Neuronale Lichterspiele

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Jan-Benedikt Kersting

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Freiberuflicher Bildungscoach bei Creactivity-Solutions
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Neuronale Lichterspiele

Farbige Schemen
raumerfüllt leuchten
Feuerwerke der Synapsen
glücklicher Zeit

Ihr Widerschein am Orte
der abendglühenden Sonnen
Ahnungen von Gemeinsamkeit
ins Träumende malt.

Bildgedicht: Weltengenese

Bildgedicht: Weltengenese

Jan-Benedikt Kersting

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Bildgedicht

Bildgedicht: Weltengenese

Bildgedicht: Menschen-Formen-Farben

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Bildgedichte beim Bildungsadler

Was ist Kreativität?

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Mit dem Begriff der Kreativität verhält es sich ähnlich wie mit dem der Zeit. Solange er hinreichend fern steht, scheinen wir alle zu wissen, was mit Zeit oder Kreativität gemeint ist. Sobald der Begriff aber genauer untersucht wird, scheint er zu zerfallen in Teile eines ehemaligen Gesamtbildes, die nicht mehr so recht zusammenpassen wollen. Das liegt nicht nur daran, dass Kreativität ein populär inflationär gebrauchter Begriff geworden ist. Auch in einer sprachanalytischen Untersuchung wird klar, dass Kreativität ein offener Oberbegriff ist, unter den Eigenschaften fallen, die untereinander locker verbunden sind durch so genannte Familienähnlichkeiten.
Kreativität
Als Familienähnlichkeiten beschrieb der Philosoph Ludwig Wittgenstein ursprünglich all diejenigen Aktivitäten, die unter dem ebenfalls offenen Oberbegriff des Spiels fallen. Kreative Leistungen sind vielfältig möglich und vielgestaltig, wobei es in der Kreativitätsforschung unterschiedliche Ansichten gibt, was als kreative Leistungen gelten soll. Schon in dieser Wortwahl schwingt eine implizite Annahme mit, nämlich dass es ab einer bestimmten Zeit ein kreatives Produkt gibt, das von einer kreativen Person geschaffen und als kreative Leistung in einer Domäne oder zwischen Feldern von anderen Personen der Gesellschaft anerkannt werde.
Der Übersicht halber seien diese drei Betrachtungsebenen aufgelistet und nachfolgend ausgeführt:

  • Ebene des kreativen Individuums
  • Ebene der Domäne bzw. des Feldes
  • Ebene der Gesellschaft

Wer über Kreativität schreibt, sieht sich vor die Aufgabe gestellt, eine Auswahl zu treffen, was mitgeteilt werden soll. Ich habe mich dafür entschieden, einen integrativen Ansatz zu wählen und die drei aufgelisteten Ebenen mit Kenntnissen aus der Kreativitätsforschung kombinieren. Dadurch hoffe ich, in knapper Form einen guten und differenzierten Überblick über das Thema zu geben.

Ebene des kreativen Individuums
Die bekanntesten Vorstellungen, die mit dem Begriff der Kreativität verbunden sind, gehören auf diese Ebene. Gewöhnlich wird Kreativität mit den kreativen Leistungen einer Person, seltener mit denen einer Gruppe von Personen, assoziiert. Daran hat die klassische Kreativitätsforschung gewichtigen Anteil. Sie wiederum grenzt sich von der antiken Vorstellung eines mystischen Kreativitätsbegriffes insofern ab, als dass sie zu versuchen erklärt, was vor und nach dem berühmten Heureka- oder Aha-Erlebnisses passiert. Somit erscheint die kreative Idee nicht mehr als göttlich inspiriertes Erlebnis ex nihilo, sondern als eingebettet in fleißiges Arbeiten.

Darauf gehe ich nun ein. Die klassische Forschung unterscheidet fünf Phasen des kreativen Prozesses:

  1. Vorbereitung: intensive Beschäftigung mit einem Thema oder den Themen eines Feldes, Aneignung von Expertenkenntnissen
  2. Inkubation: Ruhenlassen des in Phase 1 Angeeigneten, wodurch im Zuge von unbewussten Gedächtnisprozessen Umstrukturierungen passieren
  3. Einsicht: Plötzliches Bewusstwerden einer rekombinierten Assoziation, das Heureka-Moment
  4. Bewertung: Kritische Überprüfung, inwieweit die kreative Idee brauchbar und umsetzbar ist
  5. Ausarbeitung: Idee wird umzusetzen versucht und kann noch Änderungen und Entwicklungen erfahren

Es fällt auf, dass das Heureka-Moment, wortwörtlich, kein reiner Zufall ist. Vielmehr gehen kreativen Ideen intensive Vorbereitungen voraus, die besonders darin bestehen, sich Kenntnisse über ein Thema oder mehrere Themenfelder anzueignen. Im besten Sinne ist damit das Studium gemeint, wobei es auch als Selbststudium betrieben werden kann. Von nichts kommt nichts. Das ist der Sinn hinter der Phase eins.

