Warum wir Schule brauchen

Brauchen wir Schule überhaupt? Das ist eine Frage im Kontext der Kulturanthropologie, die du nach dem Lesen dieses Artikels wohl bejahen wirst. Sie hängt mit der Auffassung zusammen, dass Menschen erst durch die Entwicklung und Weitergabe von Kultur in der Lage waren, fast alle Gegenden der Welt zu besiedeln und zur dominierenden Spezies auf Erden aufzusteigen.
Es ist hochspannend, einmal hinter die Kulissen von Philosophen und der Kulturanthropologie zu schauen und nachzuvollziehen, was sie etwa damit meinen, wenn sie den Menschen als ein „Mängelwesen“ bezeichnen, das sich als Kompensation für biologische Nachteile die Kultursphäre erschaffen habe. Solche und andere Vorstellungen des Menschen stelle ich dir in diesem Artikel vor. Am Ende wirst du erfahren, dass es bei aller Kultur letztendlich auf dich und deine Selbsttätigkeit beim Lernen ankommt, um ein freies Individuum in der Sphäre der Kultur zu werden.

Kulturanthropologie
Die Grundfrage, ob oder warum Erziehung notwendig sei, führt tief in philosophisch-anthropologische Überlegungen hinein. Sie wurde, so zeigt die Geschichte der Kulturanthropologie, zu den verschiedenen Zeiten unterschiedlich zu beantworten versucht im Kontext einer allgemeineren Fragestellung, nämlich: Was ist der Mensch? Das Spannende an den unterschiedlichen Antworten ist, dass sie je ein implizites Menschenbild transportieren.
In ihren extremen Ausgestaltungen betrachten konträre Theorien den Menschen als

  • biologisches Mängelwesen
  • Krone der Schöpfung

Wenn Erziehung als humanisierende Kraft verstanden wird, dann besteht die Kraft der Erziehung darin, Erkenntnisse praktisch anwendbar zu machen. Dazu macht es hochgradig Sinn, mehr als eine Quelle anzuzapfen und die unterschiedlichen wissenschaftlichen Disziplinen interdisziplinär zueinander in Beziehung zu setzen. Quellen einer interdisziplinären Pädagogik sind etwa die

  • Biologie
  • Psychologie
  • Medizin
  • Kulturanthropologie
  • Philosophie
  • Theologie

Was ich in diesem Artikel ausführen werde, sind historisch bedeutsame und aktuelle Ansätze, welche die Frage nach der Notwendigkeit von Erziehung bejahen und dafür Argumente aus den genannten Disziplinen heranziehen. Somit fungiert er sowohl als Einleitung in interdisziplinäres Forschen, als geschichtlicher Überblick und als Sprungbrett zu aktuellen die Bereiche Erziehung und Bildung betreffenden Diskursen. Ich gehe dabei systematisch vor und unterteile die nachfolgende Erörterung in zwei große Themenblöcke:

  1. Biologische Aspekte
  2. Philosophische Aspekte

1. BIOLOGISCHE ASPEKTE
Zuerst stelle ich einen Klassiker namens A. Gehlen vor. Seine These lautet, dass der Mensch im Gegensatz zu Tieren ein Mängelwesen sei. Bereits Nietzsche hatte davon gesprochen, der Mensch sei ein „nicht-festgestelltes Tier“. Trotzdessen, dass Menschen bei ihrer Geburt beiweitem nicht so entwickelt sind wie etwa andere Primatenbabys, habe der homo sapiens es als einzige Spezies geschafft, so gut wie alle Lebensräume zu bevölkern.
Kulturanthropologie
Da fragt sich natürlich, wie er das bewältigen konnte? Gehlen geht hin und stellt die Theorie auf, dass der Mensch sich handelnd eine kulturelle Ersatzwelt erschaffe. Darin impliziert ist die immens hohe Lernfähigkeit der Menschen, die als eine Art Kompensation der Mängel in Erscheinung tritt.
Die Lernfähigkeit, deren Grundlage die Phylogenese des menschlichen Gehirns ist, bewirkt, dass der Mensch ein Kulturwesen ist.
Besonders hilfreich und erfolgreich hat sich dabei die Sprachfähigkeit des Menschen erwiesen. In der geschichtlichen Entwicklung haben Menschen Institutionen gebildet, innerhalb derer besonders sprachliches Wissen tradiert werde. Sie wirken als „stabilisierende Gewalten“ in der Entwicklung hin zu komplexen Wissensgesellschaften.

