Wie demokratisch ist Unterricht?

Ich habe das Gefühl, dass Schule heutzutage sehr hohe Anforderungen vielfältiger Art an Schülerinnen und Schüler stellt. Nicht nur das G8 verlangt Fähigkeiten, wie sie früher erst in der Wirtschaft nötig wurden. Zeit- und Lernmanagement – das gehört zum Schulalltag. Hinzu kommen während der Pubertät all die emotionalen Achterbahnfahrten. Freundschaft und Liebe können beflügeln, hingegen zu Tode betrüben Mobbing. Und wenn dann auch noch eine stressige Unterrichtsatmosphäre vorherrscht, in der Lehrer wenig Lust aufs Lehren und Schüler wenig Lust aufs Lernen haben, dann ist es höchste Zeit, die Frage zu stellen: Wie demokratisch ist der Unterricht?

In diesem Artikel schreibe ich über das Thema „Stimmungen im Unterricht“. Obgleich es ein wenig verwundern mag, dieses Thema auf einer Webseite zu finden, die sich hauptsächlich mit Bildungsthemen befasst, finde ich es wichtig. Es ist wichtig aus mehreren Gründen, unter anderen deshalb, weil ich durch meinen Nachhilfeunterricht mehrfach Schüler gehört habe, die über Ängste im Unterricht klagen: Sie erzählen mir, dass sie bei Wortmeldungen befürchten, entweder von Mitschülern belächelt zu werden oder dass sie vom Lehrer bloß gestellt würden. Beide Verhaltensweisen halte ich für problematisch, ja sogar destruktiv. Hingegen könnte wertschätzender Unterricht allen Beteiligten ein gutes Gefühl vermitteln. Womit das genau zusammenhängt, erörtere ich in diesem Artikel.
Demokratie
Was Unterricht mit Demokratie zu tun hat
Wofür, frage ich, soll die Schulzeit denn vorbereiten? Eine von mehreren Antworten, auf die sich die meisten verständigen können, dürfte lauten: Doch wohl auf ein Leben in einer demokratischen Gesellschaft.
Demokratie lebt davon, dass miteinander gesprochen und diskutiert wird. Nur dadurch, dass jeder das Grundrecht hat, seine Meinung frei zu äußern, kommt eine Diskussion, ein Diskurs, überhaupt erst zustande. Dieses Recht gründet auf der Auffassung, es seien Menschen gleichberechtigt. Gleichheit der Menschen, ihrer Rechte und Pflichten: das sollte zeitgemäßer Unterricht fördern, steht es doch in solcher Weise im Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland.

Damit sind Lehrer gleichsam wie Schüler angesprochen und aufgefordert, ihren Beitrag zur Demokratie zu leisten. Das kann ins Besondere durch wertschätzende Kommunikation geschehen. Konkret auf den Unterricht bezogen bedeutet es, dass unterschiedliche Meinungen frei geäußert und konstruktiv besprochen, darin auch problemlösend kritisiert, werden können.

Es mache der Ton die Musik, besagt ein Sprichwort, ebenso wie es so aus einem Wald heraus schalle, wie hinein gerufen worden sei. Schule ist so immens wichtig in der Sozialisation der jungen Generation, so dass der Wald vergleichsweise riesig sich ausbreitet in der zeitlichen Dimension. Das, was während der Schulzeit an Verhaltensweisen direkt oder indirekt ge- und erlernt wird, bestimmt entscheidend darüber mit, wie Menschen sich in Zukunft verhalten werden.

Bewusste Entscheidung für Demokratie

Wer Demokratie auch in Zukunft auf festen Grund stellen will, sollte bei sich anfangen und hinterfragen, ob sie oder er in einer anderen Gesellschaftsform, etwa einer Diktatur, leben wolle. Wer sich aber dafür entscheidet, in einer Demokratie wie Deutschland zu leben, auch weil es doch gewisse Vorteile mit sich bringt, hat als Bürger die Pflicht, demokratische Grundrechte zu achten. Denn: Demokratie existiert durch dich.

Mehr noch: Ich unterstelle jedem, der im Grunde für die Demokratie ist, nicht nur eine gewisse Offenheit gegenüber Andersartigkeit gleich welcher Art mitzubringen, sondern auch die Fähigkeit, andere Menschen wertschätzend zu behandeln. Und das kann auch im Unterricht gezeigt werden. Kann ins Besondere auch durch konstruktive Kritik realisiert werden. Indem miteinander im Unterrichtsgespräch gesprochen und sich ausgetauscht wird, Themen diskutiert und Gesprächsbeiträge aufgenommen werden, spielen sich Denk- und Handlungsmuster ein, die dem Demokratieverständnis zuträglich sind, mehr noch: es in die Praxis umsetzen. Demokratie realisieren.

Demokratie im Unterricht
Darin liegt sowohl eine große Chance als auch Verantwortung: Eine Chance, die Demokratie zu stärken, im Allgemeinen, und im Besonderen für jeden Schüler und Lehrer, aktiv wertschätzende Kommunikation ein- und auszuüben.

Dazu gehört ganz zentral das aktive Zuhören. Es meint, wirklich hinzuhören, was, und wie etwas, gesagt wird. Dafür muss natürlich ein offenes und störungsfreies Unterrichtsklima gewährleistet sein. Das bedeutet konkret: Mobbing geht gar nicht, aber auch Tuscheln oder Lachen außerhalb des Gesprächs ist nicht fair gegenüber denen, die miteinander sprechen und aufeinander hören wollen.
Demokratie in der Schule
Wer aktiv zuhört, spricht eben nicht nebenbei und hat dadurch die Möglichkeit auf das von anderen Gesagte einzugehen. Indem jemand mit eigenen Worten das wiederholt, was jemand anderes gesagt hat, zeigt er wertschätzendes Verhalten. Jeder mag es, wenn er von anderen Menschen ernst genommen wird. Das gilt doch auch für dich, oder?
Wie wäre es, in einer Atmosphäre zu lernen, die stressfrei ist, in der einander ernst genommen wird, in welcher Lehrer und Schüler miteinander sprechen und gemeinsam ein Thema vielseitig besprechen?

Ich jedenfalls ziehe ein solches Klima jeder Art von Frontalunterricht vor. Auch Tadel, der nicht konstruktiv angelegt ist, sondern Schüler klein halten soll, finde ich nicht mehr zeitgemäß. In unserer heutigen Zeit können Menschen beinah überall ihre Meinung kundtun. Also sollten sie auch lernen, wie man dies auf konstruktive Weise tut. Und dafür sind Lehrer weiterhin wichtige Vorbilder, die sich ihrer Vorbildfunktion bewusst sein sollten.
Sie sind es, die Demokratie mit gestalten, indem sie der Demokratie im Unterricht eine Chance zum Florieren geben. Dadurch, so hoffe ich, wirst auch du das gute Gefühl erfahren, welches ein demokratisches Wertebewusstsein, das gelebt werden kann, ausmacht.

Jan-Benedikt Kersting

Jan-Benedikt Kersting

Freiberuflicher Bildungscoach bei Creactivity-Solutions
Freiberufliche Tätigkeiten erfordern ein Höchstmaß an Flexibilität und Kreativität. Kombiniert mit fachlicher Kompetenz und Organisationsfähigkeit kann ich auch ihr Projekt ins Internet bringen. Oder sind Sie an Sprachkursen in Englisch und Deutsch interessiert? Dann kontaktieren Sie mich bitte über die Emailadresse: kontakt@bildungsadler.de
Jan-Benedikt Kersting

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