Die zweite Phase war lange geheimnisumwittert. Man kannte zwar das Phänomen, dass es kreativen Prozessen sehr zuträglich ist, ein Thema für längere Zeit einfach ruhen zu lassen. Das klingt erst einmal paradox, erklärt sich aber mittlerweile dadurch, dass in dieser Phase unbewusste Gedächtnisprozesse am Werk sind, die assoziative Neuverknüpfungen, Löschungen und Verstärkungen von Inhalten bewirken. Das Gehirn ordnet das Erlernte individuell an, so dass Neues entstehen kann.

Die dritte Phase ist der Moment, in dem Michelangelos Göttlicher Funken überzuspringen scheint. Plötzlich ist sie da, die Idee, plötzlich ist gewahr, wie etwas funktioniert oder gestaltet werden kann. Archimedes berühmter Ausruf „Heureka“, der übersetzt so viel bedeutet wie „Ich habe es gefunden!“, zeugt von der Überraschung und Euphorie des Momentes. Schön und, hoffentlich, auch gut.

Das muss in der vierten Phase untersucht werden. Eignet sich die Idee wirklich dafür, wofür sie gedacht ist? Stellt sie eine Neuerung dar, eine Problemlösung, eine Neuschöpfung? Es gilt, sie kritisch zu evaluieren, auf den Prüfstand zu stellen.

Wenn sie diese Prüfungen übersteht, dann wird sie in der fünften Phase ausgearbeitet. Diese Phase kann mitunter so lange dauern wie die erste Phase und ist durch Modifikationen oder gar größeren Änderungen gekennzeichnet. Als Beispiel wird hier des Öfteren an den bzw. die Erfinder der Glühbirne gedacht, von denen einer Thomas Edison gewesen sein soll, welcher sagte, dass er 1% Inspiration und 99% Transpiration für die Entwicklung der Glühbirne gebraucht habe.

Ebene der Domäne bzw. des Feldes
Denkt man genauer darüber nach, so dürfte erkennbar werden, dass eine kreative Person eine kreative Leistung in einem bestimmten Feld bzw. zwischen Feldern leisten muss, damit die Leistung gesellschaftlich als relevant gelten kann. Felder oder Domänen sind beispielsweise die Literatur, die Wissenschaft, die Wirtschaft, etc. In jeder Domäne herrschen aktuell so genannte Paradigmen vor, welche auch Leittheorien genannt werden können. Eine kreative Veränderung wird immer in Relation zu einem Paradigma zu bewerten sein, weil daran der Grad ihrer Neuheit deutlich wird. Der Wissenschaftsphilosoph Thomas Kuhn hat einen Paradigmenwechsel als wissenschaftliche Revolution herausgestellt, der zwar gegen Widerstände anzukämpfen habe, aber der sich aufgrund der Überzeugungskraft schließlich durchsetzen werde – bis auch er wieder modifiziert oder von einem neuen, anderen Paradigma abgelöst werde.

Etwas differenzierter untersucht der Psychologe Sternberg Kreativität in seiner „Propulsionstheorie kreativer Beiträge“. Darin differenziert er zwischen mindestens acht Formen einer kreativen Idee in Bezug auf ein in einer Domäne vorherrschendes Paradigma.
In aufsteigender Revolutionskraft sind es die Folgenden:

  1. Replikation
  2. Neudefinition eines Bereichs
  3. Vorwärtsverbesserung (Forward Incrementation): Beiträge zu einer aktuellen Weiterentwicklung in einem Feld
  4. Fortgeschrittene Vorwärtsverbesserung (Advanced Forward Incrementation): Bedeutsame Entwicklung über den aktuellen Stand eines Feldes hinaus
  5. Neue Richtung (Redirection): Abweichung von der vorherrschenden Auffassung
  6. Rekonstruktion (Reconstruktion): Zurückgehen hinter den aktuellen Stand und von vergangener Position aus eine Neuentwicklung des Feldes
  7. Neuinszenierung (Reinitation): Großer Paradigmenwechsel, völliger Umbruch vorherrschender Meinungen und Auffassungen
  8. Integration: Verbindung zweier gegensätzlich erscheinender Auffassungen

Dabei ist die Stufe 8 dadurch charakterisiert, dass sie zwei zuvor als unvereinbar geltende, in ihren Bereichen aber sehr gut bestätigte Paradigmen zu einer Supertheorie vereint. Die Verbindung zwischen Allgemeiner Relativitätstheorie und der Quantentheorie wäre ein solcher Kandidat für eine Supertheorie, obgleich bis heute niemand weiß, ob sie sich irgendwann vereinigen lassen. Gelänge dies, so wäre dadurch ein Beitrag geleistet, der historische Ausmaße annähme. Aber selbst dann, wenn es jemanden oder einer Gruppe gelingt, einen Beitrag auf der vierten Stufe zu leisten, haben wir es bereits mit einem sehr wichtigen Beitrag zu tun, der weit über das individuell Neue gesellschaftliche Auswirkungen hat.

Ebene der Gesellschaft
Damit ist die dritte und letzte Ebene angesprochen, nämlich die der gesellschaftlichen Relevanz. Was als kreativ gilt, darüber entscheidet die Gesellschaft mit. Es kann etwas für ein Individuum etwas Neues sein, aber für die Gesellschaft beinah schon ein alter Hut. Die Gesellschaft beurteilt also mit, inwieweit eine kreative Leistung neu und in welchem Sinne sie nützlich ist. Beide Begriffe – neu und nützlich – sind nicht unproblematisch, aber ich nenne sie trotzdem, weil sie in der Literatur weit verbreitet sind bei der Definition der Kreativität.