Ein zweiter Klassiker ist A. Protzmann. Er vertrat die These, dass der Mensch seine Sonderstellung durch eine physiologische Frühgeburt heraus erlangt habe. Der Mensch wachse auf und entwickele sich in einem „extra-uterinen Frühjahr“, worin er mit der menschlichen und kulturellen Umwelt interagiere, so dass sich als Folge bestimmte Merkmalsentwicklungen ausprägen. Dazu gehören

  • aufrechter Gang
  • Anfänge der Sprache
  • Handlungsfähigkeit

Dieses intensive Lernen sei die Grundlage für die späteren Kulturleistungen.
Kulturanthropologie
Mit dem Namen J. von Uexküll ist ein weiterer einflussreicher Anthropologe benannt. Er war der Ansicht, dass Tiere allgemein auf eine spezifische Umwelt hin ausgelegt seien. Anders der Mensch: Er habe nicht Umwelten, sondern er habe – Welt. Dadurch sei er umweltungebunden und weltoffen. Die Folge daraus sei, dass der instinktarme und nicht-festgelegte Mensch der menschlich-kulturellen Entwicklung bedürfe, um sein Mensch-Sein auszubilden.
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Allgemein kann gesagt werden, dass der Mensch durch seine phylogenetische Entwicklung besonders eine gesteigerte Lernfähigkeit ausgebildet habe, die mit der Evolution des menschlichen Gehirns aufs Engste verbunden ist. Dadurch, dass der Mensch sehr effektiv lerne, überwinde er die genetische Disposition, die ihn im Vergleich mit anderen Tieren von der Körperkraft oder der Ausstattung mit Waffen oder Verteidigungsmöglichkeiten relativ schwach erscheinen lassen würde. In der Ontogenese, der individuellen Entwicklung einer Einzelperson also, profitiere jeder Mensch von tradierten und selektierten Wissen vorheriger Generationen. Das ist es, was sich in den angepassten Lehrplänen einer jeden Generation zeigt.

Ergebnisse aus der Humanethologie (allgemeinen Verhaltensethologie) stellen den Menschen als Produkt der evolutionären Tierreihe dar. Die universell anzutreffende Verbreitung menschlicher Verhaltensweisen – etwa mimischer Expression von Gefühlen – wird mit der gemeinsamen evolutionären Vergangenheit in Beziehung gesetzt.
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Daraus resultiert auch die Ablehnung einer dichotomen Sichtweise, die qualitative Unterschiede bzw. Dualismen zwischen Mensch und Tier postuliert. Es gebe kein Merkmal, das den Menschen einzigartig mache, sondern es existieren lediglich quantitative Unterschiede. Beispielsweise zeigen manche Primaten wie Bonobos erstaunliche symbolische Sprachbegabungen oder es gibt Tiere, etwa Delphine, welche, wie Spiegelexperimente zeigen, ein Ich-Bewusstsein ausgebildet haben. Selbst hoch komplexes Sozialverhalten wie bewusstes Täuschen von anderen Individuen finden sich in der Futterlagerung von Kaledonischen Krähen, die wohl über eine Theory of Mind zu verfügen scheinen.

In einer neueren Disziplin, der evolutionären Pädagogik, werden folgende Forschungen zu integrieren versucht:

  • Evolutionstheoretische Forschung
  • Neurophysiologische Forschung
  • Soziobiologische Forschung

Ein wichtiges Beispiel solcher interdisziplinärer Forschungsansätze ist, dass es in der menschlichen Ontogenese wichtige Entwicklungsphasen gebe, so etwa die Sprachentwicklung betreffend: Ein Kind aus China beispielsweise, das nach der sensiblen Phase nach Deutschland kommt, kann weder hörend noch sprechend die Konsonanten „R“ und „L“ unterscheiden.
Das Beispiel habe gezeigt, dass die „Natur des Menschen […] das tragende Fundament jeden kulturellen Überbaus, also auch der Erziehung“ (Gudjons 2012, 186) sei.
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Es scheint sich so zu verhalten, dass dem Menschen ein allgemeiner Selektionsvorteil aus der phylogenetischen Begabung erwachse, während diese sich im ontogenetischen Erziehungsprozess entfalte. Darin erweitere ein Mensch seine Kompetenzen durch Kultur zum Zwecke der Systemerhaltung (Treml 2000, 11ff.).
Die beiden Grundauffassungen, dass der Mensch einerseits ein Mängelwesen sei, das der Kultur als Kompensation der Mängel bedürfe, und andererseits ein geistbegabtes Wesen sei und Kultur als Ausdruck des Reichtums entstünde, kann miteinander fruchtbar in Beziehung gesetzt werden (Roth 1966, 149):

„Die Kehrseite seiner Lern- und Erziehungsbedürftigkeit ist seine unendliche Lern- und Erziehungsfähigkeit.“

Das also sind aus biologischer Sicht die beiden Seiten ein und derselben Medaille.

