Begriffshierarchien und bedeutungsvolles Lernen

Beim Bildungsadler kannst du das Lernen lernen. In mehren Artikeln habe ich angemerkt, dass ein Zwischenziel auf dem Weg, ein lebenslanger Lerner zu werden, das nachhaltige Lernen sei. Lernen ist nachhaltig genau dann, wenn es bedeutungsvoll und mit Emotionen verbunden ist. In diesem Artikel werde ich einen kognitiven Aspekt des bedeutungsvollen Lernens erörtern, der dir hilft, mit mehr Nachhaltigkeit Lernerfolge zu ernten: Es geht um Begriffshierarchien.
Begriffshierarchien

Abstraktes Denken
Hinter dem Begriff der Begriffshierarchien kommt ein, wie ich finde, faszinierendes Merkmal bedeutungsvollen Lernens zum Tragen, nämlich das abstrakte Denken. Die Fähigkeit zum abstrakten Denken ermöglicht es, von unmittelbaren sinnlichen Wahrnehmungen oder Vorstellungen zurückzutreten und sie in einem etwa begrifflichen System verständlich zu ordnen.

Indem es in Begriffsgierarchien bzw. komplexen Systemen unterschiedliche Ebenen gibt, die sich in in ihrer Eigenschaft der Allgemeinheit unterscheiden, entsteht eine gestufte Struktur, welche wiederum ursächlich für die Stiftung von Bedeutung ist. Ins Besondere diesen letzten Satz so zu erklären, dass sein Sinn verständlich wird, ist Leitfaden für all das, was du nachfolgend lesen kannst.

Theorie des sprachlichen Zeichens
Der französische Strukturalist und Sprachwissenschaftler F. de Saussure beispielsweise hat vor etwa 100 Jahren darauf hingewiesen, dass Laute bzw. Lautkombinationen wie Begriffe (fr. signifiant, Bezeichnendes) mit mentalen Repräsentationen oder Vorstellungsbildern von etwas (fr. signifié, Bezeichnetes) in einem sie zueinander in Beziehung setzenden, sprachlichen Zeichen verbunden sind.

Begriffshierarchien

Auf den Kontext dieses Artikels, die Begriffshierarchien, bezogen ist Folgendes relevant: Das Konzept des sprachlichen Zeichens trifft besonders auf den unteren Ebenen eines begrifflich-hierarchischen Systems zu.
Je allgemeiner allerdings die Oberbegriffe sind, desto abstrakter, weniger anschaulich oder „unsinniger“ werden sie. Mit einer solchen Abnahme konkreten bzw. materiellen Inhalts aber geht eine Zunahme an begrifflich-asbtrakten Umfang einher.

Daraus folgt, es gibt Begriffe, die nicht unmittelbar eine Verbindung zwischen Lautbild und materiellem Inhalt haben, obgleich sie auf einer solchen Basis induktiv gebildet worden sind. Dafür umfasst ihr Umfang eine untergeordnete Anzahl solcher Begriffe zusammen, die dieselben Eigenschaften haben oder zumindest Familienähnlichkeiten aufweisen.
Darauf komme ich weiter unten wieder zurück, sobald und indem ich den Begriff der Realdefinition einführe.

An dieser Stelle sei noch auf Folgendes verwiesen: Sofern abstrakte Begriffe nicht „leer“ sein sollen, wie der Philosoph Immanuel Kant Begriffe wie „Gott“, die bar jeder Anschaulichkeit sind, bezeichnet, so müssen sie von einer sinnlichen Basis ausgehend induktiv aufgefunden und in Begriffshierarchien integriert worden sein.

Induktiv gewonnene Begriffshierarchien
Betrachten wir ein Beispiel, welches klären wird, wie induktiv voranschreitendes Kategorisieren zu verstehen ist. Es bildet die Basis für bedeutungsvolles Lernen und kann erklären, was es mit dem Lernen durch Transferleistungen auf sich hat, welchem ich in anderen Artikeln (siehe Linkbox am Ende) bereits große Bedeutung zugesprochen habe.

Los gehts: Versetzen wir uns einmal in die Situation eines lernenden Kindes: Eines wunderschönen Tages bekommt es ein rundes und weiß-schwarzes und glattes und etwa kopfgroßes Objekt in die Hände. Beim Hantieren damit bemerkt es, dass dieses Objekt über den Boden rollen kann, sobald das Objekt etwa durch einen Fußtritt in Bewegung gesetzt wurde. Auf die vielleicht mit einer hinzeigenden Geste begleitete Frage, wie man dieses Objekt denn nenne, wird dem Kind gesagt, dass die arbiträr-konventionelle Bezeichnung des Deutschen für dieses Etwas „Fußball“ sei.