Zusammenfassung: Was ist Kreativität?

Die Kreativitätsforschung hat eine lange Tradition. Seit der Antike sind mehr als ein Dutzend Paradigmen der Kreativitätsforschung enstanden, wovon das neurowissenschaftliche Paradigma das neueste darstellt. Kreativität, so legt es nahe, ist ein Prozess, an dem nicht nur die rechte Gehirnhälfte maßgeblich, sondern das gesamte Gehirn beteiligt ist. Damit wiederum wird die Tür geöffnet für integrative und hoch spezialisierte Ansätze zugleich. Und das scheint ein probater Weg zu sein, denn wir erinnern uns an den Anfang dieses Artikels, an dem wir erfahren haben, dass der Begriff der Kreativität ein für Familienähnlichkeiten offener ist…

Zur Forschungsreise deiner Schulzeit

Zur Forschungsreise deiner Schulzeit

Jan-Benedikt Kersting

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Schule heutzutage so zu erklären, dass du ein einprägsames Vorstellungsbild benötigter Kompetenzen im Sinn hast, ist das Thema dieses Artikels einerseits. Andererseits hat die Idee der Bildung immer schon räumliche und zeitliche Horizonterweiterungen integriert. Zusammengenommen entsteht so das Sinnbild eines Segelschiffes, das in See sticht, um während vielgestaltiger Forschungsreise neue Welten zu erforschen.
Lies weiter, um Teil der Faszination Bildung zu werden, als Kapitän deines eigenen Schiffes, den Wind der Freiheit im Gesicht spürend, aufbrechend zu neuen Ufern faszinierender Welten…

Lernräume erkunden

Aufbruch in neue Welten


Kapitän deines Schiffes
Du bist der Kapitän deines Schiffes, mit dem du den Erfolg deiner Forschungsreise mit bestimmst. Als diejenige Person an Bord, welche das Steuer in Händen hält, entscheidest du, wohin sie dich bringen wird. Selbstverständlich haben die Auftraggeber, die Lehrer also deiner Fächer, eine grobe Richtung vorgegeben. Aber wegen der Eigenständigkeit, die du auf der Forschungsreise erlangen sollst, sind es grobe Richtlinien, die du als Kapitän zur Orientierung nutzt.
Du hast daneben die Freiheit, eigene Routen einzuschlagen. Mit deinem mathematischen Wissen und dem Navigationszirkel liegt es in deiner Hand, welche Strecken du auf der Karte der Welt einzeichnest. Du weißt, dass dir eine bestimmte Zeit in der Schule zur Verfügung steht und auch, dass bestimmte Orte erforscht werden und Kenntnisse darüber in Klausuren abgefragt werden müssen. Alles weitere, eigene Forschen steht dir hingegen frei. Du hast die Chance, selbst darüber zu entscheiden, ob und welche weiteren Inseln du entdecken willst und faszinierende Erkenntnisse du auf deiner Bildungsreise machen kannst. Markiere sie auf der Karte, die dein Weltwissen ist, und sei dir der Kraft deiner Neugier bewusst.

Über alles, was du auf der Bildungsreise erlebst, kannst du Eintragungen in deinem Logbuch vornehmen. Du hast in den sprachlichen Fächern Fähigkeiten erlernt, wie du Texte ansprechend und präzise formulieren kannst. Nun hast du die Möglichkeit, sie anzuwenden. Ein mit spannenden Texten gefülltes Logbuch wird dir einst, wenn du dich an diese Zeit zurückerinnern wirst, wertvolle Dienste leisten. Wieder aufgehen kannst du in Erlebnissen dann, die ansonsten von den Strudeln der Zeit in unergründbare Tiefen gezogen worden wären.

Die Mannschaft
Du hörst Stimmen vom Deck her zu dir dringen. Die Mannschaft ist erwacht. Also machst du dich auf und trittst vor deine Kajüte. Die Mannschaft: das sind all deine Gefährten wie Freunde oder Klassenkameraden, die dich auf der Bildungsreise während deiner Schulzeit begleiten. Heute morgen ist die Stimmung rau wie der Wind. Wellen rollen auf das Schiff zu, Gischt spritzt auf, es gibt Streit an Bord. Gut, dass du ein sozial kompetenter Kapitän bist, der sich bewusst ist, dass nur zusammen eine solch große Reise von Erfolgen gekrönt sein wird. Anstatt in den rauen Ton einzustimmen, sprichst du ruhig und entwaffnend mit den Menschen. Fragst, was denn los sei, und welche Probleme es zu lösen gibt. Du erfährst, dass zwei Gruppen sich uneinig über ein Thema seien, und vermittelst zwischen den Streitparteien diplomatisch.
Nach kurzer Zeit ist der Streit beigelegt.

Zusammen wird gefrühstückt. Es gilt, sich für kommende Aufgaben zu stärken. Eine gesunde Ernährung erfrischt Körper und Geist. Das weißt du, und du verstehst es, die Mannschaft mit aufmunternden Worten wieder zu motivieren. Gemeinsam schließlich habt ihr das Ziel, alsbald die Herausforderungen, die das Erkunden einer neuen Insel mit sich bringt, zu meistern. Es sind solche Prüfungen, die eine Bildungsreise mit sich bringt.

