Eine Argumentation schreiben: so funktionierts!

Eine Argumentation schreiben gehört mit zu den anspruchsvollsten Aufgabenstellungen in der Schule. Wer eine Argumentation in den Sprachfächern schreiben soll, der hat Einiges zu beachten und zu leisten, denn es ist selbstständiges Denken gefordert. Wie du das am besten hinbekommst, welche Argumentationsarten und Argumentationstypen es gibt und welche Fehler du auf jeden Fall vermeiden solltest, erfährst du in diesem Artikel.
Das Ziel jeder Argumentation ist, schlicht gesagt: zu überzeugen. Ein Argument wirkt desto überzeugender, je stichhaltiger es ist. Dadurch mag dir klar werden, dass Argumente nach ihrer Überzeugungskraft gewichtet werden können, was auch du in Bezug auf eigene (und fremde) Argumente tun solltest, wenn du eine gute Argumentation (oder Erörterung) schreiben willst.

Das bedeutet auf den Begriff gebracht, dass es auf die so genannte Evaluationsfähigkeit ankommt. Mit diesem Fachbegriff bezeichnen Psychologen diejenigen kognitiven Funktionen, die mit der Beurteilung und Bewertung von etwas einhergehen, hier also von eigenen Argumenten. ArgumenteDie Fähigkeit, etwas zu evaluieren und anschließend in eine hierarchische Ordnung und Reihenfolge zu bringen, gehört mit zu den höchsten Fähigkeiten des menschlichen Bewusstseins. Sie entwickelt sich erst im Laufe der Zeit und muss daher des Öfteren trainiert werden. Und genau das ist der tiefere Sinn hinter der Aufgabenstellung, eine Argumentation zu schreiben.

Thema der Argumentation
Eine Argumentation schreiben, das ist, gründlich betrachtet, der letzte Schritt in einer Reihe von zuvor durchzuführenden Vorbereitungen. Wer eine gute Argumentation verfassen möchte, sollte sich zuallererst das Thema in Erinnerung rufen. Ein beliebtes Thema für eine Argumentation im Englischunterricht ist beispielsweise die Frage, ob Schüler auch in Deutschland Schuluniformen, wie sie an englischen Schulen zum alltäglichen Erscheinungsbild gehören, tragen sollten.
Anhand dieses Beispiels, das im weiteren Textverlauf durchgespielt wird, lässt sich nachvollziehen, wie eine gute Argumentation schreiben möglich wird.

Ausgangsfrage formulieren

Unser Thema also lautet: Schuluniformen. Dazu lässt sich genauer die folgende geschlossene Frage formulieren:
Sollen Schüler in Deutschland Schuluniformen tragen?
Eine Eigenart dieser Fragestellung ist, dass sie im einfachen Fall mit Ja oder Nein beantwortet werden kann. Wer sich für eine dieser Antworten entscheidet, argumentiert also von dieser Position aus. Etwas schwieriger wird es, wenn du zur Erkenntnis kommst, dass es Argumente für beide Seiten gibt; diesen Fall bespreche ich weiter unten im Artikel unter dem Punkt „Dialektische Argumentation“.

Widmen wir uns vorerst und schwerpunktmäßig dem Fall einer eindeutigen Zustimmung oder Verneinung. Immer dann, wenn du dich für eine Seite entschieden hast, wird die Frage nach dem Grund aufkommen: Warum hast du dich für eine Seite entschieden? Durch eine solche W-Frage wirst du aufgefordert, eine eigene Begründung für deine Meinung zu geben.

Wie du dir sicher vorstellen kannst, ist es in einer Aufgabenstellung, die das Argumentieren fordert, nicht damit getan, mit einem „Es ist einfach so“ zu antworten. Im Gegenteil: Dadurch, dass du deine Einstellung schlüssig begründen kannst, zeigst du, dass du nicht willkürlich irgendetwas daherredest, sondern zu denken und deine Meinung zu begründen fähig bist. Eine Meinungsbegründung im Deutschen wird oft mit der unterordnenden Konjunktion „weil“, im Englischen mit „because“, etc. eingeleitet.
Daraus ergibt sich ein Satz, der wie folgt aufgebaut ist: „Ich meine das und das, weil p“.
An der Stelle, an der du das p (oder alternativ drei Auslassungspunkte) siehst, sollst du dein erstes von etwa zwei bis drei Argumenten einsetzen.

