Was ist Kreativität?

Mit dem Begriff der Kreativität verhält es sich ähnlich wie mit dem der Zeit. Solange er hinreichend fern steht, scheinen wir alle zu wissen, was mit Zeit oder Kreativität gemeint ist. Sobald der Begriff aber genauer untersucht wird, scheint er zu zerfallen in Teile eines ehemaligen Gesamtbildes, die nicht mehr so recht zusammenpassen wollen. Das liegt nicht nur daran, dass Kreativität ein populär inflationär gebrauchter Begriff geworden ist. Auch in einer sprachanalytischen Untersuchung wird klar, dass Kreativität ein offener Oberbegriff ist, unter den Eigenschaften fallen, die untereinander locker verbunden sind durch so genannte Familienähnlichkeiten.
Kreativität
Als Familienähnlichkeiten beschrieb der Philosoph Ludwig Wittgenstein ursprünglich all diejenigen Aktivitäten, die unter dem ebenfalls offenen Oberbegriff des Spiels fallen. Kreative Leistungen sind vielfältig möglich und vielgestaltig, wobei es in der Kreativitätsforschung unterschiedliche Ansichten gibt, was als kreative Leistungen gelten soll. Schon in dieser Wortwahl schwingt eine implizite Annahme mit, nämlich dass es ab einer bestimmten Zeit ein kreatives Produkt gibt, das von einer kreativen Person geschaffen und als kreative Leistung in einer Domäne oder zwischen Feldern von anderen Personen der Gesellschaft anerkannt werde.
Der Übersicht halber seien diese drei Betrachtungsebenen aufgelistet und nachfolgend ausgeführt:

  • Ebene des kreativen Individuums
  • Ebene der Domäne bzw. des Feldes
  • Ebene der Gesellschaft

Wer über Kreativität schreibt, sieht sich vor die Aufgabe gestellt, eine Auswahl zu treffen, was mitgeteilt werden soll. Ich habe mich dafür entschieden, einen integrativen Ansatz zu wählen und die drei aufgelisteten Ebenen mit Kenntnissen aus der Kreativitätsforschung kombinieren. Dadurch hoffe ich, in knapper Form einen guten und differenzierten Überblick über das Thema zu geben.

Ebene des kreativen Individuums
Die bekanntesten Vorstellungen, die mit dem Begriff der Kreativität verbunden sind, gehören auf diese Ebene. Gewöhnlich wird Kreativität mit den kreativen Leistungen einer Person, seltener mit denen einer Gruppe von Personen, assoziiert. Daran hat die klassische Kreativitätsforschung gewichtigen Anteil. Sie wiederum grenzt sich von der antiken Vorstellung eines mystischen Kreativitätsbegriffes insofern ab, als dass sie zu versuchen erklärt, was vor und nach dem berühmten Heureka- oder Aha-Erlebnisses passiert. Somit erscheint die kreative Idee nicht mehr als göttlich inspiriertes Erlebnis ex nihilo, sondern als eingebettet in fleißiges Arbeiten.

Darauf gehe ich nun ein. Die klassische Forschung unterscheidet fünf Phasen des kreativen Prozesses:

  1. Vorbereitung: intensive Beschäftigung mit einem Thema oder den Themen eines Feldes, Aneignung von Expertenkenntnissen
  2. Inkubation: Ruhenlassen des in Phase 1 Angeeigneten, wodurch im Zuge von unbewussten Gedächtnisprozessen Umstrukturierungen passieren
  3. Einsicht: Plötzliches Bewusstwerden einer rekombinierten Assoziation, das Heureka-Moment
  4. Bewertung: Kritische Überprüfung, inwieweit die kreative Idee brauchbar und umsetzbar ist
  5. Ausarbeitung: Idee wird umzusetzen versucht und kann noch Änderungen und Entwicklungen erfahren

Es fällt auf, dass das Heureka-Moment, wortwörtlich, kein reiner Zufall ist. Vielmehr gehen kreativen Ideen intensive Vorbereitungen voraus, die besonders darin bestehen, sich Kenntnisse über ein Thema oder mehrere Themenfelder anzueignen. Im besten Sinne ist damit das Studium gemeint, wobei es auch als Selbststudium betrieben werden kann. Von nichts kommt nichts. Das ist der Sinn hinter der Phase eins.

Die zweite Phase war lange geheimnisumwittert. Man kannte zwar das Phänomen, dass es kreativen Prozessen sehr zuträglich ist, ein Thema für längere Zeit einfach ruhen zu lassen. Das klingt erst einmal paradox, erklärt sich aber mittlerweile dadurch, dass in dieser Phase unbewusste Gedächtnisprozesse am Werk sind, die assoziative Neuverknüpfungen, Löschungen und Verstärkungen von Inhalten bewirken. Das Gehirn ordnet das Erlernte individuell an, so dass Neues entstehen kann.

Die dritte Phase ist der Moment, in dem Michelangelos Göttlicher Funken überzuspringen scheint. Plötzlich ist sie da, die Idee, plötzlich ist gewahr, wie etwas funktioniert oder gestaltet werden kann. Archimedes berühmter Ausruf „Heureka“, der übersetzt so viel bedeutet wie „Ich habe es gefunden!“, zeugt von der Überraschung und Euphorie des Momentes. Schön und, hoffentlich, auch gut.

Das muss in der vierten Phase untersucht werden. Eignet sich die Idee wirklich dafür, wofür sie gedacht ist? Stellt sie eine Neuerung dar, eine Problemlösung, eine Neuschöpfung? Es gilt, sie kritisch zu evaluieren, auf den Prüfstand zu stellen.

