Geschichte der Pädagogik

Um besser zu verstehen, welche Arten der Pädagogik gegenwärtig die deutschsprachigen Schulsysteme praktizieren, stelle ich in diesem Artikel den ersten Teil einer kurzen Geschichte der Pädagogik vor. Eine spannende Reise von der Antike über das Mittelalter bis in die Neuzeit erwartet dich. Dadurch hast du die Chance, dein Vorverständnis im hermeneutischen Sinn zu erweitern und zu vertiefen, so dass du künftig sinnvoller einordnen kannst, was du tagtäglich in der Schule erlebst. Bedenke: Wer sich geschichtlicher Entwicklungen der Geschichte der Pädagogik bewusst ist, der kann auch gegenwärtige Phänomene zuverlässiger beurteilen und einordnen.
Geschichte der Pädagogik
Die Pädagogik befindet sich seit jeher in einer janusköpfigen Situation: Einerseits soll sie Menschen bei ihrer Menschwerdung helfen und zur Freiheit befähigen. Andererseits hat Bildung auch die Aufgabe, fremde Zwecke durchzusetzen. In diesem Spannungsfeld passiert Bildung und Pädagogik auch heutzutage. Der Bildungsauftrag der Schule soll Schüler in ihrer sekundären Sozialisation unterstützen, ihnen helfen, ihre Persönlichkeit freiheitlich und demokratisch zu entfalten und daran mitwirken, dass Fertigkeiten und Fähigkeiten und Kenntnisse vermittelt werden, damit Schüler an der Gesellschaft teilhaben und in ihr mitwirken können.
Kurz: Der Bildungsbegriff des Deutschen bedeutet sowohl innere Entwicklung als auch äußere Ausbildung.

Von der Antike zur Neuzeit
Im Folgenden stelle ich dir die zentralen Ideen und Methoden der Geschichte der Pädagogik vor. Ich werde eingehen auf

  1. die griechische und römische Antike
  2. das Christentum
  3. das Mittelalter
  4. die Renaissance

Dadurch bekommst du einen Leitfaden an die Hand, der dir die Orientierung in den genannten Epochen vereinfacht. Denn mit dem Begriff der Bildung bzw. den Bildungsidealen einer Zeit sind aufs Engste die jeweiligen Weltansichten der Menschen verknüpft.

1. Die griechische Antike
Geschichte der Pädagogik
Das, was wir im deutschsprachigen Raum heutzutage Bildung nennen, hat seine Wurzeln im antiken Griechenland. Vor ca. 2500 Jahren entwickelte sich in Athen die Idee der „paideia“: Dieser Begriff, aus dem sich unser Wort Pädagogik herleitet, bedeutet soviel wie Erziehung bzw. Bildung.

Die Grundidee der Pädagogik im antiken Griechenland bezieht sich auf zwei Bereiche des menschlichen Seins:

  1. auf die praktische Lebensform: Es soll auf das Leben in der demokratischen Polis vorbereitet werden
  2. auf ein philosophisches Bildungsideal: Erkenntnis der Idee des Guten

Die Idee des Guten hat der Philosoph Platon in einem seiner vielen Dialoge näher beschrieben. In einem Mythos erzählt Platon, dass die Seele vor der Geburt die Ideen anschaue, deren Höchste die des Guten sei. Mit der Geburt vergesse der Mensch, was er zuvor geschaut habe, und im Laufe des Lebens erinnere sich die Seele dann nach und nach jener angeschauten Ideen durch so genannte „Anamnesis“ wieder. Nach dem Tod schließlich kehre die Seele ins Reich der Ideen zurück. Platon stellt also ein zyklisches Weltbild vor, einen ewigen Kreislauf, dem die Unsterblichkeit der Seele zugrunde liegt. Die Nähe des Platonismus zum christlichen Weltbild klingt darin an.

