung verstanden wird: Sobald nun die Glocke geläutet wurde (conditioned stimulus), brauchte man den Hunden gar nicht mehr das Fleischpulver darbieten, um bei ihnen eine Speichelflussreaktion auszulösen. Diese Reaktion nennt man entsprechend eine „conditioned reaction“.

Der Grund, warum Pawlow mit diesem Experiment so berühmt wurde, ist wohl, dass es recht erfolgreich einige besondere Reaktionen erklären konnte. Dazu gehören etwa

  • Erregungszustände
  • Furcht
  • Affektive Tönungen

Auf diesen Ergebnissen aufbauend erweiterte das Verständnis der klassischen Konditionierung auch das Verständnis weiterer Phänomene, so etwa

  • das Phänomen der Reizgeneralisierung (weißer Kittel —> weiße Kleidung)
  • das Phänomen der Bekräftigung (sehr häufige Kopplungen)
  • das Phänomen der Löschung (mehrfache Darbietung des bedingten Reizes alleine ohne den unbedingten)
  • das Phänomen der Gegenkonditionierung (Kopplung von Angstreaktion mit angenehmen Reiz, wobei die Angst kleiner als die Erfahrung des Angenehmen sein muss)

Die meisten dieser Phänomene entstammen der Psychologie, weshalb erklärbar wird, warum der Behaviorismus besonders in der Psychologie vor den 1950er Jahren recht erfolgreich verbreitet war. Aber auch heutzutage kann das Verständnis der klassischen Konditionierung etwa dabei helfen, konditionierte Ängste wie Prüfungsängste zu erklären und schrittweise aufzulösen.

Bandura: Lernen am Modell
Lernen lernen
Bandura war ein Psychologe, der mit seinen Experimenten das so genannte Beobachtungslernen untersucht hat. Das, was er dabei herausgefunden hat, wurde erst vor einigen Jahren durch den Nachweis der Spiegelneurone im Gehirn mit der Neurobiologie in Verbindung gebracht. Spiegelneurone, so nehmen Wissenschaftler an, seien die Bedingung für Empathie und für das emotionale Verstehen von Ereignissen oder Situationen.

Bandura hat eindrucksvoll im so genannten „Bobo-Doll-Experiment“ (Quelle: Youtube) nachgewiesen, dass Kinder und Heranwachsende auch dadurch Verhaltensweisen lernen, dass sie von erwachsenden Menschen Verhaltensweisen nachahmen. Das also, was Vorbilder wie Eltern oder Lehrer ihnen durch ihr Verhalten und Handeln mitteilen, nehmen Lernende auf und eignen es sich an. In der Folge transferieren sie erlernte Muster in ähnliche Situationen. Dieses Phänomen legt nahe, dass Erziehungspersonen das erwünschte Verhalten vorleben sollten.

Betrachten wir den Aufbau und die Ergebnisse des Experiments einmal genauer. Bandura und seine Kollegen teilten dabei Kinder in vier Gruppen G1 bis G4 ein. Sie wurden nacheinander in einem Raum mit diversen Spielsachen, unter anderem einer Bobo-Doll-Puppe, und anderen Gegenständen alleine gelassen, so dass sie sich selbst beschäftigen mussten. Nach kurzer Zeit ereignete sich etwas im Raum, das für jede der vier Gruppen speziell modifiziert war:

  • G1: Ein Erwachsener kam in den Raum und zeigte gegenüber einer lebensgroßen Spielpuppe aggressives Verhalten
  • G2: Ein Erwachsener zeigte dieses Verhalten in einem Film, der auf einem Fernseher lief
  • G3: Ein Erwachsener zeigte dieses Verhalten in einem Film, war aber als Katze verkleidet
  • G4: Kontrollgruppe, der kein aggressives Verhalten gezeigt wurde

Die Ergebnisse des Bobo-Doll-Experiments zeigten signifikant gesteigertes aggressives Nachahmungsverhalten bei den Kindern der Gruppen G1 und G3. Die stärksten Aggressionen aber zeigten die Kinder aus der Gruppe G2, die also aggressives Verhalten eines Erwachsenen gegenüber der Spielpuppe im Fernseher gesehen hatten.
Eine detaillierte Beschreibung des Experiments und der psychologischen Hintergründe findest du etwa in Englisch auf dieser Seite: Banduras Bobo-Doll-Experiment.