Bevor wir dazu kommen, in welcher Reihenfolge Argumente angeordnet werden können, spielen wir das oben genannte Thema der Argumentation einmal durch. Am besten beginnst du mit einem Brainstorming:
Angenommen zum Beispiel, es soll gegen Schuluniformen in Deutschland argumentiert werden, so sind einige mehr oder weniger überzeugend wirkende Argumente bzw. Begründungen vorstellbar, beispielsweise in folgenden Formen:

Nein,

  • weil Schuluniformen den Betrag x kosten (Faktenargument)
  • weil Dieter Bohlen Menschen mit seltsamer Kleidung auslacht (Autoritätsargument)
  • weil in unserer Gesellschaft die Individualität ein hoher Wert ist ( Normatives Argument)
  • weil Schule eine andere Institution als das Militär ist (Analogisierendes Argument)

Es ist selbstverständlich möglich, je ein anderes Argument den vier Formen zuzuordnen, sonderlich dann, wenn du etwa nicht so richtig davon überzeugt bist, ob Dieter Bohlen tatsächlich eine Autoritätsperson in dieser Fragestellung sei.
Daran kannst du dir verdeutlichen, was ich weiter oben mit der Stichhaltigkeit eines Argumentes angesprochen habe. Zwar ist es mir bei einem Brainstorming in den Sinn gekommen, aber es zählt nicht zu denjenigen zwei bis drei stärksten Argumenten, die ich in einer Argumentation verwenden würde.

Anders verhält es sich wohl mit den beiden letzten Beispielen. Der Verweis auf die Individualität als Wert spielt auf ein Grundrecht an, nämlich dass jeder das Recht auf freie Entfaltung seiner Persönlichkeit habe. Zwar kann eingewandt werden, ob die Schule ein Raum für derartige Entfaltung sein soll – aber andererseits kann leicht gekontert werden, dass Schule auf das Leben in der Gesellschaft vorbereiten und daher deren Werte transportieren soll. Dieser Gedankengang ist wesentlich triftiger bzw. überzeugender als etwa zu argumentieren, dass Dieter Bohlen auch für die freie Entfaltung einer Persönlichkeit Sinnbild ist. Überprüfe doch, ob du den Unterschied zwischen verschieden wiegenden Argumenten verstanden hast, indem du prüfst, ob und wie einfach du ein Gegenargument zum Einen für das genannte Faktenargument und zum Anderen für das genannte Analogieargument aufzufinden suchst.

Auswahl der besten Argumente

Ans Brainstorming nach Argumenten schließt sich das Auswählen der besten drei Argumente an, und das sind diejenigen, die am überzeugendsten sind. Ein Argument überzeugt genau dann, wenn es nicht oder nur unzureichend durch ein Gegenargument entkräftet werden kann bzw. nicht als absurd (wie im Beispiel Dieter Bohlen) entlarvt wird.

Eine Argumentation schreiben

Vorfahrt für das wichtigste Argument

An dieser Stelle also kommt deine Evaluationsfähigkeit ins Spiel. Du erinnerst dich sicherlich daran, dass damit die Fähigkeit, Beurteilungen und Bewertungen anzustellen, gemeint ist. Du kannst dabei von dir selbst ausgehen, indem du dich fragst, welches deiner Argumente dich am meisten überzeugt. Clever ist es auch, deine Argumente auf die Probe zu stellen, etwa dadurch, dass du sie deinen Eltern oder einem Freund bzw. einer Freundin vorträgst und sie bittest, ein Gegenargument zu finden.

Das stärkste Argument ist sozusagen deine Trumpfkarte. Mit diesem Argument, so solltest du sicher sein, kannst du selbst den hartnäckigsten Zweifler überzeugen. Und genau dafür hast du ja all die Anstrengungen auf dich genommen, um deine Meinung, ohne naiv oder unbedarft zu wirken, überzeugend im Gespräch, auch Diskurs genannt, kundzutun.
Anordnung der Argumente
Vielleicht ahnst du schon, was das nächste zu lösende Problem ist. Du solltest dir optimalerweise an dieser Stelle die Frage gestellt haben, wann bzw. wo im Text du das stärkste Argument platzierst, damit es seine volle Kraft entfalten kann. Eine Argumentation schreiben erfordert ja, dass du deine Argumente in einer bestimmten Reihenfolge aufschreibst. Was meinst du? An welcher Stelle deiner Argumentation würdest du das stärkste Argument zur Sprache bringen?