Bildung im antiken Griechenland war erst nur den männlichen, im Hellenismus dann allen freien Bürgern vorbehalten. Der Grund, warum die Bildung höchsten Stellenwert besaß, kann in der florierenden Handelsgesellschaft gefunden werden. Handel setzte die Fähigkeit zur schriftlichen Kommunikation voraus. Dadurch kam es zur weit verbreiteten Alphabetisierung der Bevölkerung.

Die römische Antike
In der römischen Antike bezog man sich auf die griechische Art der Pädagogik. Viele Hauslehrer der Römer waren Sklaven aus Griechenland, so dass die griechische Philosophie auch im römischen Reich florierte. Die Römer ergänzten das griechische Erbe besonders durch das Ideal der Tugend: „Virtus“ genannt. Tugendhaftes Verhalten galt als erstrebenswert und ehrenwert. In den Genuss der Bildung kamen fast ausschließlich freie Bürger der Oberschicht. Es wurden Schreib- und Leseschulen gegründet, weiterführende Grammatikschulen und abschließende Rhetorikschulen ergänzten das römisch-antike Bildungssystem. Die männlichen Jugendlichen hatten dabei die Norm der „emancipatio“, der Befreiung aus der väterlichen Gewalt, zu erfüllen. Es galt, ein freies Mitglied der Gesellschaft zu werden. Das kam zum Ausdruck darin, dass die 14- bzw. 17-jährigen Jungen die Toga angelegt bekamen und sich auf die Übernahme öffentlicher Ämter vorbereiteten.

2. Das Christentum
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Im Christentum kam es zur Abkehr vom zyklischen Weltbild. Stattdessen wurde der monotheistische Gott als Höchstes gesetzt, der außerhalb der irdischen Zyklen in einem ewigen Reich throne. Nicht mehr war die Erkenntnis positiv besetzt, im Gegenteil: durch den biblischen Sündenfall – der im Kosten von den Früchten des Erkenntnisbaumes bestand – wurde sie mit der Sünde des Hochmuts in Zusammenhang gebracht. Das Streben nach Gottgleichheit ließ die Erkenntnis im negativen Licht erscheinen. Anstelle der Erkenntnis galt es, sich so zu verhalten, dass der Mensch am Ende des Lebens erlöst werde. Erlösung war das neue Ideal. Weil der Mensch als „imago dei“, also als Gottesebenbildlichkeit, begriffen wurde, dominierte das christliche Weltbild auch die mittelalterliche Bildung.

3. Mittelalterliche Bildung
Geschichte der Pädagogik
Im Mittelalter bildeten sich Stände heraus, die je eigene Institutionen gründeten und Methoden der Bildung praktizierten. Es waren:

  1. der Stand des Klerus
  2. der Stand der Ritter
  3. der Stand der Handwerker
  4. der Stand der Händler
  5. das einfache Landvolk

Klerus
Im Mittelalter war das klerikale Bildungssystem sowohl christlich als auch durch die griechischen Philosophen Platon und Aristoteles geprägt. Im Vorstellungsbild des „enkyklios paideia“ – dem Kreis des allgemeinen Wissens – kam das Bildungsideal zum Ausdruck. Es manifestierte sich in den so genannten „Septem Artes Liberales“, den Sieben Freien Künsten: Die Studenten in spe hatten darin zuerst das so genannte Trivium zu durchlaufen. Darin gefasst sind drei Fächer:

  • Grammatik
  • Rhetorik
  • Dialektik

Anschließend galt es, im Quadrivium Kenntnisse in den Bereichen

  • Arithmetik
  • Geometrie
  • Musik
  • Astronomie

zu erlangen. Dadurch wurden sie befähigt, an den mittelalterlichen Universitäten zu studieren. Diese waren durch theologisch-kirchliche Bildung geprägt. Die Philosophische Durchgangsfakultät konnte mit dem Titel Magister abgeschlossen werden. Für einen Doktortitel hatte man an den Berufsfakultäten entweder Theologie, Rechtswissenschaft oder Medizin zu studieren.