2. PHILOSOPHISCHE ASPEKTE
Es gab zwei Philosophen, welche die moderne Biologie vorweggenommen haben, obgleich uns die Formulierungen heutzutage interpretationsbedürftig erscheinen. Sie sagten folgendes:

  • Herder: Er sah den Mensch als den „ersten Freigelassenen der Schöpfung“
  • Kant: Ein Mensch könne nur Mensch werden durch Erziehung (und nicht im Naturzustand Mensch sein)

Der Erziehung des Menschen sprechen beide Philosophen also einen sehr hohen Stellenwert zu, da sie überhaupt erst den Menschen zum Menschen mache. Damit wenden sie sich gegen die Philosophie Rousseaus, der meinte, dass die Pädagogik den Menschen aus seinem an sich guten Naturzustand heraus reiße.

Noch in der modernen Biologie gab es Auffassungen, die den Menschen als Krone der Schöpfung darstellten. Besonders zu nennen ist Max Scheeler (1928), der sagte, dass der Mensch

  • ein Geisteswesen sei
  • umweltfrei und weltoffen sei
  • über Selbstbewusstsein verfüge

Das unterscheide den Menschen vom Tier. Aktuelle Forschungen in der kognitiven Ethologie aber zeigen, dass auch Tiere über derartige Fähigkeiten verfügen, die früher einzig dem Menschen zugesprochen worden sind.
Kulturanthropologie
Auch Helmuth Plessner (1975) postulierte, dass der Mensch ein reflexives Wesen sei, welches

  • sich selbst betrachten könne
  • „Ich“ sagen könne

Folglich käme ihm eine exzentrische Stellung in der Naturordnung zu. Er sei qualitativ von anderen Tieren unterschieden. Dazu trug auch ein Einblick in das Spektrum weiterer Einsichten bei:

  • Ich-Haftigkeit
  • Reflexivität
  • Sinnverwiesenheit
  • Freiheit
  • Interpersonalität
  • Leiblichkeit
  • Sinnsuche
  • Geschichtlichkeit

Ob sich derartige Menschenbilder in Zukunft noch halten können, darf angezweifelt werden. Immer deutlicher tritt nämlich zutage, dass es zu Tieren lediglich quantitative Unterschiede gebe. Das Gute an dieser Entwicklung ist: Aus alledem wurde erkannt, dass die Frage nach dem Menschsein eine grundlegend offene ist. Sie kann weder einfach noch pauschal beantwortet werden, ohne damit gewichtige Erkenntnisse aus anderen Bereichen der Wissenschaft auszublenden.

GRUNDLEGENDES LERNEN VON KULTUR
Die Grundidee, welche aus dem vorherig Gesagten herausgearbeitet wurde, lautet: Ohne Kultur kein menschliches Überleben. Es ist also überlebenswichtig für jeden Menschen, an der Kultur teilzuhaben oder sie mit zu gestalten.
Kulturanthropologie
Dafür prägte Loch (1968) den Begriff der Enkulturation, welcher den grundlegenden Prozess des Hineinwachsens in die Kultur bezeichnet. Das geschehe durch

  • Erlernen und Teilhabe an Sprache
  • Gefühlsmäßige Ausdrucksformen
  • Rollen und Spielregeln
  • Formen des Arbeitens, der Wirtschaft, der Kunst, der Religion, des Rechts…

Enkulturation ist dabei ein Begriff, der dem der Sozialisation übergeordnet ist (Gudjons 2012, 188).
Sozialisation meint nämlich genauer „das Lernen einer besonderen Klasse kultureller Inhalte: das Lernen der moralischen Ordnung einer Gesellschaft“ (Tend 1969, 48).
Beispielsweise lerne das Kind in der Enkulturation eine historische Einzelsprache wie das Deutsche und während der Sozialisation, dass es die Sprache nicht zum Fluchen oder Mobben benutzen solle. Sozialisation sei verbunden mit der Vorstellung des Sozial-Werdens, Erziehung im engeren Sinn mit einem Sozial-Machen. Die Individuation ist dann der abschließende Prozess, durch welche ein Individuum eine singuläre, einzigartige Individualität entwickele.

Das Modell lässt eine wichtige Frage ungeklärt: Wie kann ein von der Enkulturation, Sozialisation und Erziehung abhängiges Wesen autonom werden, Unabhängigkeit und Eigenständigkeit erreichen?

