Ethik in der Schule

Zur Bildung gehört die Entwicklung eines ethischen Bewusstseins. In den Zielen, die sich jemand im Leben bzw. auch in der Schule setzt, kommen Normorientierungen zum Vorschein. Gesellschaftliche Normen wiederum gründen auf allgemeineren Werten. Dieser Artikel befasst sich allgemein mit der Ethik in der Schule und ist nicht auf den Ethikunterricht beschränkt. Ethik in der Schule meint darin das: Je nachdem, welche Ziele, Normen und Werte für dich wichtig sind, bildet sich ein entsprechendes ethisches Bewusstsein dessen aus, was du für richtig oder falsch im Leben hältst. Es ist also die Grundlage für deine Art, dich, deine Mitmenschen und deine Umwelten zu beurteilen.
Ethik in der Schule
Das gilt natürlich auch für die Lehrer: Die Art, wie unterrichtet wird, spiegelt das allgemeinere Verständnis für Normen und Werte der Lehrenden innerhalb eines gesellschaftlich-historisch-sozialen Bezugsystems wider. Wie ich im Artikel Schule in Tansania erzählt habe, kommt im Gebrauch körperlicher Züchtigungen ein bestimmbares Verständnis dessen, wie soziales Miteinander zu funktionieren habe, zum Ausdruck. Auf der anderen Seite stelle ich im Artikel Wie demokratisch ist Unterricht? ein Konzept, das auf wertschätzender Kommunikation basiert, vor.

Was sind Ziele, Normen und Werte?
Nachfolgend untersuche ich die Begriffe Ziele, Normen und Werte. Wie hängen sie miteinander zusammen? Was haben sie mit dem Schulunterricht in Deutschland, Österreich und der Schweiz zu tun? Indem du dir klarer auch über dein Wertesystem wirst, kannst du etwas darüber erfahren, was dir über deine Schulzeit hinaus hilfreich ist: die Normen und Wertgrundlagen der Gesellschaft, in der du lebst.

Um die genannten Begriffe miteinander in Beziehung zu setzen, bietet sich eine in ihrer Allgemeinheit aufsteigende Stufung der Begriffsbedeutung an. Die Reihenfolge, in der ich sie untersuche, ist folgende:

  1. Ziele
  2. Normen
  3. Werte
  4. Tugenden

Die Ziele bilden die unterste Stufe in dieser Systematik. Sie gelten für Untergruppen und Schichten eines Kulturkreises.
Das Erreichen eines Zieles dient dabei einem bestimmten Zweck. Anders gesagt, beschreiben Ziele bestimmte Handlungsintentionen: Wofür führe ich eine bestimmte Handlung aus? Die Antwort lautet: Um ein bestimmtes Ziel mit meinem ebenso bestimmten Handeln zu erreichen.
Zum Beispiel kann ich das Ziel haben, mich in der nächsten Klausur um eine Note zu verbessern. Dazu bedarf es des Lernens für die selbige. Ich führe also das Lernen als Handlung aus, um das Ziel einer Notenverbesserung in der Klausur zu erreichen.
Ethik in der Schule
Auf der nächsthöheren Stufe treffen wir auf den Begriff der Norm. Normen gelten für einen größeren Kulturkreis. Sie formulieren Soll-Zustände, die hinter zu erreichenden Zielen liegen. Als Beispiel können die Menschenrechte genannt werden. Sie gelten für den europäischen Raum bzw. die oft so genannte westliche Welt als Normen des Zusammenlebens. Zugleich sind sie auch die pragmatische Form von Werten.

Auf der dritten Stufe finden wir die Werte. Sie liegen den Normen zugrunde. Gemeint ist mit Werten etwa Grundwerte wie das „Prinzip Verantwortung“. Der Begriff der Verantwortung ist sehr allgemein, denn er kann sowohl meinen, für das Erfüllen der Normen der Menschenrechte als auch für irgendwelche anderen Normen Sorge zu tragen. Werte sind in der Erziehungswissenschaft kontrovers diskutiert.

Außerdem gibt es den Begriff der Tugenden. Eine Tugend ist eine praktische Verhaltensweise, wodurch sich bestimmter Werte versichert wird. Beispielsweise verbindet die Tugend der Fairness objektive Grundwerte, subjektive Werthaltungen und pragmatische Normorientierung.