In einer kritischen Interpretation können im Prozess des Beobachtungslernens vier Phasen angenommen werden.
Lernen lernen Es sind

  1. Aufmerksamkeitszuwendung
  2. Behaltungsphase
  3. Reproduktionsphase
  4. Motivationale Phase: Effekt des Verhaltens wird ausgewertet – lohnt sich Wiederholung?

Dabei spielt wohl eine entscheidende Rolle, wie die Eigenschaften des Modells – also des Erwachsenen – gestaltet sind und beurteilt werden. Kommt es zu einer Identifikation mit dem Modell? Werden hoch stehende soziale Merkmale erkannt, etwa Macht? Wie wirksam ist das Verhalten in Bezug auf das Erreichen eines Zieles? Solche Fragen laufen bei Kindern oftmals intuitiv ab.

Im Anschluss an die Ergebnisse Banduras kann darüber diskutiert werden, inwieweit Medienkonsum das Verhalten von Kindern, die noch nicht über eine elaborierte Reflexionsfähigkeit verfügen, nachhaltig beeinflusst.
Die Frage etwa, wie sich gewaltverherrlichende Sendungen oder Computerspiele auswirken, ist in den letzten Jahren immer wieder gestellt und diskutiert worden. Dabei habe ich allerdings selten eine direkte Bezugnahme auf Bandura wahrgenommen.

Vielleicht ist auch zu fragen, ob die Ergebnisse in unseren heutigen Zeiten, in denen Medienkonsum viel weiter verbreitet und also gewohnter geworden ist, bei einer Wiederholung des Experiments dieselben wären. Eine spannende Frage ist das allemal, weil daran natürlich auch Konsequenzen für die Mediendidaktik im Unterricht im Speziellen und das Verhalten bzw. Handeln von lehrenden Vorbildern (Familie, Schule) gegenüber lernenden Heranwachsenden im Allgemeinen anschließen müssten.

III. KOGNITIVES LERNEN
Lernen lernen
Die Grundfrage der heutigen Kognitionswissenschaft, die eng mit der neurobiologischen Forschung zusammenarbeitet, lautet:

Wie hängen Gehirnaktivitäten und Geist zusammen?

Auf Grundlage eines Verständnisses, wie das Gehirn arbeitet, lassen sich Lernen und Handeln als innere Prozesse erklären, die komplexer sind als die Annahmen der zuvor vorgestellten Assoziationstheorien.


Das menschliche Gehirn besteht aus etwa eine Billionen (10^12) Nervenzellen. Die Sprache der Nervenzellen sind elektrische und chemische Prozesse an und zwischen den Nervenzellen. Dabei lassen sich zwei große Klassen von Nervenzellen unterscheiden, nämlich erregende und hemmende Nervenzellen.

Dadurch, dass sie miteinander kommunizieren, bilden sich größere Komplexe aus:

  • funktionale Einheiten
  • Nervennetze
  • Kerne
  • ganze Areale
  • Lappen
  • das gesamte Gehirn

Dadurch kann als ein Axiom der Kognitionswissenschaft gelten, dass neuronale Netzwerke die „materielle Grundlage für kognitive Leistungen und Verhaltenssteuerungen“ (Gudjons 2012, 227) bilden.
Lernen lernen
Dabei fungiert das Gehirn nicht als Ablagemechanismus für Sinneswahrnehmungen und Vorstellungen, sondern es werden Informationen in komplexen Netzwerken gespeichert. Als Grundlage kann eine Sinnesdatentheorie, wie sie die philosophischen Empiriker Locke oder Hume angenommen haben, fruchtbar mit Forschungsergebnissen der Neurobiologie in Verbindung gebracht werden. Über die jeweiligen Sinnesorgane werden etwa

