Lerne zu handeln

In diesem Artikel behandle ich das Thema „Verhalten und Handeln“. Ich habe ihn geschrieben, weil ich mir wohl zu meiner Schulzeit gewünscht hätte, bereits gewusst zu haben, was es mit diesen Begriffen auf sich hat. Damit du dein Handeln und Verhalten bewusster gestalten kannst, habe ich sie dir aufgeschlüsselt und anhand schulnaher Praxisbeispiele veranschaulicht.

Du erfährst beim Weiterlesen jede Menge über den aktuellen Stand der Forschung. In der Psychologie und der Philosophie, aber auch der Verhaltensbiologie oder der Kognitionswissenschaft, sind die Begriffe des Handelns und Verhaltens zentraler Gegenstand der Forschung. Und auch jeder, der beispielsweise eine Klausur vorbereiten will, kommt auf seine Kosten. Du wirst in die Lage versetzt, deine Ziele und den Weg zu ihrem Erreichen klar und deutlich vor Augen zu haben. Das bringt entscheidende Vorteile mit sich, auch außerhalb der Schule.

Handeln und Verhalten

Untergliederung des Handlungsbegriffs
Der alltagssprachliche Begriff des Handelns wird relativ beiläufig gebraucht. Wer handelt, der tut etwas, oft auch vermittels jemanden oder etwas, in Bezug auf etwas. Beispielsweise schreibst du eine Klausur, um durch Lernen für dich ein gutes Gefühl oder eine gute Note zu bekommen. Schauen wir uns das genauer an, dann kann eine so genannte Handlungssequenz erkannt werden, die in Einzelhandlungen unterteilt werden kann. Grob unterteilt, kann eine solche Handlungssequenz so aussehen:

  1. Von der Klausur im Unterricht erfahren
  2. Themen des Unterrichtes behandeln
  3. Zu Hause die Klausur vorbereiten
  4. Am Tag der Klausur aufstehen, frühstücken, zur Schule kommen, etc.
  5. Die Klausur vorgelegt bekommen
  6. Die Klausur schreiben
  7. Die Klausur kontrollieren
  8. Die Klausur abgeben
  9. Die Klausur wiederbekommen und besprechen

Eine solche Unterteilung von komplexen Handlungen in Einzelhandlungen entspricht dabei der aktuellen Auffassung des Handlungsbegriffes in der Forschung. Er enthält zudem philosophische Implikationen, welche den Handlungsbegriff vom Begriff des Verhaltens unterscheidet. Um beide Begriffe voneinander zu unterscheiden, sind Philosophen hingegangen und haben den idealen Handelnden charakterisiert. Das ist ein durchaus übliches Vorgehen, um sozusagen einen Idealtypus bei der Hand zu haben. Ihm liegt die Grundannahme eines autonomen Subjekts, das planend auf die Umwelt einwirkt, zugrunde.

Der ideale Handelnde
Der ideale Handelnde sei durch vier Wesenheiten, die allesamt auf Innensteuerung basieren, charakterisiert:

  • Autonomes Subjekt: Das autonome Subjekt hat einen Sinn für Verantwortlichkeit
  • Selbst gesetzte Ziele: Aus dem Bewusstsein für Handlungsalternativen bildet sich eine flexible Menge selbst gesetzter Ziele
  • Handlungen als Mittel zur Zielerreichung: Bewusstes Handeln führt zum Erreichen selbst gesetzter Ziele
  • Wissenserwerb: Durch selbst gesetzte Ziele und bewusstes Handeln erwirbt das autonome Subjekt spezielles Wissen, ins Besondere Handlungsschemata

Der ideale Handelnde
Im frühen 20. Jahrhundert herrschte der aus der positivistisch-empiristischen Wissenschaft herstammende Behaviorismus vor, der postulierte, dass menschliches Verhalten allein durch Begriffe wie Reiz und Reaktion beschreibbar wäre. Ein externer Reiz stimuliere einen Mensch oder ein Tier und erzeuge dadurch ein beobachtbares Verhalten. Nur das, was direkt beobachtbar sei, wurde zur Beschreibung des Verhaltens herangezogen. Hingegen blendete man alles, was im Inneren passiere, aus. Es galt schlichtweg als nicht beobachtbare Blackbox.

Das aber veränderte sich zur Mitte des 20. Jahrhunderts hin. Die Auffassung, dass der Mensch rein behavioristisch beschrieben werden könne, wurde als zu vereinfachend erkannt. Stattdessen rückte der Mensch als reflexives Subjekt in den Fokus der Wissenschaft. Sowohl die Fähigkeit zur kognitiven Repräsentation als auch die Aktivität von Subjekten in Umwelten führte zum Konzept der Internen Handlungssteuerung.

In der Folge wurde zwischen zwei zentralen Begriffen differenziert:

  • Verhalten: Beeinflusst vom Auftreten oder Antizipieren von Konsequenzen
  • Handeln: Beeinflusst von Alternativen oder der Entwicklung eines antizipatorisch-flexiblen Handlungskonzepts

Während das Verhalten weitgehend durch Außensteuerung reguliert wird, wird weitgehend durch Innensteuerung das Handeln reguliert.

