Geisteswissenschaftliche Pädagogik

Die Grundidee, welche die Geisteswissenschaftliche Pädagogik hat, ist das Primat der Praxis vor der Theorie. Pädagogik hat die Aufgabe, praktisch anwendbar zu sein und nicht in reiner Theorie zu erstarren. In diesem Sinn kommt es darauf an, die geschichtlichen Quellen und die aus diesen entstammenden Erkenntnisse praktisch zu nutzen, um pädagogische Konzepte zu entwerfen und einzusetzen. Die Theorie, für die es der Abstraktion bedarf, ist zweitrangig und in gegenläufigen Theorien des Rationalismus zu finden. Die Geisteswissenschaftliche Pädagogik ist die erste von drei großen Entwürfen der Pädagogik, die der Bildungsadler vorstellt.

Geisteswissenschaftliche Pädagogik

Bildung und Bücher

Erklären und Verstehen

Die Anfänge dessen, was geisteswissenschaftliche Pädagogik genannt wird, finden sich beim Philosophen W. Dilthey (1833-1911). Er differenzierte zwischen drei Bereichen, nämlich zwischen der Geisteswissenschaft, den Normativen Wissenschaften (Ethik, Theologie…) und den Naturwissenschaften. Deren Verhältnis bringt er in folgendem Satz auf den Punkt:

„Die Natur erklären wir, das Seelenleben verstehen wir.“ (Dilthey 1957, V, 143).

Eine naturwissenschaftliche Erklärung beispielsweise macht klar, was die Ursache dafür ist, dass Wasser seine Aggregatzustände wechselt, je nachdem, welche Temperatur es hat. Geisteswissenschaftliches Verstehen hingegen meint, nach den Gründen zu suchen, etwa warum ein Schüler unaufmerksam ist. Ein solches Verhalten braucht nicht notwendig Missachtung der Lehrerpersönlichkeit sein, sondern kann auch in der Lebensgeschichte des Schülers, seinen Beziehungen, in Konflikten oder anderen Faktoren begründet liegen.

Geschichte als Quelle der Selbsterkenntnis

Besonderes Augenmerk legte Dilthey auf die Geschichtlichkeit, die er in seiner Theorie der Hermeneutik untersucht. Der Mensch sei ein geschichtliches Wesen insofern, als dass unsere Vorfahren bereits Erfahrungen gemacht und sie uns in historischen Quellen zugänglich gemacht haben. Wer diese Quellen studiere und als Quelle der Erkenntnis nutze, der könne nach Dilthey zur Selbsterkenntnis gelangen. Dies ist ein philosophischer Fachbegriff, bei dem zu fragen interssant ist, wie der Mensch zur Selbsterkenntnis gelangen könne. Dilthey meint dazu Folgendes:

„Der Mensch erkennt sich nur in der Geschichte, nie durch Introspektion.“ (Dilthey 1958, V, 279).

Mit Introspektion ist jene Fähigkeit des Menschen gemeint, in sich hineinzuschauen, um dort das Wesen des Menschen zu erkennen. Introspektion ist eine subjektive Methode, die das Individuelle in den Fokus zu rücken sucht. Nach Dilthey aber ist dies nicht der Weg zur Selbsterkenntnis. Indem der Mensch stattdessen in die Geschichte blicke, vermöge er zu begreifen, was ihn als Menschen ausmache. Die Erfahrungen, die die Menschheit bisher gesammelt habe, sei der Weg dahin, dass der Mensch sich selbst erkenne.

Geschichte als Quelle gegenwärtiger Pädagogik

In Bezug auf die geisteswissenschaftliche Pädagogik leitet der Wissenschaftler Wulf einen Leitsatz ab:

„Aus einer historischen Analyse der Erziehungswirklichkeit sollen sich […] die Strukturelemente der Erziehung ergeben, die für die Gegenwart und Zukunft relevant sind.“ (Wulf 1983, 22).

Die Hypothese lautet also, dass die vergangenen Erfahrungen auf dem Gebiet der Pädagogik die Basis für gegenwärtige und zukünftige Konzepte der Pädagogik sein sollen. Damit einher geht der Ansatz, verstehen zu wollen, was gegenwärtig passiert.
Ein solches Verstehen basiert auf der Reflexion der Vergangenheit. Indem die Ursprünge von etwas entdeckt worden sind und bis in die Gegenwart nachvollzogen werden, könne erklärt werden, wie „eine bestimmte Form von Schule entstanden ist, welches ihr ursprüngliches Ziel war, wie sie sich verändert hat, um etwa das Verhalten von Lehrern und Schülern zu verstehen“ (Gudjons 2012, 32).