Benner: Entwicklung durch Selbsttätigkeit
Darüber hat sich Benner Gedanken gemacht. Sein pädagogischer Grundgedanke sei nachfolgend ausgeführt.
Der Mensch also könne und müsse sich auch entwickeln. Anstatt durch seine Anlagen determiniert zu bleiben, müsse er sich der Bildsamkeit hingeben. Anstatt durch seine Umwelt determiniert zu bleiben, müsse er zur Selbstständigkeit aufgefordert werden. Ganz besonders wichtig für die Entwicklung hin zu einem unabhängigen und eigenständigen Individuum ist das selbstständige Lernen. Ich sage zum Beispiel jedem meiner Nachhilfeschüler, dass ein Unterschied darin besteht, ihnen einen Weg der Entwicklung aufzuzeigen und den Weg selbst zu begehen. Soll bedeuten: Es muss das Moment der Selbsttätigkeit hinzukommen für erfolgreiche Entwicklung. Ohne eigenes Zutun kann einem das weite Feld der Kultur offen liegen, ohne dass es genutzt werden würde.
Kulturanthropologie
In Benners Ansatz finden sich zwei Implikationen:

  1. Theoretische Implikation: „Imperfektheit“ —> Notwendigkeit der Erziehungspraxis
  2. Praktische Implikation: Erziehungspraxis —>Bestimmtheit des Menschen

Es sei also die Erziehungspraxis, welche den Menschen von seiner Imperfektheit zur Bestimmtheit führen könne, solle und müsse.

Dafür stellt Benner vier Seiten der Erziehungspraxis heraus:

  • Individuelle Seite der Erziehungspraxis: Der Mensch könne zur Selbstbestimmung gebildet werden UND er müsse zur Selbstständigkeit aufgefordert werden
  • Gesellschaftliche Seite der Erziehungspraxis: gesellschaftliche Determination müsse in pädagogische Determination überführt werden UND es müsse der Zusammenhang aller menschlicher Praxen aufgedeckt und die Höherentwicklung der Menschheit als gemeinsames Ziel bewusst gemacht werden

In Worten Benners klingt es so, dass

„reflexive, zu neuen Erfahrungen, Nachdenken und Selber-Handeln anregende Wirkungen nur durch Aufforderung zur Selbsttätigkeit bewirkt, niemals aber unmittelbar oder direkt herbeigeführt, angestrebt, veranlasst oder erzeugt werden können“ (Benner 2001, 17)

Ich betone es nochmals: Es muss also durch Aufforderung der Mensch zur Selbsttätigkeit gelangen, damit jene Wirkungen eintreten können, die wiederum neue Erfahrungen ermöglichen.
Es müsse der Mensch, dem der Weg gezeigt werde, ihn selbsttätig gehen, damit er zugleich zum Ziel pädagogischen Handelns werden könne.

Zusammenfassung: Kulturanthropologie

Der Mensch hat durch die frühe Geburt bereits nach neun Monaten Schwangerschaft kein weit entwickeltes Repertoire an Überlebensfähigkeiten. Darin unterscheidet er sich zu anderen Tieren. Was der Mensch allerdings mitbringt, ist seine enorm hohe Lernfähigkeit, so dass er komplexe Kommunikationsformen wie die Sprache erlernen kann. Das befähigt ihn zudem, an der Welt der Kultur teilzunehmen und tradiertes Wissen vorangegangener Generationen dafür zu nutzen, sehr erfolgreich die Welt zu bevölkern.
Es ist unklar, ob der Mensch ein Mängelwesen ist, der sich die Kultur als Kompensation erschaffen habe, oder ob der Mensch die Krone der Schöpfung darstellt, als geistbegabtes Wesen. Wie auch immer: Entwicklungsrückstand und Lernbegabung scheinen zwei Seiten der Kulturmedaille zu sein.

Kultur allein reiche aber nicht aus, um den Menschen zu einem freien und einzigartigen Individuum heranzubilden. Was notwendig hinzu kommen muss, ist das selbstständige Lernen. Erst dann, wenn der Mensch diese Selbstständigkeit erlangt hat, kann er sich als freies Individuum in der Kultursphäre der Menschheit entwickeln.

Jan-Benedikt Kersting

Jan-Benedikt Kersting

Freiberuflicher Bildungscoach bei Creactivity-Solutions
Freiberufliche Tätigkeiten erfordern ein Höchstmaß an Flexibilität und Kreativität. Kombiniert mit fachlicher Kompetenz und Organisationsfähigkeit kann ich auch ihr Projekt ins Internet bringen. Oder sind Sie an Sprachkursen in Englisch und Deutsch interessiert? Dann kontaktieren Sie mich bitte über die Emailadresse: kontakt@bildungsadler.de
Jan-Benedikt Kersting

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