Zuvor heißt es, das Deck zu schrubben. Ordnung muss sein auf Reisen, während derer viel neues Material und viele neue Informationen aufgenommen werden. Die Pflege der Lagerstätten und des Materials garantiert, dass es nicht der Vergänglichkeit anheim fällt und auch später wieder hervorgeholt werden kann, wenn man selbst oder andere Menschen es sehen oder nutzen wollen. So manch ein Seebär hat Ruhm und Ehre wohl deshalb erlangt, weil er Materialien aus längst vergangenen Zeiten wieder hervorgeholt und für anstehende Aufgaben genutzt hat.

Neuland in Sicht
Aus dem Ausguck hörst du jemanden rufen: „Land in Sicht!“ Das ist das Signal, auf das du und die Mannschaft sich seit Wochen vorbereitet haben. Du packt dir Instrumente in deinen Seesack, die du nutzen willst, um die neue Insel zu erforschen. Das hat dir in der Vergangenheit bereits nützliche Dienste geleistet, und mit der Zeit bist du immer sicherer und erfolgreicher im Gebrauch der Werkzeuge geworden, so dass du die Früchte des Erfolges wirst ernten können.

Auf der Insel angekommen, triffst du bald auf Menschen einer anderen Kultur. Da du früher dich mit Fremdsprachen bereits beschäftigt hast, fällt es euch nicht schwer, bald miteinander zu sprechen. Ihr tauscht euch über eure Kulturen aus, lernt voneinander und lernt einander schätzen. Du notierest Vieles dessen, was du erfährst, um es in kommenden Prüfungen anwenden zu können, etwa wenn es gilt, deinen Auftraggebern zu beweisen, was du alles auf deiner Bildungsreise erlebt hast.

Allerdings ist nicht jede Zeit dazu da, in die Zukunft zu sinnen. Stattdessen setzt du dich auch einmal hin und fertigt Kupferstiche an. In der künstlerischen Auseinandersetzung mit der Welt findest du einen Ausgleich zu dem ansonsten eher rationalen Aufgabenstellungen. Du spürst, wie die Kraft und Motivation, gen neue Ufer aufzubrechen, in dir wieder so lebendig sprudelt wie einst.

Zuversichtlich Richtung Zukunft
Zum Abschied vergisst du und die Mannschaft nicht, noch Vorräte einzulagern. Sie werden euch nützliche Dienste leisten, wenn ihr Prüfungen zu bestehen habt. Weil sie ordentlich eingelagert wurden und du zudem wichtige Hinweise zum Bestand in deinem Logbuch notiert hast, blickst du guter Dinge Richtung Zukunft. Du weißt nun, dass die Forschungsreise deiner Schulzeit spannend wie eine Entdeckungstour sein.

The Tempest

The Tempest

Jan-Benedikt Kersting

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The Tempest

The Tempest

(c) Jan-Benedikt Kersting, 2014

Erlebnisbericht: Schule in Tansania

Erlebnisbericht: Schule in Tansania

Jan-Benedikt Kersting

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Schule in Tansania unterscheidet sich vom deutschen Schulsystem erheblich. Dabei ist es in Deutschland auch erst ein paar Jahrzehnte her, dass die Prügelstrafe und straffer Frontalunterricht abgeschafft worden sind. Wie schwierig und zugleich aufschlussreich Schule in Tansania bzw. meine Zeit als Voluntier an einer englischsprachigen Privatschule in Arusha war, beschreibe ich in diesem Artikel reportagenartig.

Jan-Benedikt Kersting

Schule in Tansania

Schule in Tansania: Reportage eines Schultages

Morgens vor der Schule

Ein Tag nahe des Äquators beginnt kurz nach sechs Uhr. Es wird schlagartig hell, obgleich ein paar graue Wolken über den Himmel ziehen. Die Schule in Tansania beginnt wenig später.
Ich sitze gegen halb sieben mit einer Tasse heißem Milchtee, der mit Ingwer gewürzt ist, mit meiner Gastfamilie am Küchentisch. Er schmeckt leicht süß und wird mich, zusammen mit ein paar gebackenen Eiern, für ein paar Stunden stärken. Es ist ein ruhiger Morgenbeginn, nur die zwei jüngsten Mädchen spielen bereits quicklebendig im kleinen Wohnzimmer.

Gemeinsam mit einer Tochter aus meiner Gastfamilie gehen wir vom Hof durch das eiserne Schiebetor auf die staubige und von Schlaglöchern gesäumte Lehmstraße. Bereits jetzt sind viele junge und ältere Menschen auf den Beinen. Alle grüßen freundlich. Diejenigen, welche auf dem Weg zur Schule sind, tragen Schuluniformen, meist zweifarbig, fast immer einen Wollpullover und eine Stoffhose oder ein Kleid. Darunter für gewöhnlich ein weißes Hemd mit Kragen, gleich, ob Mädchen oder Junge.

