Auf der Suche nach der Ich-Werdung

Wer bin ich eigentlich – oder was? Das sind Fragen, die mit der eigenen Persönlichkeit oder Ich-Werdung zusammenhängen. In der Philosophie und Psychologie spricht man in diesem Zusammenhang von Identität. Es gehört zu den klassischen Entwicklungsaufgaben Heranwachsender, ihre persönliche Identität auszubilden. Das hängt mit individuellen und gesellschaftlichen Entwicklungen zusammen, die zum großen Teil auch in der Schule passieren. Der altgriechische Begriff „peideia“ bedeutet so viel wie „(Persönlichkeits-)Bildung“. In ihm sind diese beiden Seiten der Entwicklung, nämlich die innere und äußere Heranreifung der Persönlichkeit, inbegriffen.
Ich-Werdung
So viel zur Theorie. In der Praxis erweist sich der Entwicklungsprozess einer persönlichen Identität nicht selten als Herausforderung. Es können Konflikte und Probleme während der Ich-Werdung auftreten, die zuerst einmal gar nicht offensichtlich sein müssen, sich aber im Hintergrund abspielen und von dort ihren Einfluss ausüben.
Derartige Probleme können in psychischen oder sozialen Konflikten manifestiert sein: Etwa geht es in der Phase der Adoleszenz darum, mit Liebeskummer fertig zu werden oder die Frage nach dem weiteren Bildungsweg zu beantworten. Partnerschaft oder Freundschaft, Berufs- oder Studienvorbereitung gehören mit zu den Entwicklungsaufgaben, welchen sich Heranwachsende gegenübersehen.

Wie oben bereits angedeutet, kommt es darauf an, im Verlauf der Ich-Werdung eine persönliche Identität zu kreieren. Was aber bedeutet das genau? Beim Weiterlesen wirst du erfahren, dass es in der wissenschaftlichen Forschung zwei konträre Lager gibt, die je unterschiedlich definieren, wie eine erfolgreiche Identitätsentwicklung auszusehen habe bzw. zu gestalten sei. Sie gehen von Grundprinzipien aus, die konträr zu einander stehen, für sich aber je funktionieren, je nachdem, welche Art der Identitätsbildung beschrieben wird.
Diese zwei Ansätze sind:

  1. Identität als Kohärenz
  2. Identität als Patchwork

1. Identität als Kohärenz
Die klassische Vorstellung von Identität ist, dass eine Person in der Lage sein müsse, zwischen den unterschiedlichen Erlebnissen, Persönlichkeitsanteilen und Rollen eine gewisse Kohärenz – einen Zusammenhang also – herzustellen. Dies sei notwendig, um einer Zersplitterung der Persönlichkeit entgegen zu wirken.
Ich-Werdung
Es gilt, Lebensereignisse in einen stimmigen Zusammenhang zu bringen, so dass sie als miteinander zusammenhängend und auseinander hervorgehend erscheinen. Die klassische Auffassung, wie ein wohlkomponierter Lebenslauf auszusehen habe, entspringt dieser Denkungsart.

Zweitens sei die Vermittlung eines Ich-Ideals wichtig: Darin versammeln sich die persönlichen Leitbilder, all die Werte und Normen einer Person. Optimalerweise verweisen sie auf allgemein gültige gesellschaftliche Ordnungen und spiegeln die Interessen einer Person wider. Das Ich-Ideal soll das Wertebewusstsein zum Ausdruck bringen, welches notwendiger Bestandteil einer gesellschaftlich integrativen Art und Weise des Handelns ist. Ohne ein solches Wertebewusstsein innerhalb eines Ich-Ideals könne die soziale Identität nicht entwickelt werden, so die Auffassung.

