Erfindung der Kindheit

Wusstest du eigentlich, dass die Kindheit erst erfunden werden musste? Das, was wir heute unter Kindheit verstehen, kann als Schutzraum für die frühe Entwicklung des Kindes aufgefasst werden. Wie selbstverständlich gehen wir in Europa davon aus, dass ein Unterschied zwischen der Welt der Erwachsenen und der Kinderwelt besteht. Kinder dürfen in Europa nicht arbeiten und sind auch sonst durch besondere Gesetze unter Schutz gestellt. Das war aber nicht immer so. In diesem Artikel erfährst du, wann die Kindheit erfunden wurde und was davor als normal galt. Dieses Wissen wird dir helfen, besser einschätzen zu können, warum auch Schule eine Art besonderen Schutzraum für die Entwicklung von Kindern und Jugendlichen darstellt.
Erfindung der Kindheit
Es gibt in der modernen Forschung zwei sehr bedeutsame, kontroverse Studien zur Entwicklung der Kindheit in den vergangenen Jahrhunderten. Die beiden Forscher breiten darin aus, was für Vorstellungen bezüglich von Kindern in der Gesellschaft in Europa vorgeherrscht haben. Sie kommen zu je unterschiedlichen Thesen, die ich dir vorstelle. Deren Ergebnisse lassen sich auf zwei Aussagen über Schule transferieren – welcher stimmst du eher zu?

  • Schule und Bildung dient der Dressur der Schüler
  • Schule und Bildung bietet Schülern Freiraum zur Entfaltung ihrer Persönlichkeit

Die Gründe, warum du dich vielleicht auch nicht auf eine der beiden Aussagen beschränken kannst, erfährst du beim Weiterlesen.

Dressur der Kinder
Der Forscher Philipe Ariès hat in den Jahren 1960 und 1975 die Position vertreten, dass die Entdeckung der Kindheit der Beginn ihrer Leidenszeit gewesen sei. Darin verficht er zwei zentrale Thesen, nämlich

  1. Es gab keine pädagogischen Einrichtungen für Kinder im Mittelalter
  2. Während des 16. und 17. Jahrhunderts seien Kinder aus der Sphäre der Erwachsenen ausgegliedert worden und in Bildungsinstituten fortan dressiert worden

Dadurch, dass es im Mittelalter keinerlei pädagogische Einrichtungen für Kinder gegeben habe, werde die Unterschiedslosigkeit zwischen Kindern und Erwachsenen erkennbar. Kinder wurden wie kleine Erwachsene behandelt und mussten schon früh arbeiten oder dasjenige lernen, was Erwachsene zu wissen hatten. Natürlich gab es wenig bis keine Zeit für freies Spielen oder solche Beschäftigungen, wie sie heutzutage in Kindergärten oder Grundschulen anzutreffen sind.

Erst im 16. und 17. Jahrhundert sei ein Bewusstsein für die Kindheit langsam entstanden. Es zeigte sich etwa darin, dass Kinder plötzlich spezielle Kleidung trugen, Spielzeuge zur Verfügung hatten oder auch, dass spezielle Institutionen für die Kinderbildung gegründet wurden. Insgesamt kommt er zur Schlussfolgerung, dass dies „der Weg der Kinder aus der Freiheit und Ungezwungenheit ihrer ganzheitlichen Lebenswelt in die pädagogische Dressur der Gesellschaft“ (2012, 81) gewesen sei.
Erfindung der Kindheit

Kindheit als Schutzraum
Auf der anderen Seite hat der Forscher Lloyd de Mause in seiner 1977 in deutsch erschienenen Studie Folgendes vertreten: Seine erste These besagt, dass bis ins 17. Jahrhundert hinein eine fehlende Empathie der Erwachsenen für die Kindheit vorgeherrscht habe. Die Folge daraus sei gewesen, dass Kinder mehr oder weniger schutzlos den Erwachsenen ausgeliefert gewesen seien. Er führt als Beispiele die hohe Kindersterblichkeitsrate durch Kindstötungen oder Aussetzungen an.

Die zweite These bezieht sich dann auf das, was wir heute unter Kindheit verstehen: Das Konzept der Kindheit sei die Entdeckung eines Schutzraumes gewesen. Als Folge habe sich Empathie für die Situation des Kindes entwickelt und es sei zur Förderung ohne vorzeitige Instrumentalisierung gekommen: „Man beobachtet Kinder, gewinnt ein Verständnis für die eigene Art des Aufwachsens von Kindern und den Zusammenhang von Kindheit und späterer Persönlichkeit.“ (2012, 82).

Vergleicht man die beiden Studien miteinander, so kristallisiert sich ein konträres Verständnis von Pädagogik oder Bildung heraus:

  • Pädagogik dressiere Menschen für gesellschaftlich-fremde Zwecke
  • Pädagogik eröffne Kindern einen Schutzraum für ihre freiheitliche Persönlichkeitsentwicklung

Diese beiden Pole pädagogischer Zielsetzungen habe ich im Artikel Geschichte der Pädagogik untersucht und darin ausgeführt, dass beide Richtungen im altgriechischen Begriff „peideia“ inbegriffen sind.

Erst im 20. Jahrhundert kam das Konzept der Kindheit voll zum Tragen. Seitdem versteht man „Kindheit in Europa […] als ein dem Spielen, der Entwicklung, dem Lernen dienender und von Erwerbsarbeit befreiter Lebensraum“ (2012, 82).

Zusammenfassung: Erfindung der Kindheit

Bevor das Konzept der Kindheit in Europa Fuß fasste, galten Kinder als kleine Erwachsene. Ihnen wurde kein gesonderter Entwicklungsraum zugestanden. Als die Kindheit von der Pädagogik als abgesonderte Zeit der Entwicklung erkannt wurde, kam es zur Gründung spezieller Bildungsinstitutionen für Kinder.

In der Folge kam es zu Entwicklungen, welche die beiden oben vorgestellten Forscher unterschiedlich beurteilen: Während Ariès dies als den Beginn gesellschaftlicher Dressur kritisiert, geht de Mause davon aus, dass dadurch den Kindern ein Schutzraum für ihre Entwicklung gegeben worden sei. Dass beide Seiten je zutreffend sein können, wird genau dann deutlich, wenn der Begriff der peideia etymologisch ausgelegt wird, denn im antiken Griechenland verstand man unter Bildung eben sowohl die äußere Bildung als Vorbereitung auf das Leben in der Gesellschaft als auch die innere Bildung zur Heranreifung einer freien Persönlichkeit.

Jan-Benedikt Kersting

Jan-Benedikt Kersting

Freiberuflicher Bildungscoach bei Creactivity-Solutions
Freiberufliche Tätigkeiten erfordern ein Höchstmaß an Flexibilität und Kreativität. Kombiniert mit fachlicher Kompetenz und Organisationsfähigkeit kann ich auch ihr Projekt ins Internet bringen. Oder sind Sie an Sprachkursen in Englisch und Deutsch interessiert? Dann kontaktieren Sie mich bitte über die Emailadresse: kontakt@bildungsadler.de
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