Sarah* (*Namen geändert) geht neben mir. Sie besucht die sechste Klasse an derjenigen Schule, an der auch ich unterrichten werde, und tänzelt zwischen den Schlaglöchern hin und her. Sie erzählt mir, dass in den nächsten Tagen ein Klassentest in Englisch ansteht. Auf meine Frage, wie sie Englisch denn fände, antwortet sie sehr reflektiert, dass es die Bildungssprache sei, welche an ausländischen Universitäten gesprochen werde. Sie habe vor, später nach Europa oder Australien zu gehen, um dort, wie zwei ihrer Brüder es tun, zu studieren. Ich denke an meine Schulzeit zurück und kann mich nicht erinnern, ob ich im sechsten Schuljahr bereits so klar über meine Zukunft nachgedacht hätte.

Wir haben einen kleinen Weg, an dem beidseitig lichter Urwald mit Bananenstauden liegt und in dem Grüppchen von Hühnern mit ihren Kücken ihr Frühstück picken, etwa einen halben Kilometer lang beschritten. Nun sind wir an einem eingezäunten Areal angekommen; genauer, vor einer provisorischen Holztür, an der ein silberfarbenes Stahlschloss glitzert. Nachdem wir angeklopft haben, öffnet uns der Hausmeister der Schule. Er trägt einen abgenutzten Anzug in hellbrauner Farbe, den er wahrscheinlich, so wie ich auch, auf einem der Straßenmärkte Arushas erworben hat. Lehrer haben in Tansania standesgemäße Kleidung zu tragen, und die besteht eben aus Lederschuhen, einem Hemd und einem Anzug. Wir sind etwa gleich alt, aber er begrüßt mich nicht mit einem ansonsten unter Gleichaltrigen üblichen „Mambo“, sondern mit einem „Good morning, Mr Kersting“, weil an Privatschulen Suaheli zu sprechen den Schülern streng untersagt ist. Schule in Tansania folgt vielen Regeln; eine davon habe ich gerade gelernt. Sarah verabschiedet sich mit einem „Bye“, und ich gehe zusammen mit dem Hausmeister – Joe, erfahre ich, heißt er – ins Lehrerzimmer.

Rund um das Lehrerzimmer

Die Gebäude der Schule sehen überall unfertig aus. Ursprünglich sollte ein jedes der drei wohl eine erste Etage bekommen, jedoch wurden sie nur halb fertig gebaut. Es ragen betongraue Pfeiler, aus denen sich rostfarbene Eisenstäbe heraus krümmen, in einen sich langsam aufklärenden Morgenhimmel.

Das Lehrerzimmer betrete ich durch einen recht schmalen Eingang. Dahinter liegt ein nicht allzu großer, länglicher Raum. An beiden Wänden entlang sind je vier alte Holzpulte aneinander gereiht, auf denen Blätterstapel und Büchertürme zu sehen sind. An fünf der acht Pulte sitzen bereits eine Stunde vor Unterrichtsbeginn Lehrer sowie eine weibliche Schulaufseherin, die ein bunt gemustertes Kleid trägt und die meiste Zeit eher grimmig dreinschaut. Sie wirkt dadurch nicht unsympathisch, sondern strahlt eher eine respekteinflößende Aura aus, wie ich besonders am Verhalten der Schüler, die ihr etwas zu essen bringen, ablesen kann. Mit klarer und angenehmer Stimme grüßt sie zurück. Joe, der neben Hausmeister auch Lehrer ist, zeigt mir den Platz, an dem ich die nächsten vier Monate über in den Pausen sitzen und meine Unterrichtsstunden vorbereiten könne.

Ich setze mich und stelle meinen Rucksack, der mit zwei großen Wasserflaschen und ein paar Collegeblöcken gefüllt ist, auf den steinernen und reinlich gefegten Boden. Ich blicke mich um, entdecke auf dem Pult meines Nachbarn Atlanten und englischsprachige Erdkundebücher neben selbst geschriebenen und mit Skizzen gestalteten Lernpostern. Solche visuellen Lernhilfen hängen, wie ich auf dem Weg zum Lehrerzimmer erhascht habe, vielfach in den Klassenräumen und dienen den Schülern als Erinnerungshilfe. Mir gefällt, was ich sehe, auch weil ich ein Befürworter von selbst gestalteten Lernumgebungen bin. Mit einfachen Mitteln gestalten die Lehrer an der Schule Lernumgebungen für ihre Schüler. Auch das ist Schule in Tansania.

Nun kommt ein sechster Lehrer ins Lehrerzimmer, der sich neben mich hinsetzt und sich als Philemon vorstellt. Er ist etwas jünger als ich und sehr gesprächig. Ich erfahre schnell Vieles über den Schulalltag an einer Schule in Tansania. Beispielsweise werde viel Wert auf das Auswendiglernen von Fakten gelegt, denn die Klassenarbeiten seien so aufgebaut, dass die Schüler besonders ihr Faktenwissen unter Beweis stellen müssen. Es komme des Öfteren auch vor, dass der Unterricht von Schülerinnen oder Schülern gestört werden würde, und darauf reagiere ein Lehrer für gewöhnlich mit einer Rute. Ich frage nach und bekomme bestätigt, dass damit tatsächlich gemeint sei, Störenfriede körperlich zu bestrafen. Auf die Frage, ob das in Europa nicht ebenso gehandhabt werde, antworte ich mit dem Hinweis, dass es bis vor einigen Jahrzehnten auch in Deutschland üblich gewesen, mittlerweile aber abgeschafft worden sei. So ganz kann Philemon es sich nicht vorstellen, wie es dann möglich sei, im Unterricht für Ruhe zu sorgen, belässt es aber bei diesem Unverständnis und erzählt mir, dass in Kürze zum Morgenrapport gerufen werde.