Wenig später bekommt das lernende Kind ein ähnliches Objekt in die Hände, dessen Eigenschaften sowohl Gemeinsamkeiten als auch Unterschiede aufweisen. Dieses Objekt nun wird „Handball“ genannt. Und genau dadurch, dass sowohl gemeinsame Eigenschaften erkannt als auch unterschiedliche Eigenheiten wahrgenommen werden, kann es zu einer Kategorisierung kommen. Das geschieht auf den untersten Ebenen von Begriffshierarchien.

In ihrer begrifflichen Formulierung kommt die so genannte Realdefinition zum Einsatz: etwas wird dadurch definiert, dass es zugleich in Bezug auf einen gemeinsamen Gattungs- bzw. Oberbegriff (Genus proximum) eingeordnet als auch im Unterschied zu anderen Elementen auf derselben Ebene differenziert (Differentia specifica) wird.
Ein Beispiel möge das verdeutlichen:

  • Ein Fußball ist ein Ball, der etwa kopfgroß ist und zumeist mit den Füßen in Bewegung gesetzt wird
  • Ein Handball ist ein Ball, der etwa kindskopfgroß ist und zumeist mit den Händen in Bewegung gesetzt wird

In diesem Beispiel zweier Realdefinitionen ist das gemeinsame Genus proximum der Begriff „Ball“, wohingegen die Differentia specifica jeweils durch einen Relativsatz realisiert worden ist.
Mit anderen Worten: Die Menge des Begriffs „Ball“ enthält zur Zeit t1 zwei Elemente, welche mit den untergeordneten Begriffen „Handball“ und „Fußball“ bezeichnet werden.

Es besteht also eine hierarchische Struktur, wobei die Position in der Hierarchie mit der Eigenschaft des Grades der Allgemeinheit gekoppelt ist. Der Begriff „Ball“ ist in Begriffshierarchien allgemeiner als es seine Unterbegriffe sind.
Indem Lernende solche Begriffshierarchien mental repräsentieren, lernen sie bedeutungsvoll.
Begriffshierarchien
Dadurch wird es möglich, auch zukünftig (t2…tn) neue Objekte, die ähnliche Eigenschaften wie die bereits bekannten Objekte aufweisen, richtig einzuordnen und ihre Bedeutung zu verstehen: etwa dass ein „Volleyball“ oder ein „Tennisball“ ebenfalls Objekte sind, die zum Spielen eines Spiels verwendet werden, was ja als Gemeinsamkeit bzw. Familienähnlichkeit mit den weiteren Elementen der Menge der Bälle erkannt werden kann.
Lernen hat also etwas mit der Fähigkeit, Begriffe von Objekten in Mengen ähnlicher Eigenschaften einzuordnen und sie hierarchisch anzuordnen, zu tun, sprich: mit Begriffshierarchien.

Auf ein weiteres Phänomen möchte ich noch kurz eingehen: Sobald ein Artbegriff wie der Begriff „Fußball“ gebildet und als nicht-leere Menge Elemente enthält, deren Eigenschaften hinreichend das Charakteristische von Fußbällen repräsentieren, dann fällt es Menschen nicht mehr allzu schwer, auch solche Eindrücke, die sich in Größe oder auch Farbe oder auch Darstellungsart (Foto, Zeichnung, Silhouette, etc.) unterscheiden, der Menge des Begriffs Fußball als Elemente zuzuordnen.

Sogar dann, wenn die charakteristische Form halb verdeckt ist, fügt das menschliche Gehirn in der Vorstellung das Fehlende hinzu oder ergänzt das Eindrucksbild, so dass eine Zuordnung möglich wird.
Begriffshierarchien

Kehren wir zurück zum Beispiel, um einen weiteren Aspekt des bedeutungsvollen Lernens zu verdeutlichen: Eines anderen Tages spielt unser lernendes Kind in einer Sporthalle. Es hängt sich an von der Decke an Seilen herabhängende, kreisförmige und hölzerne Objekte, hält sich und schwingt an eine Holzstange über dem Boden, usw.

Ihm wird erklärt, dass diese Objekte „Ringe“ und „Reck“ genannt werden. Beide Begriffe wiederum können in Begriffshierarchien unter dem Oberbegriff „Turngeräte“ einsortiert werden. Und wiederum wird das Kind zukünftig durch diese Kategorisierung in die Lage versetzt werden, auch den „Barren“ als ein „Turngerät“ bedeutungsvoll zu erkennen. Soweit, so gut bekannt.

Interessant wird es, wenn das Kind erkennt, dass die Kategorien „Bälle“ und „Turngeräte“ wiederum sowohl Unterschiede bezeichnen als auch eine semantische Gemeinsamkeit aufweisen, nämlich dass sie beide unter einem wiederum allgemeineren und sie subsumierenden Obergebriff der „Sportgeräte“, im Sinne einer Realdefinition, angeordnet werden können.