Zum Dritten habe ein Heranwachsender ein autobiographisches Bewusstsein zu entfalten: Es müssen prägende Ereignisse in eine chronologisch-sinnvolle Abfolge gebracht werden. Solche Meilensteine der Entwicklung können als Wegweiser der Identitätsentwicklung vorgestellt werden, welche an entscheidenden Gabelungen des Lebensweges aufzufinden sind. Nicht nur wegweisende Entscheidungen, sondern auch prägende Ereignisse, die passiv erlitten wurden, gehören dazu.

Alles in allem komme es darauf an, „,mein’ individuelles Leben in dieser einmaligen historisch-gesellschaftlich-sozial-kulturellen Situation“ (Gudjons 2012, 142f.) so zu reflektieren, dass das Bewusstsein der eigenen Identität daraus hervorgeht und sich festigen kann.

Identität als Patchwork
Ich-Werdung
In der neueren Forschung entwickelte sich eine zur oben vorgestellten Konzeption der Identitätsentwicklung konträr stehende Theorie, welche das Konzept einer Patchwork-Identität vertritt (Kupp/Höfer 2007). Damit verbunden ist, wie bei allen potentiellen Paradigmenwechseln, eine neuartige Sicht- oder Herangehensweise an eine zentrale Frage- oder Problemstellung. So wird nicht mehr danach gefragt, was jemand statisch sei – ein Schüler, ein Freiberufler, ein Demokrat, etc. – sondern es komme vielmehr auf die „Fähigkeit, Unterschiedliches und Widersprüchliches auszutarieren und in eine sich immer wieder verändernde Balance zu bringen“, an.

Anstelle von einem statischen Identitätszustand auszugehen, betont dieses Konzept eine andauernde Dynamik der Persönlichkeit, die es, als lebenslange Entwicklungsaufgabe, immer wieder in Balance zu bringen gelte. Der Erfolg dieses Unterfangens hänge entscheidend von der Freude am Umgang mit Widersprüchen im Identitätsspiel ab.
Ich-Werdung
In das Identitätsspiel auf der Weltenbühne spielt zweierlei hinein: Sowohl die Fähigkeit, flexibel mit wechselnden Rollen umzugehen, als auch mögliche Identitäten in Simulationen zu generieren und zu durchlaufen.

Damit zusammenhängend können Ängste auftauchen, die sich tiefenpsychologisch erklären lassen. Ein dynamisch-vielgestaltiges Persönlichkeitskonzept kann zu verunsichernder Orientierungslosigkeit führen, der mit Gegenimpulsen in Gestalt der Suche nach Sicherheit in Szenen oder Sphären begegnet werde. Tiefenpsychologisch sei dies „unbewusste Angstabwehr gegen die drohende Identitätsdiffusion“ (vgl. Gudjons 2012) – anders gesagt: der Wunsch nach Sicherheit oder Gewissheit kann dazu führen, dass Jugendliche sich bestimmten Szenen, in denen je eigene Wertmaßstäbe und Verhaltenskodizes gelebt und für die Zugehörigkeit vorausgesetzt werden, anschließen. Solche Szenen können Sub- oder Jugendkulturen genauso sein wie politisch ausgerichtete Gruppierungen.

Insgesamt komme es im Patchwork-Konzept der Identitätsbildung zur Identitätsgewinnung dadurch, dass die Frage nach der eigenen Identität gestellt werde. Ihr wiederum liegt ein individuelles Persönlichkeitsverständnis zugrunde, das sowohl autonom als auch proaktiv ausgerichtet ist. Es besteht keine Notwendigkeit, irgendwelche gesellschaftlich vorgegebenen Gesamtkonzepte zu integrieren, sondern sie kritisch zu hinterfragen, zu analysieren und in einer eigenen Art und Weise zu einem neuartigen, ja einzigartigen, Mosaikbild zusammen zu setzen.