Funktionen und Eigenarten von Erziehungszielen
Die Grundidee, warum das Sprechen über die und Bewusstmachung der oben genannten Begriffe wichtig ist, lässt sich am einfachsten durch die Tatsache verdeutlichen, dass Handlung ohne Zielsetzung unmöglich ist. Darin enthalten ist die Implikation, dass die Entscheidung für eine bestimmte Erziehungspraxis auf Zielen, Normen und Werten basiert.
GUTE NOTEN UND BERUF
Anhand eines Beispiels kann dieser Zusammenhang anschaulich aufgezeigt werden: Wenn es deinen Eltern wichtig ist, dass du gute Noten mit nach Hause bringst, dann ist das darin hervortretende Ziel, dass du ein hohes Bildungsniveau erreichen sollst (besser ist es natürlich, wenn du selbst dir dieses Ziel gesetzt hast). Die Norm des Ziels wiederum ist dann, einen zukunftsreichen Beruf ergreifen zu können. Die Werte, die hinter dieser Norm erscheinen, sind dann, viel Geld zu verdienen (extrinsisch motiviert) oder auch Zufriedenheit (intrinsisch motiviert) zu erlangen.

Erziehungsziele
Erziehungsziele, wie sie durch eine Ethik in der Schule angestrebt werden, machen immer nur innerhalb eines bestimmten Normhorizonts Sinn. Natürlich macht es einen Unterschied, ob wir uns Erziehung heutzutage in Deutschland oder Tansania oder aber Erziehung während der NS-Zeit in Deutschland anschauen. Je nachdem, welcher gesellschafts-politische Hintergrund gegeben ist, werden in den Lehrplänen je besondere Richtziele, Grobziele und Feinziele formuliert sein.

Immer aber spielt sich das Erlernen von Erziehungszielen in drei Dimensionen ab, nämlich in der

  • kognitiven
  • affektiven
  • sozialen

Dimension.
Ethik in der Schule
Was heutzutage als Erziehungsziele im deutschsprachigen Raum vorkommt, hat Hentig (1993) so zum Ausdruck gebracht. Bildung bedeute

„urteilen und denken, prüfen und zuhören, beobachten und improvisieren, geduldig und genau sein, Verlässlichkeit und Verantwortung, die Fähigkeit zur Kooperation und zu selbstständigem Handeln, zum Austragen von Konflikten“

In allgemeiner formulierten Form sind es dann diese Erziehungsziele:

  1. Mündigkeit: Voraussetzung für Demokratie ist der mündige Bürger
  2. Partizipation: die gleichberechtigte Teilnahme aller an Diskussionen und Diskursen
  3. Emanzipation: Beseitigung von Ungleichheiten
  4. Kritikfähigkeit: Das Verhältnis von Skepsis versus Glauben, von Kritik versus der Liebe

Zusammenfassung: Ethik in der Schule

Ethik in der Schule oder Schulunterricht, der auf Augenhöhe mit der gegenwärtigen Gesellschaft sein will, basiert auf denjenigen Erziehungszielen, die er vermitteln soll. Allgemein kann das Grundprinzip der Demokratisierung erkannt werden.

Im Grunde gibt es das Abstraktum Demokratie als Konzept, das aber erst durch Praxis mit Leben gefüllt wird. Jemand, der an Diskursen oder Diskussionen teilnimmt, übt sich in Mündigkeit bzw. dem öffentlichen Gebrauch des eigenen Verstandes im Sinne des kantischen „Sauere aude“. Demokratie lebt davon, dass Menschen an ihr teilhaben bzw. partizipieren: das kann zum Beispiel darin bestehen, am Unterrichtsgespräch teilzunehmen. In der Art und Weise, wie miteinander gesprochen wird, zeigt sich der Grad der Emanzipation aller Beteiligten. Erst dann, wenn jeder gleichberechtigt ist und niemand mehr von irgendeiner Form des Mobbings betroffen ist, nähert sich das Gespräch oder allgemeine Verhalten diesem Bildungsziel an. Nicht zuletzt kommt der Kritikfähigkeit eine wichtige Bedeutung zu.
Indem miteinander wertschätzend gesprochen und diskutiert wird, kann Kritik konstruktiv und problemlösungsorientiert angebracht werden. Sie als solche anzunehmen, gehört ebenfalls zu diesem Bildungsziel.
Alles in allem bringen die genannten Bildungsziele zum Ausdruck, wie aktiv gelebte Demokratie aussieht.

Jan-Benedikt Kersting

Jan-Benedikt Kersting

Freiberuflicher Bildungscoach bei Creactivity-Solutions
Freiberufliche Tätigkeiten erfordern ein Höchstmaß an Flexibilität und Kreativität. Kombiniert mit fachlicher Kompetenz und Organisationsfähigkeit kann ich auch ihr Projekt ins Internet bringen. Oder sind Sie an Sprachkursen in Englisch und Deutsch interessiert? Dann kontaktieren Sie mich bitte über die Emailadresse: kontakt@bildungsadler.de
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