Zwei große Klassen von Handlungen
Der Handlungsbegriff macht also den Unterschied zu den bisherigen rein behavioristisch geprägten Theorien. Durch die damit verbundene, weitgehend auf Innensteuerung beruhende Perspektive begann man fortan, Klassen von Handlungen zu differenzieren. Zwei große Klassen von Handlungen sind dabei

  1. Willenshandlungen: zentrales Kriterium für Willenshandlungen ist die Entscheidung
  2. Planvolles Handeln: zentrales Kriterium ist ein antizipatorisches Handlungskonzept

1. WILLENSHANDLUNGEN
Willenshandlungen sind durch das Kriterium der Entscheidung gekennzeichnet. Eine Willenshandlung zum Beispiel ist eine Entscheidung für oder gegen Nachhilfeunterricht. Wenn du momentan darüber nachdenkst, ob du Nachhilfe nehmen willst oder nicht, dann versuche doch, das so genannte Rubikon-Modell anzuwenden: Die Frage, wie eine Willenshandlung zustande kommt, versucht das Rubikon-Modell durch eine Untergliederung von Willenshandlungen in vier Phasen zu beantworten.
Handeln und Rubikon-Modell
Die vier Phasen des Rubikon-Modells sind folgende:

  1. Prädezisionale Phase: Phase des Abwägens
  2. Präaktionale Phase: Phase des Planens
  3. Aktionale Phase: Phase des Handelns
  4. Postaktionale Phase: Phase des Bewertens

Prädezisionale Phase
Die erste Phase ist dadurch gekennzeichnet, dass Menschen das Für und Wider einer Handlung abwägen. Kriterien sind das Wünschen und das Wägen. Typische Fragestellungen betreffen

  • die Erwartung: Ist das Ziel überhaupt realisierbar?
  • den Nutzen: Wünsche ich eine Veränderung herbei?

Anschließend kommt es zu einer FAZIT-Tendenz. Der Begriff entstammt dem Lateinischen und bedeutet Ergebnis oder Schlussfolgerung: Wenn das Fazit positiv ausfällt und eine Entscheidung für das Handeln getroffen wurde, spricht man in der Psychologie von der Überschreitung des Rubikon.

Präaktionale Volitionsphase
Volition kann als das „subjektive Erleben eines selbstbestimmten Handelns“ definiert werden. Damit gemeint ist ein Satz wie: ICH WILL x erreichen und y vermeiden.
Während der Überschreitung des Rubikon werden Vorsätze gebildet. Es sind Handlungsfragen (Wo? Wie? Wie lange?), die dazu dienen, schwierige Situationen zu meistern.

Aktionale Motivationsphase
In der dritten Phase kommt es zu den eigentlichen Handlungen. Handlungen werden initiiert, um die Vorsätze zu erreichen. Entscheidend ist dabei zweierlei:

  • der Grad der Verpflichtung zur Zielerreichung (Volitionsstärke)
  • der Grad der Günstigkeit der Gelegenheit zur Realisierung

Sind beide Grade hinreichend hoch, so kommt es zum Abschluss der Zielrealisierung

Postaktionale Phase
Nachdem gehandelt wurde, sollte es zur Überprüfung der Ergebnisse kommen. In der vierten Phase werden Handlungsergebnisse evaluiert. Das dient zur Beurteilung, ob das Ziel erreicht worden ist. Wenn ja, so brauchen die Handlungen nicht erneut ausgeführt werden. Sollte das Ziel nicht erreicht worden sein, ist nach den Ursachen zu fragen und Konsequenzen für zukünftiges Handeln zu ziehen.

Insgesamt zeigt das Rubikon-Modell auf, dass Entscheidungsfreiheit durch intensive Abwägungsprozesse, also einer Kosten-Nutzen-Analyse, vorbereitet und ermöglicht wird. In unserem Beispiel, ob Nachhilfeunterricht für dich in Frage kommt, laufen genau solche Abwägungsprozesse ab. Bist du durch das Rubikon-Modell zur Entscheidung gekommen, Nachhilfeunterricht nehmen zu wollen, dann herzlichen Glückwunsch, denn: Es ist eine sehr reflektierte Entscheidung, die daher gute Chancen auf Erfolg in sich birgt.

2. PLANVOLLES HANDELN
Das zentrale Kriterium des planvollen Handelns wurde als die interne Handlungssteuerung benannt. Nachfolgend erfährst du, was es damit genauer auf sich hat. Du wirst bekannt gemacht mit unterschiedlichen Motiven, auf denen planvolles Handeln beruhen kann – und dadurch mit dir selbst, denn auch dein Handeln lässt sich höchst wahrscheinlich auf solche Motive zurückführen. Probiere es einfach aus.