Zugegeben: Es gibt unterschiedliche Ansichten zu dieser Frage. Es hat sich allerdings bewährt, durch einen Rückgriff auf das rhetorische Stilmittel einer Klimax deine Argumente anzuordnen. Eine Klimax bezeichnet die schrittweise, zumeist dreigliedrige, Steigerung der Intensität von etwas, hier also von deinen Argumenten. Indem du eine Argumentation schreibst, die der Struktur einer Klimax folgt, bettest du nebenbei rhetorische Erfolgstechniken in deinen Text mit ein. Und das kannst du bei vielen Personen des öffentlichen Lebens, etwa Politikern, am laufenden Band erleben, sobald du dein Bewusstsein für dieses Stilmittel geschärft hast (nebenbei gefragt: Hast du gemerkt, wie ich gerade eben ein Autoritätsargument angewandt habe?).

Eine Argumentation schreiben

Kommen wir auf unser Beispiel zurück. Die oben genannten Argumente würden im Sinne einer Klimax meiner Einschätzung nach wie folgt angeordnet werden:

  1. Faktenargument: Schuluniformen kosten den Betrag x
  2. Analogieargument: Schule ist eine andere Institution als das Militär
  3. Normatives Argument: Individualität ist ein hoher Wert in unserer Gesellschaft

Dabei ist das erste Argument eines, das sich gut zum Einstieg eignet. Das Faktum, dass Schuluniformen Geld kosten und von jedem Schüler, gleichwelchen finanziellen Status die Eltern haben, gekauft werden müssten, ist wahr. Wahrheit ist schon einmal gut, wäre da nicht ein Einwand, denn: So ganz überzeugend ist es nicht, weil recht schnell ein Gegenargument dazu aufgefunden werden kann. So kostet es schließlich ja ebenfalls Geld, individuelle Kleidungsstücke zu kaufen. Das ist auch wahr, also steht es unentschieden.

Das zweite Argument ist schon schwieriger zu kontern. Uniformen sind wohl bei vielen Menschen in Deutschland mit dem Militär assoziiert, und die deutsche Geschichte mit ihrer NS-Vergangenheit ist schon ein gewichtiges Argument, das gegen Uniformen im Erziehungssystem vorgebracht werden kann.
Es ist kulturspezifisch in Deutschland schwierig zu entkräften. Man könnte vielleicht noch darauf verweisen, dass wir ja heutzutage in einer Demokratie leben und die Assoziation zum nationalsozialistischen Regime doch etwas weit hergeholt wäre. Aber im Grunde bleibt das Gegenargument recht blass und kraftlos. Ein leichter Vorsprung, so würde ich sagen, hat sich gegen Schuluniformen eingestellt.

Das dritte Argument jedoch ist – na logo! – ein noch stärkeres. Im deutschen Grundgesetz nämlich steht an erster Stelle geschrieben, dass die Würde des Menschen unantastbar sei. Und es kann einen krassen Einschnitt in das Leben eines Menschen bedeuten, gesetzlich vorgeschrieben zu bekommen, was sie oder er zu tragen habe. Kleidung, so die Idee, drückt Individualität oder Konformität aus. Aber was sie ausdrücken müsse, das soll jeder selbst entscheiden können.
Jeder Mensch hat zudem das Recht auf freie Entfaltung seiner Persönlichkeit oder auch zur freien Äußerung der Meinung, was heutzutage nicht selten über Kleidungsstile, Accessoires oder Körperverzierungen geschieht. Und wenn Schule die Schüler auf ein Leben in einer Demokratie vorbereiten soll, dann wäre es absurd, die der Demokratie zugrunde liegenden Rechte zu verwehren, indem sie kaschiert und verboten zu werden drohen.