Auf dem Schulhof

Wir gehen aus dem Lehrerzimmer und kommen auf den rostroten Schulhof. Dort stehen bereits etwa 150 Schülerinnen und Schüler im Alter zwischen vier und dreizehn Jahren in Reihen, je eine Klasse pro Reihe. Jeden Morgen, so erzählt Philemon, kommen Schüler, Lehrer und der Schuldirektor zusammen, um einander zu begrüßen und die Nationalhymne zu singen; Schule in Tansania eben.

Ich sehe, wie zwei Jungen die tansanische Fahne hissen. Kurz darauf stimmen alle gemeinsam die Hymne an. Die Lehrer achten währenddessen sehr genau auf die Sauberkeit der Kinder. Es werden Schuluniformen und Fingernägel begutachtet. Wessen Fingernägel schwarze Ränder aufweisen, der bekommt mit einem Schlag auf die Hände signalisiert, dass sie nach dem Singen zu waschen seien. Die Meisten singen recht gut und routiniert, während ich Mühe habe, dem Text zu folgen. Es ist das erste Mal in meinem Leben, dass ich an einer Schule ein derartiges Ritual miterlebe. Es zeigt mir, wie eng Staat und Schule in Tansania verbunden sind. Ich erahne eine steile Hierarchie, welche im Schulleben vorzuherrschen scheint.

Die Hymne ist beendet, die Schülerinnen und Schüler schwärmen auseinander und verteilen sich auf die Klassen. Ich gehe mit Philemon zusammen in die vierte Klasse zum Mathematikunterricht. Auf dem Weg dahin kommen zwei Jungen und ein Mädchen zu mir. Sie blicken staunend und neugierig drein und drängeln sich darum, wer meinen Rucksack zur Klasse tragen dürfe. Mir ist das etwas unangenehm, aber es sei, sagt Philemon, ein Zeichen des Respektes und der Aufmerksamkeit, die Tasche des Lehrers zu tragen. Also gebe ich sie einem der Jungen und unterhalte mich mit den Dreien darüber, wie es ihnen gehe und ob sie gerne zur Schule gehen würden. Allesamt bejahen das. Es ist durchaus etwas Besonderes, in einem finanziell so armen Land wie Tansania Unterricht zu erhalten, anstatt auf den Feldern oder im Haushalt arbeiten zu müssen. Ich höre, dass es zwar eine Schulpflicht gebe, diese aber, so Philemon, beiweitem nicht jedem Kind eine schulische Ausbildung garantiere. Bildung, so merke ich nun nicht nur durch angelesenes Wissen, ist eine Art Luxus, den sich nur Wenige wirklich leisten können, sonderlich denjenigen, auf eine Privatschule gehen zu können. Auch das ist Schule in Tansania, nämlich Privileg.

Wir biegen in einen Gang zwischen zwei Gebäuden ein. An den Wänden sind große, farbige Übersichtsbilder gezeichnet: etwa den menschlichen Körper oder die geografische Gliederung Afrikas abbildend und deren Teile mit Begriffen bezeichnend. Lernumgebungen, denke ich…

Morgens in der Klasse

Wir betreten die Klasse. Es ist angenehm kühl im Raum, der größer als das Lehrerzimmer ist und mehrere Fenster ohne Scheiben hat. Es gibt eine Schiefertafel, die gerade von einer Schülerin mit einem trockenen Schwamm geputzt wird. Sie wirkt, im Gegensatz zum Großteil der Klasse, voll konzentriert. Andere hingegen sitzen quer auf ihren Stühlen und unterhalten sich mit ihren Sitznachbarn. Die Pulte der Schüler sind so ausgerichtet, dass Frontalunterricht gegeben werden kann, aber diese Formation ist wenig geeignet, um unbemerkt private Gespräche zu führen oder bei Klassenarbeiten voneinander abzuschreiben.

Ich setze mich auf einen Stuhl seitlich des Lehrertisches, auf den Philemon ein paar Blatt Papiere abgelegt hat. Mit fester Stimme ruft er: „Sit down!“, woraufhin es schlagartig ruhiger wird. Nun sitzen die Schüler da, in Reih und Glied kann man sagen, und warten darauf, was ihr Lehrer als nächstes tut. Nur ein paar wenige Schüler haben der Anordnung nicht gleich Folge geleistet, was Philemon mit tadelndem Blick bemerkt. Ein weiteres „Sit down, now!“ dringt dann doch auch ans letzte Ohr und bewirkt die endgültige Formierung der Frontalformation.

