Kritisch-rational-empirische Erziehungswissenschaft

Die Grundprinzipien der kritisch-rational-empirischen Erziehungswissenschaft beruhen auf Erklärung und Prognose. Im Sinne des Empirismus ist der Ausgang einer Erklärung immer die Sinneswahrnehmung. Auf diese wird sich erklärend bezogen, indem Wirkungs-Ursache-Zusammenhänge aufgesucht werden. Aus der Relation zwischen Ursache und Wirkung werde es dann kausal möglich, eine Prognose über zukünftige Ereignisse, die empirisch wahrnehmbar sein müssen, anzustellen.

Die kritisch-rational-empirische Erziehungswissenschaft entstand in den 1960er Jahren in Abgrenzung zur Geisteswissenschaftlichen Pädagogik mit der Kritik, dass diese zu „spekulativ“ sei. Mit der so genannten Realistischen Wende kamen empirische Methoden in der Erziehungswissenschaft zu ihrem Durchbruch.

Rational-empirische Erziehungswissenschaft

Rational-empirische Erziehungswissenschaft

Zusammengefasst kann der kritisch-rationale Empirismus wie folgt zusammengefasst werden:
„Durch das Erstellen von Hypothesen und deren Überprüfung werden Sachverhalte erklärt bzw. auch Prognosen erstellt (Wenn-dann-Hypothesen). Erklärung und Prognose sind damit im Unterschied zum Verstehen in den Geisteswissenschaften Zentralbegriffe des Kritischen Rationalismus.“ (Gudjons 2012, 37).

An dieser Entwicklung hatte vor Allem die Rezeption des Kritischen Rationalismus von Karl Popper Anteil.
Ebenso bedeutsam waren die Arbeiten von W. Brezinka, dem es um die Klärung des Wissenschaftsbegriffes ging. Er entwickelte ein theoretisches Konzept, in welchem er zwischen einer als Wissenschaft aufgefassten Erziehungswissenschaft einerseits und andererseits zwischen einer Philosophie der Erziehung und drittens einer Praktischen Pädagogik unterschied.
Die kritisch-rationale Komponente kommt darin zum Ausdruck, dass „die wertende Deutung der Welt, die Sinngebung des Lebens, die Aufstellung von Wertrangordnungen, die Festsetzung moralischer Normen und die Beeinflussung von Menschen nicht zu den Aufgaben der Wissenschaft“ (Gudjons 2012, 35) gehöre.

Genauer gesagt zählen zu der Philosophie der Erziehung folgende Zielsetzungen:

  • metaphysische Probleme
  • moralische Fragen
  • erkenntnistheoretische Fragen
  • allgemeine philosophische Grundlagen
  • Geschichte der Pädagogik (Historiographie)

Und zur Praktischen Pädagogik werden

  • Handlungsbefähigung
  • und Vorschriften

gezählt (vgl. Gudjons 2012, 36).

Rationalismus in der Erziehungswissenschaft

Hingegen gehe es in der Erziehungswissenschaft um „nomologisches Wissen“, also um gesetzartiges Wissen. Die zentrale Absicht liege darin, „erziehungstechnologisches Wissen über Kausalzusammenhänge und Zweck-Mittel-Beziehungen“ (ebd.) zu erlangen.

Die Grundfrage der empirisch-analytischen Wissenschaft lautet also:

„Was ist der Fall und warum ist etwas der Fall?“ (Fenn 1990, 691)

Um diese Frage zu klären, ist es notwendig, eine genaue Methodik des Wissens zu haben. Zuallererst muss Klarheit über die Begriffsbildung herrschen, indem die Implikationen der Begriffe geklärt werden. Zum Beispiel ist den Begriffen „Unterricht“ und „Informationsvermittlung“ implizit gemeinsam, dass sie je „Vorwissen, Erfahrung und Theorien“ (Gudjons 2012, 26) enthalten. Dies zu wissen ist notwendig für das Operationalisieren bei der für die empirischen Wissenschaften zentralen Herangehensweise der Hypothesenbildung.

Zweitens ist es wichtig, sich bewusst zu machen, dass es Vorgängertheorien gebe, die für den „Verarbeitungsprozess von (Vorgänger-)Theorien für (Nachfolger-)Theorien“ (Krumm 2004, 513) bedeutsam sind. Eine Theorie werde selten grundlegend neu entdeckt, sondern durch eine Art Evolution solange modifiziert, bis sie falsifiziert oder revolutioniert werde.

