Hermeneutik verstehen

Verständnis zu schaffen, ist ein Hauptanliegen des Schulunterrichts. Die Hermeneutik liefert die Methode dafür. Sie wird in diesem Artikel vorgestellt, weil sie sich auch für deinen Schulalltag als relevant erweist.
Der Begriff des Verstehen ist interessant, denn: Was besagt er? Wie kann er verstanden werden? In ihm steckt der Wortstamm „stehen“, ergänzt um das Präfix „ver-“. Es ist also eine Art des Stehens gemeint, das ja nicht rein dynamisch gemeint sein kann, aber auch nicht rein statisch. Indem ein Stehen in unterschiedlichen Bereichen angedeutet wird, die miteinander in Beziehung stehen, wird der Sinn langsam klarer. Deutliches Verständnis wirst du erhalten, wenn du diesen Artikel über Hermeneutik liest, denn: Sie ist die Methode des Verstehens.

Hermeneutik
Was ist Hermeneutik?
Der olympische Gott Hermes ist in der griechischen Mythologie unter Anderem der Bote der Götter. Er überbringt die Botschaften des Zeus. Nach Hermes ist die Hermeneutik benannt. Die Hermeneutik kann als Methode des Verstehens definiert werden.
Es war der Philosoph F. Schleiermacher, der im 19. Jahrhundert das Verstehen von etwas abgegrenzt hat von einem Erklären. Der Unterschied zwischen den Begriffen Erklären und Verstehen ist, dass das Verstehen ein tieferes Verständnis von etwas bedeutet. Beispielsweise kann ein Verhalten, sagen wir: offensichtlich mangelnde Konzentration eines Schülers, dadurch zu erklären versucht werden, dass ihr oder ihm Interesselosigkeit unterstellt wird. Um dieses Verhalten allerdings zu verstehen, bedarf es einer Deutung. So kann es sein, dass der Schüler momentan Probleme im familiären Bereich hat oder eine Beziehungsstörung zur Lehrperson vorliegen kann. Im Verstehen kommen also das Erkennen von etwas und das Erfassen von dessen Bedeutung zusammen.

Der hermeneutische Zirkel
Im Schulunterricht bist du vielleicht schon einmal mit dem hermeneutischen Zirkel in Kontakt gekommen. In der Hermeneutik kommt es darauf an, die Bedeutung von irgendwelchen menschlichen Äußerungen, etwa von Texten oder Sprechakten, im oben genannten Sinn zu verstehen.
Die Grundidee des hermeneutischen Zirkels lautet, dass Verstehen auf Vorverständnis gründe. Je größer das bisher erlangte Vorverständnis, etwa in einem Fach, ist, desto tiefer und weiter kann das Verstehen von etwas Aktuellem sein. An dieser Stelle kann nicht auf das Problem eingegangen werden, wie Verstehen überhaupt entstehen kann, wenn Menschen ohne angeborene Ideen und nur mit einer „tabula rasa“, einem Geist gleich einem leeren Tische, auf die Welt kommen. Stattdessen setzen wir am momentanen Stand deiner Kenntnisse an. Du kannst ja beispielsweise diesen Text lesen, weshalb du schon ein gewisses Vorverständnis der deutschen Sprache hast.

Der hermeneutische Zirkel verweist darauf, dass Verstehen von etwas eine Wechselbeziehung zwischen einer Ganzheit und den Teilen ist, welche wiederum auf zuvor gewonnenes Vorverständnis gründet. Die Zirkelbewegung bewegt sich also, genau genommen, in Form einer zulaufenden oder sich weitenden Spirale. Wer sich einmal genauer mit der Hermeneutik befasst hat, wird Erstaunliches feststellen können, etwa verstehen lernen, wie Lehrpläne oftmals aufgebaut sind. Das liegt daran, dass die Hermeneutik aus den Bereichen Schule und Unterricht eigentlich nicht wegzudenken ist, denn: Wir Menschen versuchen immer, Sinn zu stiften. Wenn ihr nicht gerade die Dekonstruktion durchnehmt oder praktiziert, so ist die Hermeneutik eine Methode, die selbst in den Naturwissenschaften Einzug hält, etwa wenn du verstehen willst, wie biologisch-chemische Prozesse in einer Zelle oder ihren Teilen funktionieren.
Hermeneutik
Hermeneutik im Unterricht
Auch für Lehrer ist ein gründliches Verständnis der Hermeneutik sehr wichtig. Dadurch werden sie in die Lage versetzt, bestimmtes Schülerverhalten nicht gleich als Affront gegen ihren Unterricht zu interpretieren. Ein Beispiel soll dies verdeutlichen:
Es wird beobachtet, dass ein Schüler unkonzentriert vor einer Englischklausur sitzt. Das Vorverständnis des Lehrers sollte dabei folgende Punkte umfassen:

  1. Wissen, was ein Test ist
  2. Wissen, dass Schüler für sich alleine sind
  3. Wissen um die Bedeutung des letzten Halbjahres vor der Abschlussprüfung
  4. Wissen, welche Fähigkeiten und Kenntnisse auf dem weiteren Bildungsweg wichtig sind
  5. etc

Der Lehrer nimmt nun folgende Zeichen wahr:

  • unruhiges Wippen
  • Haare um den Bleistift rollen
  • Blick schweift durchs Fenster
  • die Füße wippen

Diese Zeichen sind einzelne Signale, die von Mimik und Gestik ausgesendet werden. Von den Einzelheiten ausgehend, können sie in ihrer Gesamtheit als Konzentrationsschwäche gedeutet werden. Weitere Zeichen können nun mit diesem Ganzen verglichen werden. Dadurch entsteht aus dem Einzelnen ein Verständnis des Ganzen und aus dem Ganzen ein Verständnis des Einzelnen. Das eine wird aus dem anderen verständlich, und vice versa.

Texte auslegen
Im Sprachunterricht werden zumeist Texte hermeneutisch ausgelegt, selbst dann, wenn es nicht explizit zum Gegenstand des Unterrichtsthemas gemacht worden ist. Das liegt daran, dass es ein probates Vorgehen ist, das Verständnis eines neuen Textes dadurch zu verbessern, dass Vorerfahrungen bzw. Vorwissen herangezogen werden. Bei Texten können, nach Klafki (1971) Texte mit folgenden Vorverständnis-Faktoren untersucht werden:

  1. Vorverständnis des Autors beim Interpreten
  2. Befunde aus Quellen bzw. Textkritik
  3. Begriffsbedeutungen
  4. Entstehungssituation des Textes
  5. Weitere Quellen
  6. Hermeneutischer Zirkel
  7. Ideologiekritik

Hermeneutik

Zusammenfassung: Hermeneutik verstehen

Wer Hermeneutik versteht, versteht, warum es Sinn macht, Texte zu lesen und zu untersuchen. All die Mühe, die das Verstehen von anfangs schwierig wirkender Texte mit sich bringt, wird sich in Zukunft auszahlen, weil du gelernt haben wirst, mit einem breiteren und tieferen Vorverständnis Texte zu lesen. Auch mir ist das Lesen meines ersten Buches bestimmt nicht sehr leicht gefallen, aber ich habe in meinem Leben bisher viele Bücher gelesen und kann nun auch schwierigere Texte recht schnell erfassen und durchdringen, also verstehen. Und dieses Verständnis wiederum erweitert mein Vorwissen, mit dem ich in Zukunft Texte lesen werde.
Hat man also den Aufwand nicht gescheut und sich auch mit schwierigen Texten befasst, zahlt sich das letztlich in der baren Münze eines tiefen und weiten Verständnisses von etwas aus.

Jan-Benedikt Kersting

Jan-Benedikt Kersting

Freiberuflicher Bildungscoach bei Creactivity-Solutions
Freiberufliche Tätigkeiten erfordern ein Höchstmaß an Flexibilität und Kreativität. Kombiniert mit fachlicher Kompetenz und Organisationsfähigkeit kann ich auch ihr Projekt ins Internet bringen. Oder sind Sie an Sprachkursen in Englisch und Deutsch interessiert? Dann kontaktieren Sie mich bitte über die Emailadresse: kontakt@bildungsadler.de
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