Verhältnis zwischen Schüler und Lehrer

Im optimalen Fall ist das Verhältnis zwischen Schüler und Lehrer durch Wertschätzung geprägt. Auf der einen Seite gilt es, „das Eigenrecht des Kindes gegenüber den Erwachsenen und gegenüber gesellschaftlichen Gruppen“ (Gudjons 2012, 33) zu wahren. Auf der anderen Seite besteht Förderung dadurch, das Recht des Kindes auf Entwicklung nie aus dem Sinn zu verlieren. Nohl hat es wunderbar formuliert:

„Die Grundlage der Erziehung ist das leidenschaftliche Verhältnis eines reifen Menschen zu einem werdenden Menschen, und zwar um seiner selbst willen, daß er zu seinem Leben und seiner Form komme.“ (Nohl 1935, 169)

Besonders die letzten zwei Zitate scheinen geeignet, im Grunde zu verstehen, worum es der geisteswissenschaftlichen Pädagogik geht. Dadurch, dass die Vergangenheit bewusst gemacht wird, kann verstanden werden, unter welchen Bedingungen Lehrer ihre schulische Sozialisation erlebt haben. Die Grundidee, dass dadurch bewusst werden kann, warum bestimmte Phänomene der Gegenwart auftauchen, verdeutlicht die Relevanz eines solchen Ansatzes, obgleich er wohl nicht alleine stehen kann, um etwa das gegenwärtige Schulsystem umfassend zu erfassen.
Dazu bedarf es der Untersuchung weiterer Ansätze, etwa der kritisch-rational-empirischen Erziehungswissenschaft.

Kritik an der geisteswissenschaftlichen Pädagogik

Die geisteswissenschaftliche Pädagogik sieht sich, wie eigentlich jeder andere Einzelansatz auch, Kritikern ausgesetzt.
Drei wesentliche Kritikpunkte lauten wie folgt: Erstens gab es in den 1960er Jahren die so genannte Realistische Wende. Darin wurde der Fokus auf die empirische Methode gelegt, also auf das, was durch die Sinne unmittelbar erfahren und mittels naturwissenschaftlicher Methoden untersucht werden kann. Ein solcher Ansatz weicht deutlich von der Geschichtlichkeit, die aus der Vergangenheit herleitet, ab, indem das Primat auf die gegenwärtige Erfahrung gelegt wird.

Zweitens kamen durch die Frankfurter Schule ideologiekritische Einwände auf, die in den geschichtlichen Erfahrungen des nationalsozialistischen Deutschlands zu finden sind. In der pervertierten Pädagogik des NS-Regimes wurde schlimm vor Augen geführt, wie ideologische Deutungen der Geschichte – etwa der dadurch bis heute so gescholtenen Romantik – für die Zwecke machtgieriger und menschenverachtender Nationalsozialisten eingesetzt wurde.
Eine dritte Kritik schließlich stammte aus dem Munde derjenigen, die eine sozialwissenschaftliche Orientierung einschlugen. Darin zählt nicht die Selbsterkenntnis des Menschen, sondern vielmehr sein Verhalten und sein Platz innerhalb von gesellschaftlichen Gruppen und Subgruppen.
Quellenangaben:
[info]
Dilthey, W. (1958): Gesammelte Schriften. Bd. V. Stuttgart.
Gudjons, H. (2012): Pädagogisches Grundwissen. Bad Heilbrunn.
Nohl, H. (1935): Die pädagogische Bewegung in Deutschland und ihre Theorie. Frankfurt/M..
Wulf, C. (1983): Theorien und Konzepte der Erziehungswissenschaft. München.[/info]

Jan-Benedikt Kersting

Jan-Benedikt Kersting

Freiberuflicher Bildungscoach bei Creactivity-Solutions
Freiberufliche Tätigkeiten erfordern ein Höchstmaß an Flexibilität und Kreativität. Kombiniert mit fachlicher Kompetenz und Organisationsfähigkeit kann ich auch ihr Projekt ins Internet bringen. Oder sind Sie an Sprachkursen in Englisch und Deutsch interessiert? Dann kontaktieren Sie mich bitte über die Emailadresse: kontakt@bildungsadler.de
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