Evaluation der patchworkartigen Identitätsentwicklung
Diese Art der Identitätsbildung ist recht anspruchsvoll, besonders wegen der notwendigen Befähigung zum kritisch-analytischen Denken. Dieses wiederum kann aber erlernt werden und bildet den Hintergrund zu vielen in der Schule behandelten Problemstellungen. Wer sich darauf einlässt, der gelangt tief hinein in den Kaninchenbau der gesellschaftlichen Wirklichkeit und kann Einiges über die Relativität kultureller Wertesysteme erfahren.

Damit einher geht der Prozess der Exploration: Es gilt, die Welt und ihre implizit wirksamen Prämissen zu erkunden, und zwar aktiv zu erkunden. Durch soziale Horizonterweiterung, wie ich sie im gleichnamigen Artikel beschrieben habe, durchlaufen Heranwachsende unterschiedliche sozialökologische Zonen.
Soziale Horizonterweiterung
In der Auseinandersetzung mit den sozialen Vorgängen in jeder der vier Zonen wächst die Fähigkeit, verschiedene Weltbilder oder Weltansichten zu erkennen und zu evaluieren, mannigfaltige Lebensentwürfe zu akzeptieren und alles zusammengenommen mit der eigenen Persönlichkeitsentwicklung in Zusammenhang zu bringen.

Dies bildet dann nämlich die Grundlage für bewusste Entscheidungen im Balancespiel der Identitätsentwicklung. Zugleich müssen zu bestimmten Zeiten konkrete Verpflichtungen eingegangen werden, um einer vollkommenen Fluktuation der Persönlichkeit zuvor zu kommen. Besonders in der Wahl solcher Selbstverpflichtungen treten bestimmte Typen, etwa die Extreme der Egotaktiker oder Nicht-Entscheiden-Könner, zutage.

Zusammenfassung: Patchworkartige Ich-Werdung

Insgesamt ist das Konzept einer patchworkartigen Identitätsentwicklung durch dynamische Prozesse und flexiblen Strukturen charakterisiert, die um einen sich nach und nach herauskristallisierenden Kerntypus des Entscheidungsverhaltens fluktuieren. Vielgestaltige und wechselnde Rollenübernahmen sind Ausdruck des Experimentierens im Raum der Möglichkeiten und weisen auf kreative und proaktive Prozesse in der Begegnung mit wechselnden Wirklichkeitsanforderungen hin.

Diejenigen Menschen, welche im Sinne einer patchworkartigen Identitätsentwicklung ihr Selbst erkunden, werden zwar selten einen chronologisch widerspruchsfreien Lebenslauf fabrizieren. Jedoch zeigen sie ein Repertoire an Fähigkeiten und Fertigkeiten, welches in komplexen Systemen – wie sie in der globalisiert-vernetzten Welt aufzufinden sind – zu neuartigem oder emergentem Problemlösungen befähigt. Die Entfaltung derartiger Potenziale mag zeitaufwändiger und weniger berechenbar sein, was aber einer intensiven Förderung seitens gesellschaftlicher Multiplikatoren keinen Abbruch tun sollte.

Es gilt, das patchworkartige Konzept der Identitätsentwicklung nicht in Begriffen der Inkohärenz abzuwerten, sondern es als Phänomen in einer multidimensionalen Wirklichkeit unseres globalisierten Zeitalters anzuerkennen und wertzuschätzen. Unterrichtskonzepte, die flexiblen Rollenspielen Raum einräumen, können als Beispiel derartiger Förderung fungieren.

Jan-Benedikt Kersting

Jan-Benedikt Kersting

Freiberuflicher Bildungscoach bei Creactivity-Solutions
Freiberufliche Tätigkeiten erfordern ein Höchstmaß an Flexibilität und Kreativität. Kombiniert mit fachlicher Kompetenz und Organisationsfähigkeit kann ich auch ihr Projekt ins Internet bringen. Oder sind Sie an Sprachkursen in Englisch und Deutsch interessiert? Dann kontaktieren Sie mich bitte über die Emailadresse: kontakt@bildungsadler.de
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