Oha, jetzt wird es in der Tat schwierig. Was soll man dagegen noch sagen? Es könnte vielleicht eingewandt werden, dass niemand aufgrund seines schlichtweg gleichen Aussehens benachteiligt werden dürfe, was aber möglich ist genau dann, wenn sich Schüler unterschiedlich kleiden würden, was wiederum deshalb zu unterbinden sei. Aber so richtig überzeugend finde ich mein gerade genanntes Gegenargument gegen mein Argument gar nicht mehr.
Mein stärkstes Argument, so bin ich überzeugt, hat am Ende seine Wirkung nicht verfehlt.
Es bleibt der eher resignierend klingende als gegenargumentierende Einwand desjenigen Teiles meiner, den ich gerade mit Argumenten selbst besiegte, nämlich dass die Gesellschaft vor lauter Individualität Uniform trage – aber das zu erörtern ist dann etwas für diejenigen, die in die Feinheiten eines Paradoxon eintauchen wollen…

Der dialektische Aufbau einer Argumentation
Zurück zum Masterkurs in Argumentationstechniken: Diese Form der Argumentation ist etwas für fortgeschrittene Meinungsbildner. Ihr ist eigen, dass sie Gegenargumente in die Argumentation mit einbezieht, nur um sie gleich darauf zu entkräften. So manch jemand versteinerte vor Entsetzen gar, als ein zuvor bereitgelegtes Argument plötzlich attackiert wurde und somit bereits im Vorfeld eine gewisse Entkräftung erfahren hat.

Am obigen Beispiel möchte ich dir zeigen, was das meint. Lies einmal folgende Argumentation, die ich geschrieben habe, und versuche sie nachzuvollziehen:
„Ich behaupte, dass es nicht sinnvoll ist, an deutschen Schulen Uniformen einzuführen. Zwar kann ein einheitliches Erscheinungsbild den Eindruck vermitteln, dass es keine individuellen Unterschiede zwischen Schülern aus verschiedenen Herkünften gäbe.
Jedoch ist zu fragen, ob der schulische Auftrag, Chancengleichheit zu gewährleisten, dadurch erfüllt wird, dass lediglich äußerliche Gleichheit zur Schau getragen würde. Kommt es nicht vielmehr darauf an, jede Person als Menschen gleich wertzuschätzen, gleich fair zu behandeln, gleich engagiert zu fördern?
Ich jedenfalls meine, dass der Vergleich beider Aspekte nahelegt, jeden Menschen als Individuum zu betrachten und mit demselben Engagement die je bestmögliche Förderung angedeihen zu lassen.
Wir sollten daher kein Geld für Schuluniformen vergeuden, sondern stattdessen mit dem so eingesparten kleinen Vermögen anregen, auf freiwilliger Spendenbasis durch einen Förderverein Lernmaterialien zu erwerben. Lernmaterialien können jedem motivierbaren Schüler zugute kommen, um sie egal welchem interessierten Individuum zugänglich zu machen.
Dadurch können Individuen zusammenfinden, um zusammen zu arbeiten durch das Einbringen ihrer individuellen Stärken. Sie sind dann äußerlich Individuen, die innerlich die Uniform des gemeinsamen Interesses tragen. Denkt nur an Theatervorstellungen an unserer Schule – was das bedeuten würde…“.

Aus der vorhergegangenen Argumentation kann ein Schema der dialektischen Argumentation abstrahiert werden, das du in der nachfolgenden Bilddatei auffindest. Eine Argumentation schreiben wird zwar weiterhin anspruchsvoll sein, aber dir hoffentlich nach dem Lesen des Artikels zukünftig leichter fallen.

Schema

Dialektische Argumentation

Viel Spaß beim Verfassen deiner Argumentationen!

Jan-Benedikt Kersting

Jan-Benedikt Kersting

Freiberuflicher Bildungscoach bei Creactivity-Solutions
Freiberufliche Tätigkeiten erfordern ein Höchstmaß an Flexibilität und Kreativität. Kombiniert mit fachlicher Kompetenz und Organisationsfähigkeit kann ich auch ihr Projekt ins Internet bringen. Oder sind Sie an Sprachkursen in Englisch und Deutsch interessiert? Dann kontaktieren Sie mich bitte über die Emailadresse: kontakt@bildungsadler.de
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