Drittens muss eine Theorie in einem Begründungszusammenhang stehen. Eine Hypothese muss überprüft werden, und zwar gemäß der von Popper populär gewordenen Methodik der Falsifikation. Falsifikation besagt im Grunde, dass eine Theorie oder ein Teil daraus nie endgültig bewahrheitet werden, aber prinzipiell immer widerlegt werden kann.

Wissenschaft habe keine Verantwortung, was aus ihr folge

Was aus einer so entwickelten Theorie dann praktisch folge: das liege nicht mehr im „Verantwortungsbereich der Wissenschaft“ (Gudjons 2012, 37).

Das wiederum erinnert stark an Dürrenmatts Drama „Die Physiker“, in dem der Schweizer Schriftsteller 21 Thesen aufstellt. Eine davon besagt sinngemäß, dass Wissenschaftler die Wissenschaft etwas angehe, was aber daraus entstehe, das gehe alle Menschen etwas an. Er hat dabei die Entdeckung der Kernspaltung und die daraus gefolgt seiende Entwicklung der Atombombe im Sinn. Die Tatsache, dass die Kernspaltung entdeckt worden sei, ist erst einmal wertfrei zu beurteilen. Die Entwicklung und der Einsatz der Atombombe hingegen: das geht alle Menschen etwas an, wie nicht zuletzt der Kalte Krieg jahrzehntelang gezeugt hat.

Der Kritik-Begriff im Kritischen Rationalismus

Eine besonders in der Wissenschaftstheorie zentrale Vorstellung hat Popper mit der Methode der grundsätzlichen Falsifizierbarkeit von Theorien auf den Begriff gebracht. Die Grundidee lautet wie folgt:

„Kritik heißt, Theorien und Gesetze möglichst vielen Falsifikationsversuchen auszusetzen.“

Forschungsprozesse laufen demnach so ab, dass

    1. eine Problemsituation 1 formuliert wird
    2. vorläufige Lösungsvorschläge in Form einer Theorie aufgestellt werden
    3. diese Theorie auf Fehler und Fehlmessungen geprüft wird
    4. eine Problemsituation 2 entsteht

Popper hat diesen Prozess einmal so bezeichnet:

„Wissenschaft geht von offenen Problemen aus und endet mit offenen Problemen.“ (Popper 1979, 190).

Das Konzept des Rationalismus

Eine Definition des Rationalismus besagt, dass „die Wissenschaft rationale Konstrukte zur Erklärung [der] Wirklichkeit“ (Gudjons 2012, 37) entwerfe.

Solche Konstrukte sind

  1. nomologische Hypothesen (es geht um wahre Gesetze)
  2. Theorien (es geht um Systeme wahrer Gesetze)

Albert nennt Theorien auch „die Gesamtheit der logisch miteinander verbundenen nomologischen Hypothesen, die zur Erklärung und Voraussage des Verhaltens der Phänomene dieses Bereichs herangezogen werden müssen“ (Albert 1973, 76).

Dabei sind vier Kriterien zu beachten:

  1. das Kriterium der untersubjektiven Überprüfbarkeit
  2. das Kriterium der Freiheit von Werturteilen
  3. das Kriterium der logischen Konsistenz
  4. das Kriterium der paradigmatischen Offenheit
Rationale Wissenschaft

Rationale Wissenschaft

Diese Kriterien sind zusammen notwendige Bedingung dafür, dass Theorien miteinander vernetzt werden können, wobei darauf zu achten ist, dass in einem solchen Netz nicht alles erfasst werden kann, um so einem wissenschaftlichen Absolutheitsanspruch vorzubeugen.

Kritik an der kritisch-rational-empirischen Erziehungswissenschaft

Besonders die Frankfurter Schule hat diesen Rationalismus kritisch bewertet. Er laufe beispielsweise Gefahr, zu reduktionistisch zu sein oder es wurde dieser Erziehungswissenschaft auch Verantwortungslosigkeit vorgeworfen.
Quellenangaben:

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Albert, H. (1973): Probleme der Wissenschaftslehre in der Sozialforschung, in: R. König (Hg.): Handbuch der empirischen Sozialforschung. Bd.1. Stuttgart. 57-102.

Gudjons, H. (2012): Pädagogisches Grundwissen. Bad Heilbrunn.

Krumm, V. (2004): Erziehungswissenschaft, kritisch-rationale., in: D. Lenzen (Hg.): Pädagogische Grundbegriffe. Bd.1. Reinbeck. 507-525.

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Jan-Benedikt Kersting

Jan-Benedikt Kersting

Freiberuflicher Bildungscoach bei Creactivity-Solutions
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