Das, was ich bisher beschrieben habe, verweist auf eine begriffliche Hierarchie, die immerhin drei Ebenen umfasst, nämlich

  1. Ebene 1: Objektbezeichnungen: Fußball, Reck, etc.
  2. Ebene 2: Kategorisierung erster Ordnung: Bälle, Turngeräte
  3. Ebene 3: Kategorisierung zweiter Ordnung: Sportgeräte

In grafischer Form kann dies so dargestellt werden:
Begriffshierarchien

Je weiter solche Hierarchien anwachsen, desto wahrscheinlicher ist es, dass ein Objekt auf mehreren Ebenen kategorisiert ist. Als Jugendlicher hat unser beispielhafter Lerner bereits gelernt, dass ein Objekt mit den Eigenschaften „rund UND mit einem ungefähren Durchmesser von Xcm“ sowohl als „Fußball“ als auch als „Ball“ als auch als „Sportobjekt“ bezeichnet werden kann.

Je nachdem, in welcher Situation über das Objekt gesprochen wird, empfiehlt sich aber die Auswahl eines dem Gesprächskontext angemessenen Begriffes an. Begriffe, die in einem jeweiligen Kontext besonders nützliche Kategorien sind, werden kognitionswissenschaftlich als Basisbegriffe bezeichnet. Sie wirken auf kompetente Sprecher einer Sprache verständlich und nicht etwa unpassend oder ungenau, wie das folgende Beispiel zeigt:

  • unpassend: In einer Familie wird ein Boxer gehalten.
  • ungenau: In einer Familie wird ein Tier gehalten.
  • passend: In einer Familie wird ein Hund gehalten.

Begriffshierarchien
Vernetzung der Strukturen
Das Phänomen, dass ein und dasselbe Objekt durch mehrere Begriffe auf unterschiedlichen Bedeutungsebenen bezeichnet werden kann, verweist auf eine flexible Vernetzung der Begriffshierarchien im Gedächtnis.
Das wiederum ist für Erinnerungsleistungen relevant, denn es reicht oft aus, auf einen Teilsystembereich der Begriffshierarchien zuzugreifen, um die Besonderheiten eines Einzelfalls zu rekonstruieren.

Mit anderen Worten: Je höher Begriffshierarchien strukturiert sind, desto besser ist der bewusste Zugriff auf im Gedächtnis vernetzte Informationen. Das ist der Grund, warum das abstrakte Systemdenken für das nachhaltige Lernen so bedeutsam ist.

Polyvalenz eines Begriffs
Bisher haben wir den Fall betrachtet, dass mehrere Objekte in einer Kategorie repräsentiert sind. Nun betrachten wir den entgegen gesetzten Fall, in dem ein einziges Objekt in mehreren Kategorien anzutreffen ist.

Nehmen wir, zum Beispiel, den Begriff „Granatapfel“.

Die Art und Weise, wie der Begriff „Granatapfel“ bei einem Individuum kategorisiert ist, hängt entscheidend mit den ihm subjektiv attribuierten Bedeutungen zusammen.
Anders gesagt: Die Komplexität struktureller Vernetzungen basiert auf der Wahl von kritischen Attributen, welche wiederum relativ willkürlich vonstatten geht.
Begriffshierarchien
Für den Begriff „Granatapfel“ ist vorstellbar, dass er unter Anderen auf folgenden kategorialen Ebenen repräsentiert ist:

  • in der funktionalen Kategorie: ein Granatapfel ist ein Lebensmittel
  • in der affektiven Kategorie: ein Granatapfel ist lecker
  • in der formalen Kategorie: ein Granatapfel ist eine Frucht

Die Qualität der Begriffsbedeutung hängt damit zusammen, wie umfangreich das Verständnissystem hinter einem Begriff wie etwa dem der „Frucht“ ist. Relativ begrenzt wäre es, mit dem Begriff der Frucht lediglich das Wachsen auf Bäumen in Verbindung bringen zu können, dagegen relativ umfangreich, wenn es gelänge, den Granatapfel in einem biologischen Ordnungssystem als Art „Punica granatum“ einordnen zu können.

Dasselbe sagen aber Verschiedenes meinen
Das Phänomen, bei dem zwei Menschen zwar denselben Begriff gebrauchen, aber dennoch aneinander vorbei reden, kann in Zusammenhang mit dem soeben vorgestellten Mehrebenen-Modell begrifflicher Repräsentation gebracht werden. Auch, wenn zwei Sprecher auf der funktionalen Ebene übereinstimmen können, dass ein Granatapfel ein Lebensmittel sei, so ist ohne Weiteres vorstellbar, dass die eine Person den Geschmack des Granatapfels liebt wohingegen die andere Person den Geschmack als widerlich empfindet.