Die Grundannahme des planvollen Handelns beruht auf der Einsicht, dass Subjekte in ihren Umwelten handeln und durch ihr Handeln Handlungsfolgen bewirken. Die Frage, worauf diese Folgen zurückzuführen sind, ist die Frage nach zugrunde liegenden Motiven. Dabei unterscheiden Psychologen und Philosophen zwei wesentlich unterschiedliche Handlungsmotive:

  • Extrinsische Motive: Der Wert einer Handlung liegt außerhalb der Handlung und kann als Zweckrationalität beschrieben werden
  • Intrinsische Motive: Der Eigenwert der Handlung steht im Mittelpunkt und kann als Wertrationalität beschrieben werden

Ein Beispiel für zweckrationales Handeln wäre das Lernen um eine bessere Note zu bekommen, eines für wertrationales Handeln das Lernen aus Freude am Lernen. Im ersten Falle liegt das Motiv außerhalb einer Person, im zweiten Fall im Empfinden einer Person. Nicht selten tritt der Fall ein, dass ein und dieselbe Handlung – etwa das Lernen – sowohl Anteile am zweckrationalen wie am wertrationalen Handeln haben kann.

Wie funktioniert planvolles Handeln? Im Grunde geht es um die Ausbildung eines flexiblen Handlungskonzepts. Es gliedert sich wie folgt in ein Modell ein:
Handeln und planvolles Handeln
Eine allgemein gehaltene Beschreibung des Modells kann wie folgt lauten: Indem ein Subjekt S Objektwissen W durch Lernen sich aneignet, verändert S durch W seine Umwelt U so, dass U wiederum auf S rückwirkt.
Genauer bedeutet dies Folgendes:

  1. Prämissen des Handlungskonzepts: Die Bedingungen für ein Handlungskonzept bilden Wissen, Emotionen und Motive. Es gilt, Wissen und Motive anzuregen, damit ein Handlungskonzept sich ausbilden kann
  2. Bildung des Handlungskonzepts: Das Konzept wird dadurch gebildet, dass sowohl Zielvorstellungen als auch ein Plan zur Zielerreichung antizipiert werden
  3. Handlung: Auf den Antizipationen gründende Handlungsdurchführung
  4. Ziel: Ergebnisse, die entweder als Erfolg oder Misserfolg beurteilt werden können. Auf ihnen beruht das Feedback durch die Umwelt, die auf das Subjekt zurückwirkt

Am Beispiel einer Prüfung kann das Modell veranschaulicht werden:
Am Anfang kommt es darauf an, dass du dir deiner Motive und Motivationen bewusst wirst. Wofür lernst du? Sind es intrinsische Motive wie der Spaß am Lernen oder extrinsische Motive wie der Wunsch, mit guten Schulnoten einen bestimmten Beruf oder ein Studium aufnehmen zu können? Lernst du für das gute Gefühl des Erfolges oder damit deine Eltern zufrieden mit dir sind? Eine Klärung deiner Motivation ist eine sehr hilfreiche Voraussetzung für die Durchführung all jener Handlungen, die für eine Prüfungsvorbereitung sinnvoll oder gar notwendig sind.
Als nächstes kommt es darauf an, ein Handlungskonzept zu bilden. Vielleicht erinnerst du dich an den Anfang des Artikels, wo ich darüber geschrieben habe, dass komplexe Handlungsmuster in Einzelhandlungen untergliedert werden können. Sich das bewusst zu machen, etwa indem man eine Handlungssequenz als Diagramm darstellt, entspricht der Antizipation oder dem Planen einer Handlung, beispielsweise des Handelns bezüglich einer Prüfungssituation.
Handeln und Konzept
Danach gilt es zu handeln.
Im Anschluss kannst du überprüfen, wie erfolgreich dein Handeln aufgrund des Handlungskonzepts gewesen ist. War es hinreichend erfolgreich, so hat es sich bewährt und wird wahrscheinlich zukünftig zu deinem Repertoire an Handlungskonzepten gehören. Solltest du dich genauer dafür interessieren, wie begrifflich basierte Handlungsschemata entstehen, dann empfehle ich dir den Artikel Was sind Begriffe? zu lesen.

Zusammenfassung: Handeln lernen

Sinnvolles und effektives Handeln kann erlernt werden. Es dauert zwar, bis alle Schritte für solches Handeln erlernt worden sind, aber es lohnt sich, damit bereits während der Schulzeit zu beginnen. Denn die Fähigkeiten, willentlich oder planvoll zu handeln, begleiten dich ein Leben lang und helfen dir in vielfältigen Lebenslagen.

Jan-Benedikt Kersting

Jan-Benedikt Kersting

Freiberuflicher Bildungscoach bei Creactivity-Solutions
Freiberufliche Tätigkeiten erfordern ein Höchstmaß an Flexibilität und Kreativität. Kombiniert mit fachlicher Kompetenz und Organisationsfähigkeit kann ich auch ihr Projekt ins Internet bringen. Oder sind Sie an Sprachkursen in Englisch und Deutsch interessiert? Dann kontaktieren Sie mich bitte über die Emailadresse: kontakt@bildungsadler.de
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