Kritische Erziehungswissenschaft

Kritische Erziehungswissenschaft hat die Förderung der herrschaftsfreien Kommunikation als Grundidee. Herrschaftsfreie Kommunikation bedeutet, dass jeder, der an einem Diskurs zu einem bestimmten Thema teilnimmt, prinzipiell gleichberechtigt ist. Es gibt also keine Hierarchie, wer etwas sagen oder nicht sagen darf. Diese Art gleichberechtigter Bildung ist Kennzeichen dieser Richtung der Erziehungswissenschaft. Die kritische Erziehungswissenschaft grenzt sich von den „traditionellen Theorien“ der geisteswissenschaftlichen Pädagogik und der rational-empirischen Erziehungswissenschaft ab im Zuge des Positivismusstreites, der in den 1960er Jahren zwischen der Empirischen Sozialwissenschaft und der Kritischen Erziehungswissenschaft aufkam.

Gleichberechtigung

Gleichberechtigung

Die Kritische Erziehungswissenschaft erkannte das Problem der Paradigmenurheberschaft:

„Positivismus heißt, das Gesetzte, Gegebene (lateinisch: positivum) ist Gegenstand der Wissenschaft. Aber: Wer setzt, wer entscheidet über die Gültigkeit und Legitimation des Gegebenen?“ (Gudjons 2012, 39)

Damit gemeint ist die empirisch-positivistische Wissenschaft. Sie sei es, die darüber bestimme, was das Gegebene sei, ohne dass sie über sich selbst reflektiere. Denn, im Grunde genommen, ist sie selbst ein Teil dessen, worüber sie wissenschaftliche Aussagen, d.h. mit Objektivitätsanspruch, aufstelle.

Darin kommt das Problem der impliziten Parteinahme zum Ausdruck. Sie bezieht sich ausschließlich auf das, was empirisch erforschbar sei. Das aber ist eine Form des Dogmatismus. Es sei „das Wirklichkeitsverständnis des Positivismus dogmatisch: Nur was empirisch erforschter ist, darf Gegenstand von Wissenschaft sein.“ (ebd.)

Ein solches Wirklichkeitsverständnis, so analysiert die Kritische Erziehungswissenschaft, erschließe sich aus einer konservativen Grundhaltung:

„Es dominiert ein konservativer ,Wirklichkeitssinn’ gegenüber einem utopisch vorgreifenden ,Möglichkeitssinn’. Kann denn Wissenschaft nicht sagen, wie ein gutes Leben für alle, wie eine gute Erziehung und Bildung aussehen sollten?“ (ebd.)

Ein weiterer Kritikpunkt, so die Kritische Erziehungswissenschaft, bestehe im Problem der Exklusivität: Dadurch, dass die Abstraktion vorherrschendes Kriterium des Rationalismus sei, werde der Blick für das „Individuelle an den Menschen“ vernachlässigt. Daraus folgt eine Affinität für alles Technische. Das Technische werde zum „Handlungsmodell z.B. für die Erziehung“, was bewirke, dass dann „Fremdbestimmung“ auf der Hand liege (ebd.).

Kritische Erziehungswissenschaft: Zielsetzungen
Insgesamt versucht die Kritische Erziehungswissenschaft, Elemente unterschiedlicher Ansätze aufzunehmen und zu integrieren.

1. Element der Reflexion
Das Element der Reflexion entstammt dem Rationalismus. Auch die Kritische Erziehungswissenschaft legt Wert darauf, auf die Bedingungen der Erziehung zu reflektieren. Jedwede Erziehungspraxis unterliege dabei gesellschaftlich-politischer Bedingtheit. Ebenso gelte dies für pädagogische Aussagen. Es wird also kein Autonomie-Anspruch postuliert.

2. Element der Implikation
Das Element der Implikation entstammt ebenfalls der rationalistischen Erziehungswissenschaft. Es sei wichtig, immer eine „Analyse der sinnenhaften Voraussetzungen jeder Wissenschaftspraxis“ anzustellen und eine kritische und fortlaufende Reflexion von „Wissenschaft […] samt ihrer Bedingungen“ (ebd, 40) zu betreiben.

3. Element des erkenntnisgreifenden Interesses
Dazu gehöre, drittens, auch das Element des „erkenntnisgreifenden Interesses“. Damit ist gemeint, dass bestimmte Erkenntnisse nur deshalb als solche in Diskursen postuliert würden, weil es bestimmten Interessengruppen nutzen kann, dass solche Erkenntnisse publik werden. Es gilt entsprechend, eine Problematisierung der Bedingungen von Problemwahl und Erkenntnisverwertung in der Wissenschaft mit zu bedenken.