Ritter
Auch eine andere Gesellschaftsschicht bildete die Menschen. Wer im Stand eines Ritters erhoben werden wollte, der hatte in drei Bereichen seine Fähigkeiten auszubilden. Er musste

  • körperliche Tüchtigkeit
  • Musisch-ästhetische Bildung
  • und Verwaltungskenntnisse

unter Beweis stellen.

Handwerker
Um im Stand der Handwerker eine Zunftzugehörigkeit zu erlangen, mussten die Anwärter, ähnlich wie heute, zuerst als Lehrling beginnen, dann als Geselle auf Wanderschaft gehen, um schließlich ein Meister im jeweiligen Handwerk zu werden.

Kaufleute
Der Stand der Kaufleute begründete die deutsche Schreib-, Lese- und Rechenschulen. Die immens hohe Bedeutung, schreiben und rechnen zu können, war bereits im antiken Griechenland ein Grund für die Alphabetisierung der Händler. An den Schulen wurde anfangs in Latein unterrichtet, später dann ging man über, den Unterricht in deutscher Sprache abzuhalten. Wer die Schreib-, Lese- und Rechenschule mit Erfolg absolviert hatte, konnte an eine weiterführende Lateinschule bzw. an das Gymnasium kommen. Das Gymnasium also war der Ort für die nicht-klerikale Bildung der Bürger.

Landvolk
Das Landvolk strebte nach emotionaler Übereinstimmung dadurch, dass sie in folgenden Bereichen miteinander kommunizierten:

  • beim gemeinsamen Mittun
  • in der Liturgie
  • im Brauchtum

Beim Landvolk galt es, in die Gesellschaft durch Mitmachen hineinzuwachsen, anstatt durch das „Verstehen“.

4. Bildung in der Renaissance
Geschichte der Pädagogik
Die Renaissance ist diejenige Epoche, welche das Ende des Mittelalters und den Anfang der Neuzeit begründet. Übersetzt bedeutet der Begriff Renaissance „Wiedergeburt“; gemeint ist das Wiederaufleben antiker Bildungsideale. Hatte im Mittelalter die Idee des Christentums und das Ideal der Erlösung vorgeherrscht, war das Bildungsideal der Renaissance wieder das der Erkenntnis. Die Menschen strebten danach, die Welt und die Natur zu verstehen, und zwar mittels der Mathematik. Der Mensch rückte ins Zentrum des Universums, nicht mehr Gott, sondern der Mensch sei der Gestalter der Welt. Besonders hohen Stellenwert kam der rationalen Denkkraft des Menschen zu. Der Philosoph R. Descartes brachte sie auf die Formel „Cogito ergo sum“: Ich denke, also bin ich.

Zusammenfassung: Geschichte der Pädagogik

Die Geschichte der Pädagogik hat bisher aufgezeigt, dass das Ideal der Erkenntnis zu manchen Zeiten bedeutsamer war als zu anderen. Das altgriechische Wort peideia bringt sowohl eine weltliche als auch eine geistige Bildung zum Ausdruck. Dieser Doppelaspekt ist auch dem deutschen Wort Bildung eigen – entgegen etwa dem englischen Begriff „education“, mit dem fast ausschließlich eine äußerliche Ausbildung von Fähigkeiten, Fertigkeiten und Kenntnissen gemeint ist.

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Vgl. H. Gudjons (2012): Pädagogisches Grundwissen.
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Jan-Benedikt Kersting

Jan-Benedikt Kersting

Freiberuflicher Bildungscoach bei Creactivity-Solutions
Freiberufliche Tätigkeiten erfordern ein Höchstmaß an Flexibilität und Kreativität. Kombiniert mit fachlicher Kompetenz und Organisationsfähigkeit kann ich auch ihr Projekt ins Internet bringen. Oder sind Sie an Sprachkursen in Englisch und Deutsch interessiert? Dann kontaktieren Sie mich bitte über die Emailadresse: kontakt@bildungsadler.de
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