  • Geräusche im auditorischen Kortex (hinter der Schläfe) gespeichert
  • Gesehenes im visuellen Kortex (im Hinterhaupt) gespeichert
  • Berührungsempfindungen im Scheitellappen des Neokortex gespeichert

Entscheidend bei dieser funktionalen Untergliederung ist, dass es beinah unendlich viele Kopplungsmöglichkeiten zwischen diesen Bereichen des Gehirns gibt bzw. möglich sind. Dadurch dürfte das, was wir komplexe Wahrnehmungen oder Erinnerungen nennen, auf einer solch komplexen Vernetzung der Gehirnareale miteinander basieren.

Während Rationalisten wie Descartes noch davon ausgegangen sind, dass dem Verstand der bei Weitem wichtigste Part im Bewusstsein zukäme, haben neuere Forschungen den engen Zusammenhang zwischen bewusstem Denken und der emotionalen Bewertung bestätigt. Besonders Erinnerungen werden nicht rein deklarativ gespeichert, sondern sind immer mit einem emotionalen Kontext assoziiert. Auch im Erinnern ist die Kopplung zwischen

  • gespeicherten Informationen
  • dem Kontext der Information (Ort, Zeit, Modi)

gegeben, so dass den emotionalen Begleitumständen von Informationen eine nicht geringe Bedeutung zukommt. Wer beispielsweise mit Freude und sinnvoll lernt, der wird einen anderen Zugang zu seinen Erinnerungen haben als jemand, der lustlos oder mit Ängsten zu lernen versucht.

Je positiver der Gesamtkontext, in dem gelernt wird, ist, desto nachhaltiger ist Lernen, weil positiv konnotierte Informationen leichter in Erinnerung gerufen werden können als solche, die mit negativen Gefühlen oder gar traumatischen Erlebnissen verbunden sind. Entsprechend sage ich meinen Nachhilfeschülern immer wieder, wie wichtig es ist, zusammen in einer angenehmen Lernumgebung die Nachhilfeeinheiten anzugehen.

Weil dies so wichtig, so entscheidend für erfolgreiches Lernen ist, vertiefe ich diesen Zusammenhang nochmals. Die Frage, was eine Information „bedeutet“, ist immens wichtig für unser Gehirn. Irgendwelche Informationen werden aus der Umwelt durch die Sinneszellen aufgenommen und in die elektrisch-chemische Sprache der Nervenzellen – in Aktionspotenziale und die Ausschüttung von Neurotransmittern – übersetzt. Die eingehenden Informationen werden dann abgeglichen mit bereits gemachten Erfahrungen und Erinnerungen. Das ist die Interpretation des Gehirns, welche zu einer bestimmten Bedeutung führt. Die Bedeutung basiert dabei auf der

  • Intensität eines Reizes
  • Qualität eines Reizes
  • Modalität eines Reizes
  • Ortsstruktur eines Reizes
  • Zeitstruktur eines Reizes

Das mag anfangs etwas kryptisch beschrieben erscheinen, aber der Sinn dahinter ist, eine Sprache zu gebrauchen, die nicht direkt mit herkömmlichen Assoziationen der Alltagssprache verbunden ist. Das kommt einem genauen philosophischen Sprachgebrauch nahe.

Das gilt auch und besonders für den Begriff des Geistes: In der Philosophie gibt es eine Subdisziplin, die „Philosophy of Mind“ genannt wird. Das, was sie von der reinen Kognitionswissenschaft unterscheidet, ist die Tatsache, dass darin auch Fragen diskutiert werden, welche nicht unmittelbar mit einem neuroanatomischen Ort verbunden sind – oder es noch nicht sind. Philosophen gebrauchen genau in diesem Moment den Begriff der Emergenz. Es gibt höhere kognitive Prozesse, die bis heute nicht vollkommen auf Grundlage der neuronalen Sprache des Gehirns erklärt werden können. Dazu zählen beispielsweise das Erleben von

  • Bewusstsein
  • Selbstbewusstsein
  • freier Wille

Wenn du einmal darüber nachdenkst, was diese Begriffe bedeuten, dann wird dir sicherlich schon eine Menge einfallen. Sofern du zur Erkenntnis gelangst, dass mit diesen Begriffen höchst komplexe Phänomene gemeint sind, dann herzlichen Glückwunsch! Sie gehören zu den höchsten kognitiv-mentalen Fähigkeiten, die wir Menschen kennen.