4. Element der rationalen Kritik
Das vierte Element, das für Kritische Erziehungswissenschaft wesentlich ist, kann das Element der Kritik durch rationale Diskussion genannt werden. Es beinhaltet auch ein kritisches Nachdenken über die gegenwärtige Erziehungspraxis:

„Theorie hat ,kritische’ Theorie zu sein, durch rationale Diskussion wird technokratische Verfügungsgewalt einschließlich ihrer ideologischen ,Rechtfertigungen’ oder ,Abschirmungen’ analysiert und schonungslos aufgedeckt. So wird Erziehungspraxis über sich selbst aufgeklärt…“ (ebd.)

5. Element der Emanzipation
Schließlich beinhaltet die Kritische Erziehungswissenschaft das Element der Emanzipation. Dieses sei das „leitende Erkenntnisinteresse“ zwecks der Förderung der „Vernünftigkeit und Selbstbestimmung der Subjekte“ (ebd.).

Alles zusammengenommen, zeige sich Kritische Erziehungswissenschaft als eine „Sichtweise, mit der Probleme lokalisiert und Hypothesen entwickelt werden können“ (ebd.).

Kritische Erziehungswissenschaft: Normative Basis und Methodik
Die Normen der Kritischen Erziehungswissenschaft können auf vier Begriffe gebracht werden:

  • Aufklärung
  • Vernunft
  • Emanzipation
  • Selbstbestimmung

Daraus lässt sich eine Methodik ableiten, die wiederum durch vier Prinzipien gekennzeichnet werden kann:

Als Erstes geht es um Ideologiekritik. Definiert wird Ideologie als „von Herrschaftsinteressen gesteuerte Rechtfertigungslehren“ (ebd., 41). Jedwede Ideologie, etwa die der Nationalsozialisten, diene der Stützung und Rechtfertigung von Machtverhältnissen.

Pädagogen wiederum können Ideologien dadurch entgegen wirken, dass sie sie konstruktiv kritisieren. Ein Pädagoge, so die Auffassung der Kritischen Erziehungswissenschaft, verbindet Kritik mit Vorschlägen zur „Verbesserung der Bedingungen“ zur „Veränderung der Erziehungspraxis“ (ebd.).

Leitend ist die Maxime, einen herrschaftsfreien Diskurs zu ermöglichen. Kritik werde als evolutionärer Prozess aufgefasst. Ein herrschaftsfreier Diskurs basiere auf „der erörternden Auseinandersetzung mit gleichen Rechten aller, ohne Herrschaft, Bevormundung, etc. als der letzten Rechtfertigungs- und Legitimationsbasis“ (ebd.).

Bildung als gesellschaftlicher Prozess

Damit ist ein Grundprinzip der Demokratie angesprochen: Die Grund- und Menschenrechte richten sich daran aus, dass jeder Bürger dieselben Rechte und Pflichten habe. Jeder darf beispielsweise seine Meinung frei zum Ausdruck bringen. Dabei ist zu beachten, dass es in der Gemeinschaft auf wertschätzende und konstruktive Kommunikation ankommt. Die Bedingung eines herrschaftsfreien Diskurses, so macht Reflexion bewusst, basiert eben auf den oben genannten Normen:

„Wenn aber Menschen in Verhältnisse rational verändernd eingreifen können, müssen Kritikfähigkeit, Aufklärung, Selbstbestimmung, Emanzipation und Vernunft Leitbegriffe der Bildung junger Menschen sein.“ (ebd.)

Daraus folgt, dass Bildung „nicht vorwiegend individuelles ,Gut’ […], sondern […] als gesellschaftlicher Prozess“ (ebd.) begriffen werden muss.

Kritik an der Kritischen Erziehungswissenschaft
Auch die Kritische Erziehungswissenschaft wurde kritisiert. Ein Hauptkritikpunkt lautet etwa, dass sie die individuellen psychologischen Bedürfnisse eines Menschen ausblende. Dass aber auch diese zu einer ganzheitlichen Pädagogik dazugehören, kann ich aus meiner Erfahrung als Nachhilfelehrer sagen.

Quellenangabe:
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Gudjons, H. (2012): Pädagogisches Grundwissen. Bad Heilbrunn.
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Jan-Benedikt Kersting

Jan-Benedikt Kersting

Freiberuflicher Bildungscoach bei Creactivity-Solutions
Freiberufliche Tätigkeiten erfordern ein Höchstmaß an Flexibilität und Kreativität. Kombiniert mit fachlicher Kompetenz und Organisationsfähigkeit kann ich auch ihr Projekt ins Internet bringen. Oder sind Sie an Sprachkursen in Englisch und Deutsch interessiert? Dann kontaktieren Sie mich bitte über die Emailadresse: kontakt@bildungsadler.de
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