Im Grunde wird diesem Phänomen in der Sprachwissenschaft durch die Unterscheidung zwischen zwei Komponenten eines Begriffs Rechnung getragen. Es sind die

  1. denotative Bedeutung
  2. konnotative Bedeutung

eines Begriffs. Sie sind quasi die zwei Seiten derselben Medaille.
Begriffshierarchien
Mit der denotativen Bedeutung ist im Prinzip das, was de Saussure in seiner strukturalistischen Semiotik behandelt, zum Ausdruck gebracht. Es ist die rein sachliche Verbindung zwischen Signifikat und Signifikant im sprachlichen Zeichen.
Da dieses in einer historischen Einzelsprache zu einer bestimmten Zeit konventionell gebraucht wird, ist es möglich, dass zwei kompetente Sprecher der Sprache einander verstehen bzw, verstehen, worüber sie sprechen, indem das Lautbild von Sprecher A beim Empfänger B ein damit verbundenes Vorstellungsbild aktiviert.

Zwar darf angenommen werden, dass das Lautbild „Baum“ in meiner Vorstellung ein anderes Bild als in deiner Vorstellung entstehen lässt; zugleich werden beide Bilder aber gewisse grundlegende Eigenschaften gemeinsam haben, etwa die Elemente des Stammes, der Zweige und der Blätter, ganz egal, ob du eine Kastanie oder ich einen Olivenbaum im Sinn habe.

Sobald es eine minimale Schnittmenge konstituierender Objekt-Eigenschaften zwischen deiner und meiner Vorstellung des Baumes gibt, könnten wir uns über dasjenige, was mit dem Begriff bezeichnet wird, uns verständigen. Das ist es, was mit dem Denotat eines Begriffes gemeint ist.

Begriffe haben indes noch eine zweite Komponente, welche ihre konnotative Bedeutung genannt wird. Konnotationen haben etwas mit emotionalen Bedeutungen zu tun, die ein Individuum mit dem Begriff verbindet. Es sind die Gefühle, die in einem Begriff mitschwingen, die ihn emotional eingefärbt haben, die sublim oder merklich empfunden werden im Kontext seines Gebrauchs.

Der Begriff des „Junggesellen“ etwa kann als Denotat für eine männliche und unverheiratete Person analytisch beurteilt werden, wohingegen Person A mit dem Junggesellentum ein Gefühl der Freiheit verbindet und Person B mit dem Junggesellentum ein Gefühl der Einsamkeit.
Dadurch unterscheiden sich die beiden Personen nicht darin, als Junggeselle denotiert zu werden, sondern in den jeweiligen individuellen Konnotationen, welche ein jeder mit dem Begriff assoziiert.

Zusammenfassung: Begriffshierarchien

Der Leitfaden des Artikels führte von der Einführung des sprachlichen Zeichens über die hierarchisch-semantische Klassifizierung von Begriffen bis hin zur polysemantischen Repräsentation auf mehreren Bedeutungsebenen. Dadurch ist hoffentlich bewusst oder zumindest klarer geworden, welchen Stellenwert die Fähigkeit des abstrahierenden Denkens für das nachhaltige Lernen hat, nämlich Begriffshierarchien verstehen und Begriffshierarchien anwenden zu lernen.

Es bildet die Bedingung der Möglichkeit, begriffliches Wissen auf mehreren semantischen Ebenen zu repräsentieren und somit aus unterschiedlich-hierarchischen Perspektiven über etwas als etwas zu sprechen. Dadurch wird jenes etwas mit Bedeutungen angereichert, welche verborgen blieben, wenn sie nicht zuvor begrifflich bewusst gemacht worden wären.

Eine weitere, für die Entwicklung begrifflichen Wissens sehr zuträgliche Differenzierung kann zwischen zwei Arten von Begriffen getroffen werden, nämlich den Eigenschaftsbegriffen und den Erklärungsbegriffen. Was es damit auf sich hat, kannst du in meinem Artikel „Was sind Begriffe?“ lesen.

Jan-Benedikt Kersting

Jan-Benedikt Kersting

Freiberuflicher Bildungscoach bei Creactivity-Solutions
Freiberufliche Tätigkeiten erfordern ein Höchstmaß an Flexibilität und Kreativität. Kombiniert mit fachlicher Kompetenz und Organisationsfähigkeit kann ich auch ihr Projekt ins Internet bringen. Oder sind Sie an Sprachkursen in Englisch und Deutsch interessiert? Dann kontaktieren Sie mich bitte über die Emailadresse: kontakt@bildungsadler.de
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