Neurobiologen sind zwar auf der Suche nach dem materiellen Substrat dieser Fähigkeiten, aber die aktuelle Forschung ist noch nicht so weit, eine eindeutige Verbindung zwischen der Aktivität bestimmter Nervenverbände und etwa dem Selbstbewusstsein herzustellen. Daher spricht man momentan noch von der Emergenz von den neurochemischen und biologischen Prozessen zum Geist. Ich jedenfalls bin gespannt, was in Zukunft darüber herausgefunden werden wird und teile dir natürlich beim Bildungsadler mit, sofern es epochemachende Neuerungen auf diesen Feldern gibt.

IV. DAS GEHIRN ALS SELBSTREFERENZIELLES SYSTEM
In der aktuellen Forschung betrachtet man das Gehirn als ein selbstreferenzielles System, also ein System, das auf sich selbst Bezug nimmt. Der Fachbegriff dazu lautet Autopoiesis. Gemeint ist damit beispielsweise, dass wir Menschen mit unserem Gehirn über unser Gehirn nachdenken können. Wir denken denkend über das Denken nach.

Beim Lernen spielt das eine wichtige Rolle. Denn die Tatsache, dass unser Gehirn beim Lernen etwas über das Lernen lernt, führt zum Fakt, dass frühere Bewertungen interner Eigenaktivität das aktuelle Lernen beeinflussen. Anders gesagt: Die Erfahrungen, die du bisher mit dem Lernen gemacht hast, wirken sich beispielsweise auf deine momentane Motivation zu lernen aus.

Das bedeutet zugleich: In dem Moment, in dem du in einer positiven Umgebung und motiviert lernst, tust du dir gleich doppelt Gutes: Das aktuell Gelernte wird positiv assoziiert in deinem Gedächtnis verknüpft, was dir das Erinnern daran erleichtert; und, zweitens, wirst du in Zukunft wiederum einfacher lernen, sowohl weil deine Motivation gesteigert als auch dein Vorwissen reicher geworden ist.

In diesem Zusammenhang spricht der Neurobiologe G. Roth (2010) auch vom „Lernen am eigenen Erfolg (oder Misserfolg)“. Ganz besonders wichtig ist auch seine Erkenntnis, dass Lernen grundlegend mit Gefühlen verbunden ist. Es ist keine rein rationale Angelegenheit, Vokabeln zu lernen oder sich auf die nächste Biologieklausur vorzubereiten. Immer spielen dabei auch Gefühle eine Rolle.
Lernen lernen
Im menschlichen Gehirn entstehen Gefühle, so hat Roth etwa in seinem Werk „Das Gehirn und seine Wirklichkeit“ (1996) ausgeführt, im Limbischen System. Das Limbische System liegt im Randgebiet zwischen dem Großhirn und dem Mittelhirn und ist die neuroanatomische Basis für all unsere Gefühle. Sehr viele Verknüpfungen mit anderen Bereichen des Gehirns, etwa mit dem für das Sprechen, Denken und Planen zuständigen Neokortex oder dem für die Erinnerungsbildung zuständigen Hippocampus, sind bereits wissenschaftlich nachgewiesen worden (vgl. Edelmann 200, 14).