Wenn sie diese Prüfungen übersteht, dann wird sie in der fünften Phase ausgearbeitet. Diese Phase kann mitunter so lange dauern wie die erste Phase und ist durch Modifikationen oder gar größeren Änderungen gekennzeichnet. Als Beispiel wird hier des Öfteren an den bzw. die Erfinder der Glühbirne gedacht, von denen einer Thomas Edison gewesen sein soll, welcher sagte, dass er 1% Inspiration und 99% Transpiration für die Entwicklung der Glühbirne gebraucht habe.

Ebene der Domäne bzw. des Feldes
Denkt man genauer darüber nach, so dürfte erkennbar werden, dass eine kreative Person eine kreative Leistung in einem bestimmten Feld bzw. zwischen Feldern leisten muss, damit die Leistung gesellschaftlich als relevant gelten kann. Felder oder Domänen sind beispielsweise die Literatur, die Wissenschaft, die Wirtschaft, etc. In jeder Domäne herrschen aktuell so genannte Paradigmen vor, welche auch Leittheorien genannt werden können. Eine kreative Veränderung wird immer in Relation zu einem Paradigma zu bewerten sein, weil daran der Grad ihrer Neuheit deutlich wird. Der Wissenschaftsphilosoph Thomas Kuhn hat einen Paradigmenwechsel als wissenschaftliche Revolution herausgestellt, der zwar gegen Widerstände anzukämpfen habe, aber der sich aufgrund der Überzeugungskraft schließlich durchsetzen werde – bis auch er wieder modifiziert oder von einem neuen, anderen Paradigma abgelöst werde.

Etwas differenzierter untersucht der Psychologe Sternberg Kreativität in seiner „Propulsionstheorie kreativer Beiträge“. Darin differenziert er zwischen mindestens acht Formen einer kreativen Idee in Bezug auf ein in einer Domäne vorherrschendes Paradigma.
In aufsteigender Revolutionskraft sind es die Folgenden:

  1. Replikation
  2. Neudefinition eines Bereichs
  3. Vorwärtsverbesserung (Forward Incrementation): Beiträge zu einer aktuellen Weiterentwicklung in einem Feld
  4. Fortgeschrittene Vorwärtsverbesserung (Advanced Forward Incrementation): Bedeutsame Entwicklung über den aktuellen Stand eines Feldes hinaus
  5. Neue Richtung (Redirection): Abweichung von der vorherrschenden Auffassung
  6. Rekonstruktion (Reconstruktion): Zurückgehen hinter den aktuellen Stand und von vergangener Position aus eine Neuentwicklung des Feldes
  7. Neuinszenierung (Reinitation): Großer Paradigmenwechsel, völliger Umbruch vorherrschender Meinungen und Auffassungen
  8. Integration: Verbindung zweier gegensätzlich erscheinender Auffassungen

Dabei ist die Stufe 8 dadurch charakterisiert, dass sie zwei zuvor als unvereinbar geltende, in ihren Bereichen aber sehr gut bestätigte Paradigmen zu einer Supertheorie vereint. Die Verbindung zwischen Allgemeiner Relativitätstheorie und der Quantentheorie wäre ein solcher Kandidat für eine Supertheorie, obgleich bis heute niemand weiß, ob sie sich irgendwann vereinigen lassen. Gelänge dies, so wäre dadurch ein Beitrag geleistet, der historische Ausmaße annähme. Aber selbst dann, wenn es jemanden oder einer Gruppe gelingt, einen Beitrag auf der vierten Stufe zu leisten, haben wir es bereits mit einem sehr wichtigen Beitrag zu tun, der weit über das individuell Neue gesellschaftliche Auswirkungen hat.

Ebene der Gesellschaft
Damit ist die dritte und letzte Ebene angesprochen, nämlich die der gesellschaftlichen Relevanz. Was als kreativ gilt, darüber entscheidet die Gesellschaft mit. Es kann etwas für ein Individuum etwas Neues sein, aber für die Gesellschaft beinah schon ein alter Hut. Die Gesellschaft beurteilt also mit, inwieweit eine kreative Leistung neu und in welchem Sinne sie nützlich ist. Beide Begriffe – neu und nützlich – sind nicht unproblematisch, aber ich nenne sie trotzdem, weil sie in der Literatur weit verbreitet sind bei der Definition der Kreativität.

Zusammenfassung: Was ist Kreativität?

Die Kreativitätsforschung hat eine lange Tradition. Seit der Antike sind mehr als ein Dutzend Paradigmen der Kreativitätsforschung enstanden, wovon das neurowissenschaftliche Paradigma das neueste darstellt. Kreativität, so legt es nahe, ist ein Prozess, an dem nicht nur die rechte Gehirnhälfte maßgeblich, sondern das gesamte Gehirn beteiligt ist. Damit wiederum wird die Tür geöffnet für integrative und hoch spezialisierte Ansätze zugleich. Und das scheint ein probater Weg zu sein, denn wir erinnern uns an den Anfang dieses Artikels, an dem wir erfahren haben, dass der Begriff der Kreativität ein für Familienähnlichkeiten offener ist…

Jan-Benedikt Kersting

Jan-Benedikt Kersting

Freiberuflicher Bildungscoach bei Creactivity-Solutions
Freiberufliche Tätigkeiten erfordern ein Höchstmaß an Flexibilität und Kreativität. Kombiniert mit fachlicher Kompetenz und Organisationsfähigkeit kann ich auch ihr Projekt ins Internet bringen. Oder sind Sie an Sprachkursen in Englisch und Deutsch interessiert? Dann kontaktieren Sie mich bitte über die Emailadresse: kontakt@bildungsadler.de
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