Philemon stellt mich als Volunteer aus Europa vor und fügt hinzu, ich würde bald Unterricht in der Klasse geben. Ob ich denn Fragen der Schüler beantworten wolle. „Well, of course!“, lächle ich und werde gefragt, woher ich denn genau komme und wie es in Deutschland so sei mit dem Wohnen und dem Zur-Schule-Gehen. Ich versuche ein greifbares Bild zu vermitteln, erzähle von Gemeinsamkeiten, etwa dass auch in Deutschland die Kinder in Kindergärten gehen können, was am ehesten mit der „Babyclass“ vergleichbar sei. Dass auch in Deutschland Schulpflicht bestünde. Und dass ich auch in Deutschland unterrichte, wenngleich ich mein Engagement als Nachhilfelehrer nicht genauer ausführe. Ich bemerke die Schwierigkeit, genaue Vergleiche zu ziehen.

Es sind verschiedene Bedingungen, unter denen Schule in Deutschland und Schule in Tansania funktionieren. Mir erscheint es im Moment wenig angemessen, die Unterschiede herauszustellen, die durch Vergleichen bereits am ersten Tag offensichtlich sind, weil ich Angst vor vorschnellen Bewertungen habe. Ein bisschen beschleicht mich die Furcht vor meiner europäischen Bildung, die mich auch zur Problematik kolonialistischer Praktiken geführt hat. Auf keinen Fall wollte ich die Rolle eines Missionars einnehmen, gekommen im Geiste des Logozentrismus, scheinbar erleuchtet einerseits und zugleich auf dem anderen Auge blind. So unvoreingenommen wie möglich wollte ich erfahren, wie Schule in Tansania praktiziert wird. Und schon zu Beginn wird mir klar, dass mir die Unterschiede besonders deshalb auffallen, weil ich den Vergleich zum europäischen Bildungssystem habe, eben weil ich darin sozialisiert worden bin.

Das alles schießt mir eher beiläufig durch den Kopf. Dennoch bemerke ich, wie ich dazu übergehe, mehr von meinen Hobbys, unter Anderem über Fußball, zu sprechen. Das ist einfach eine international verständliche Sprache. So gut wie jeder in der Klasse hat einen Lieblingsverein, die allesamt in der englischen Premier-League spielen. Besonders Manchester United ist sehr beliebt. Plötzlich ergibt sich die Möglichkeit, über Borussia Dortmund zu sprechen. Die Borussen sind bekannt, weil sie in den letzten Jahren recht erfolgreich in der Champions-League gespielt haben, nicht selten eben gegen Vereine aus der Premier-League. So kann ich auf einmal problemlos erklären, dass ich aus der Nähe von Dortmund stamme. Und werde verstanden. Auch so kann Schule in Tansania gehen.

Im weiteren Verlauf der ersten Stunde beobachte ich Philemon, wie er seinen Unterricht gestaltet. Die meiste Zeit liest er aus einem Lehrbuch vor, das er als Einziger in der Klasse besitzt. Die Kinder schreiben mit, was er vorträgt. Wer unaufmerksam ist und erwischt wird, bekommt einen Klaps in den Nacken. Ich tue mir schwer damit, ehrlich gesagt mit beidem, mit dem reinen Aufnehmen und Niederschreiben von Fakten wie auch mit den Nackenschlägen. Indes scheinen die Getroffenen beinah daran gewöhnt, aber mir kommt das Lachen darüber eher als verlegene Geste vor. Zwischendurch sagt Philemon zwei mehrfach ertappten Schülern, sie sollen nach der Stunde ins Lehrerzimmer kommen. Sie lachen nicht mehr, schreiben schweigend den Rest der Stunde mit, was Philemon über Mathematik zu sagen hat.

Die Schulglocke schrillt. Ein wenig kommt es mir vor, aus einer Art Trance gezogen zu werden. Ein paar Augenblicke später ist wieder Leben in der Klasse, Stühlerücken, Kinderlachen, lautes Gerede. Nach ein paar Gesprächen mit den Schülern verabschiede ich mich bis später.

Vormittags im Lehrerzimmer

Philemon und ich gehen zum Lehrerzimmer. Uns folgen die beiden Schüler, während Philemon mich fragt, wie ich es gefunden habe. Ich entscheide mich für ein ehrliches Feedback und erzähle ihm, dass in Deutschland so gut wie kein Frontalunterricht mehr gegeben werde und dass es stattdessen oft zu Klassengesprächen komme. Er sieht mich, skeptisch dreinblickend, an. Wie solle das denn funktionieren? Wie könne man die Schüler denn dann vom Reden abhalten? Und ich bemerke insgeheim, wie sehr sich das deutsche Schulsystem in den letzten Jahrzehnten zu einem schülerzentrierten System gewandelt hat. Schule in Tansania ist da noch anders gestaffelt.

Als wir im Lehrerzimmer ankommen, setzt sich Philemon auf seinen Platz und spricht mit den anderen Lehrern auf Suaheli ein paar Sätze, die ich nicht verstehe. Ich werde erst am Nachmittag meine erste Stunde in Suaheli bekommen, übrigens von einem wohl sechzig Jahre alten Lehrer der Schule, Mr Wise, der ebenfalls am Gespräch teilnimmt. Er hat ein gütiges Gesicht, freundliche Augen und eine tiefe Stimme, mit der er langsam und deutlich zu sprechen versteht. Ein wenig gebeugt sitzt er, wie wir alle, auf den harten Holzstühlen und nippt ab und zu an einer Tasse Maziwa, dem landestypischen Milchtee mit Ingwer, den auch ich am Morgen zum Frühstück genossen habe. Kurz darauf bekomme ich von einer Schülerin, die zuvor schon im Lehrerzimmer gewesen ist, eine Tasse Tee eingeschenkt. Ich sage „Asante sana“, bemerke ein schüchternes Lächeln und erinnere mich, dass es ja an der Schule verboten ist, Suaheli zu sprechen.