Dabei kommt dem Limbischen System besonders die Bewertung aller äußerlichen Wahrnehmungen und damit zusammenhängender Prozesse im Gehirn zu. Es färbt sie emotional ein. Das ist der Grund dafür, dass Wahrnehmung mit Gefühlen einhergeht. Und weil Wahrgenommenes eine wesentliche Grundlage für die Gedächtnisbildung ist, erscheinen auch Erinnerungen je spezifisch eingefärbt – ganz besonders deutlich wird dieses Phänomen bei sehr lebhaften Erinnerungen an etwa besonders schöne oder traurige Erlebnisse. Auch das zu wissen, ist Lernen lernen.
Lernen lernen
V. DAS MENSCHLICHE GEDÄCHTNIS
Das Grundprinzip des Lernens ist es, dass bestimmte Themen oder Methoden verinnerlicht und anwendbar gemacht werden sollen. Irgendwann einmal hast du zum Beispiel das Lesen gelernt. Am Anfang war es sicherlich mühsam, das Alphabet zu lernen und die Verbindungen von Konsonanten und Vokalen zu Wörtern, die Bedeutung transportieren, zu erlernen. Mit der Zeit und durch intensives Training aber hast du es geschafft, so gut lesen zu lernen, dass du etwa diesen Artikel lesen kannst.

Diese Fähigkeit basiert auf Gedächtnisleistungen. Indem du dich etwa der Bedeutung einzelner Wörter erinnerst und sie im syntaktischen Zusammenhang eines Satzes liest, kannst du dessen Bedeutung dir erschließen. Weil dazu oftmals eine Interpretation nötig ist, kommen weitere, im Gedächtnis vorhandene, Erinnerungen oder Deutungsheuristiken zum Tragen. Der Neurobiologe Roth unterscheidet zwischen mindestens sechs Gedächtnissystemen, die da wären:

  1. Wiedererkennungsgedächtnis: Wiedererkennung eines nur einmal wahrgenommenen Objekts
  2. Arbeitsgedächtnis: verbindet wache Aufmerksamkeit mit gespeichertem Wissen
  3. Assoziationsgedächtnis: Verbindung mit Informationen des Langzeitgedächtnisses
  4. Langzeitgedächtnis: langfristig gespeicherte und abrufbare Informationen
  5. Explizites/deklaratives Gedächtnis: wird in ein semantisches und ein autobiografisches Subsystem unterteilt
  6. Implizites Gedächtnis: all das, was zum Beispiel prozedual erlernt wurde

Wenn du genauer darüber nachdenkst, was du gerade gelesen hast, dann fallen dir sicherlich ein paar Beispiele für jedes dieser Gedächtnissysteme ein. Sie spielen allesamt beim Lernen zusammen. Je nachdem, in welchem Stadium des Lernens du dich momentan befindest, mag das eine oder andere System im Moment wichtiger sein. Aber erst dann, wenn sie alle miteinander verknüpft und gut trainiert sind, fällt das Lernen leicht. Dabei gilt: Übung macht auch hier den Meister. Wer lernt zu lernen, der lernt die oben genannten Systeme miteinander zu kombinieren und für die jeweils anfallenden Aufgaben sinnvoll zu nutzen. Und das, so verrate ich dir ein Geheimnis, wird dir in deinem weiteren Leben höchst nützlich sein.

VI. SINNZUSAMMENHANG VON INFORMATIONEN
Lernen ist genau dann besonders effektiv, wenn Sinnzusammenhänge hergestellt werden. Der Begriff „Sinn“ ist dabei doppeldeutig, denn er verweist zugleich auf die Sinneswahrnehmung und auf das, was durch die Sinne in den Sinn, also ins Bewusstsein, kommt. Dabei gilt beim Lernen die Grundregel: Je mehr Kanäle zur Informationsaufnahme genutzt werden, desto wirksamer gestaltet sich das Lernen. Zwar hat jeder Mensch seine bevorzugten Sinne – bei manchen ist es das Sehen, bei manchen das Hören, bei wiederum manchen das Fühlen. Jedoch kannst du dir weitere Ressourcen deines Gehirns erschließen, sobald du mehrere Sinneskanäle zum Lernen nutzt. Eine beispielhafte Methode für die Verbindung zwischen visuellem und handelnden Lerntyp ist das Lernen mit einer Mindmap.

Wie oben bereits erläutert, werden aufgenommene Sinnesinformationen durch das Limbische System eingefärbt und somit beurteilt. In diesem Zusammenhang sind auch Nebeninformationen, welche du beim Lernen des Stoffes nebenbei aufnimmst, wichtig. Sie dienen als Hinweisreize, vermittels derer du dich später besser an das Gelernte erinnern kannst. Solche Hinweisreize sind etwa:

  • praktische Beispiele
  • Erfahrungshinweise
  • persönliche Erlebnisse

Das bedeutet Folgendes: Sobald du das zu Lernende, etwa Vokabeln, sinnvoll mit bereits gemachten Erlebnissen oder Lernerfahrungen verknüpfst, lernst du effektiver. Es macht einen Unterschied, ob du dir stur Vokabeln einer ellenlangen Liste einzutrichtern versuchst, oder ob du Vokabeln, die dir bisher partout zu lernen schwer gefallen sind, mit einem persönlichen Erlebnis oder einer Vorstellung verbindest. Dadurch färbst du die Lernerfahrungen positiv und im Sinne einer klassischen Konditionierung ein. Probiere es doch einfach mal aus bei der nächsten Vokabel, die dir sperrig erscheint, und baue sie in einen kurzen Merksatz mit ein, der eine dir bekannte Person oder ein gemachtes Erlebnis beinhaltet.

Was aber, wenn es sich um recht abstrakte Begriffe handelt, die nicht ohne Weiteres mit einer konkreten Situation verbunden werden können? Auch darauf haben Lernforscher (etwa Dumme 1984) eine gute Antwort gefunden. Es macht nämlich hochgradig Sinn, solche Abstrakta ebenso wie begriffliches Wissen und Handlungswissen in eine der nachfolgenden Weisen zu ordnen:

  • in Cluster (beispielsweise einer Mindmap)
  • in Kategorien
  • in Hierarchien

Indem Begriffe miteinander systematisch in Beziehung gebracht werden, wird ihr Sinn deutlich.
Vokabeln lernen auf kreative WeiseUnd sobald du den Sinn verstanden hast, hast du sinnvoll gelernt. Du merkst: Es macht Sinn, vielartig sinnlich zu lernen und Erlerntes sinnvoll anzuordnen, damit es schließlich für dich Sinn ergibt. Sobald du den vorherigen Satz wirklich verstanden hast, hast du einen wichtigen Schritt getan in Richtung Lernen lernen.

Zusammenfassung: Lernen lernen

Lernen lernen kann als eines der wichtigsten Ziele des Schulunterrichts beurteilt werden. Damit hängt das Konzept des lebenslangen Lernens zusammen, welches die Europäische Union für herausragend wichtig hält.
Dadurch, dass du dir den Artikel „Lernen lernen“ durchgelesen hast, konntest du viel darüber erfahren, was alles im Begriff des Lernens inbegriffen ist. Heutzutage kann er am fruchtbarsten interpretiert werden, wenn das Lernen lernen interdisziplinär untersucht und angewendet wird.
Wenn du mehr über die kognitive Wende erfahren willst, empfehle ich dir, den Artikel Lernen als mentale Repräsentation zu lesen.
[info]
Gudjons, H. (2012): Pädagogisches Grundwissen.
[/info]

Jan-Benedikt Kersting

Jan-Benedikt Kersting

Freiberuflicher Bildungscoach bei Creactivity-Solutions
Freiberufliche Tätigkeiten erfordern ein Höchstmaß an Flexibilität und Kreativität. Kombiniert mit fachlicher Kompetenz und Organisationsfähigkeit kann ich auch ihr Projekt ins Internet bringen. Oder sind Sie an Sprachkursen in Englisch und Deutsch interessiert? Dann kontaktieren Sie mich bitte über die Emailadresse: kontakt@bildungsadler.de
Jan-Benedikt Kersting

Letzte Artikel von Jan-Benedikt Kersting (Alle anzeigen)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

15 + 20 =