Draußen vor dem schmalen Eingang stehen immer noch die beiden Schüler. Philemon indes ignoriert sie, nun in einem Buch blätternd. Wieder schrillt die Glocke. Die beiden trippeln nervös auf der Stelle, hin und her gerissen zwischen dem schweigenden Philemon und einem anderen auf seine Klasse wartenden Lehrer. Erst als die einzige Frau im Lehrerzimmer ihnen ein „Go!“ zuruft, laufen sie davon. Philemon scheint ihr Gehen gar nicht bemerkt zu haben.

Ich nippe am Tee. Er schmeckt nicht ganz so süß wie derjenige aus meiner Gastfamilie, dafür aber würziger. Ich bekomme von Joe erklärt, dass die Gewürze und das Erhitzen die Keimbildung unterdrücken, fügt aber sogleich hinzu, dass für gewöhnlich das Essen wenig gewürzt werde, wie ich am Mittag noch mitbekommen werde. Schule in Tansania bedeutet, dass die Lehrer gemeinsam essen, und zwar dasselbe, was auch die Schüler unweit des Lehrerzimmers auf dem Schulhof zu essen bekommen. Es gebe einen Maisbrei zu essen, Ugali genannt, der so etwas wie das Nationalgericht Tansanias sei. Ich sage, mich überraschen lassen zu wollen, woraufhin alle im Raum lachen.

Mittags wusste ich, warum sie gelacht hatten. Ugali schmeckt eigentlich nach nichts. Es ist eine zähe Masse aus Maismehl, dem lediglich etwas Wasser beim Erhitzen hinzugefügt wird. Dadurch verklebt das Mehl und wird zu jenem Brei, der oft zusammen mit Bohnen und Reis gegessen wird. Weder Salz noch andere Gewürze geben Geschmack. Er muss einfach nur sättigen. Ich habe zwei Löffel gegessen, bevor ich das Angebot, anstatt Ugali mehr Bohnen zu essen, gerne annahm.

Nachmittägliche Vorbereitungen

Nachmittags bereite ich meine erste Stunde am Folgetag vor. Ich blättere in einem Erdkundebuch, das für die sechste Klasse geschrieben ist. Das Thema des Kapitels lautet „Transport“. Zuerst lese ich eine Einleitung zu historischen Arten des Transports. Es wird auf Elefanten in Indien hingewiesen, auf Pferde in Europa, auf Büffel in Eurasien oder Alpacas in Südamerika. Anschließend geht es um moderne Transportmittel in Amerika.

Gerade will ich mit Aufzeichnungen beginnen, da tritt Mr Wise an meinen Tisch. Er sagt, dass ich morgen mit ihm zusammen die Erdkundestunde geben würde. Wir kommen darauf zu sprechen, dass es vielleicht näherliegende Wege gebe, Schülern in Tansania etwas über Transportarten zu vermitteln, als in das fremde Amerika zu schweifen.

Bald einigen wir uns darauf, den Pipelinetransport in Tansania zum Thema der Stunde zu machen: Es gibt die so genannte „TAZAMA Pipe Line“, die von der am Indischen Ozean liegenden Millionenstadt Dar-es-Salaam östlich durch die Mitte des Landes bis nach Ndola in Sambia führt. TAZAMA ist ein Akronym, ein zusammengesetztes Kunstwort, und steht für TAnzania ZAmbia MAfuta. Mafuta wiederum ist das suahelische Wort für Öl. Mr Wise und ich finden, dass es eine wunderbare Idee sei, das Wort samt einer Skizze an die Tafel zu schreiben und die Schüler erfragen zu lassen, was es denn bedeute.

Ich merke, dass dies ein etwas anderer Ansatz der Gestaltung des Unterrichts ist, und merke auch, wie mich das freut. Wir ergänzen unseren Unterrichtsentwurf noch mit ein paar Multiple-Choice-Fragen, der in Tansania üblichen Art der Wissensabfrage in Klausuren und der staatlichen Abschlussprüfung. Eine davon lautet beispielsweise: „We get diesel, petrol, and kerosene from: a) coal, b) petroleum, or c) copper?“ Nicht anspruchslos, wie ich finde, sonderlich deswegen, weil auch die Schüler der Erdkundeklasse keinen Zugriff auf Geografiebücher haben, wie Mr Wise bemerkt.

Insgesamt habe ich ein gutes Gefühl für den kommenden Tag. Ich freue mich darauf, wohl auch deshalb, weil ich mit Mr Wise die Chance verbinde, sowohl das tansanische Schulsystem kennen zu lernen als auch eine freiere Art des Unterrichtens ausüben zu dürfen – auch diese Facette habe ich an der Schule in Tansania kennenlernen dürfen: gemeinsam aus Unterschieden ein Drittes, Gemeinsames, zu schaffen…

Dream of Jellyfishes

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Jan-Benedikt Kersting

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