Was sind Begriffe?

Menschliche Sprache gehört zu den effektivsten Kommunikationsformen überhaupt. Durch Begriffe sind wir in der Lage, komplexe Sachverhalte zu beschreiben, Wahrnehmungen kundzutun, Gefühle zur Sprache zu bringen, Meinungen mitzuteilen, Wissen zu vermitteln oder Erklärungen für etwas zu geben. Andere Menschen, die wissen, worauf sich die gebrauchten Begriffe beziehen, sind in der Lage, die Informationen aufzunehmen, zu verarbeiten und darauf sprechend oder handelnd zu (re-)agieren.

Aber was sind Begriffe? Diese Frage erörtere ich in diesem Artikel. Du erfährst, dass es unterschiedliche Begriffsarten mit je eigenen Funktionen gibt, welche Begriffe wann wofür eingesetzt werden und auch wie du dein sprachliches Repertoire erfolgreich erweitern kannst. Wer nämlich über passende Begriffe verfügt, der kann in einer kognitiv anspruchsvollen Art und Weise die Welt und das Selbst begreifen. Die Aneignung bestimmter Begriffe, so kannst du beim Weiterlesen erfahren, ist aufs Engste mit der kognitiven Entwicklung deines Gehirns verbunden.
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Was sind Begriffe?
Es gibt zwei große Arten von Begriffen, die in der Forschungsliteratur unterschieden werden. Die genauere Untersuchung wird zeigen, dass es hochgradig sinnvoll ist, folgende Begriffsarten zu differenzieren:

  1. Eigenschaftsbegriffe
  2. Erklärungsbegriffe

Die meisten Menschen gebrauchen in der alltäglichen Sprache beide Begriffsarten. Je nachdem, worüber wir sprechen, was wir beschreiben oder wie wir etwas erklären wollen, stehen im mentalen Lexikon einer Sprache Begriffe zur Beschreibung oder Erklärung von Dingen, Sachverhalten, Ereignissen, Vorgängen usw. zur Verfügung. Indem über etwas gesprochen wird, versetzen wir Menschen uns selbst und einander in die Lage, uns zu orientieren und das Handeln effektiver zu gestalten.


1. Eigenschaftsbegriffe und Kategorisierung
Ein Merkmal der Sprachen ist es, dass sie dafür gebraucht werden kann, von den Sinneseindrücken zu abstrahieren. Das leisten Kategorisierungen, beispielsweise dergestalt:

„Asterix und Obelix sind Comichelden.“

Mit anderen Worten gesagt, enthält die Menge der Comichelden die Elemente „Asterix“ und „Obelix“.
Voraussetzung für das Kategorisieren ist die so genannte Äquivalenz bzw. Gleichwertigkeit der Elemente, die unter einer Kategorie subsumiert werden. Demnach sind weitere äquivalente Elemente der Menge der Comichelden etwa „Tim“ und „Struppi“, nicht aber „Angela Merkel“.

Dadurch können zwei Bedingungen für Kategorisierungen benannt werden:

  • Abstraktion von den Besonderheiten des Einzelfalls
  • Hervorhebung gemeinsamer Eigenschaften

Es ist von herausragender Bedeutung, dass du diese beiden Bedingungen der Kategorisierung verstanden hast. Ich gebe dir ein weiteres Beispiel, welches das Kategorisieren verdeutlicht. Auch darin kommt es darauf an, eine allgemeine Eigenschaft der genannten Begriffe aufzufinden. Welche Eigenschaft ist den Begriffen „Löwe“, „Tiger“, „Puma“, „Hauskatze“ und, aufgepasst!, „Hund“ gemeinsam?
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Es kann nicht der allgemeinere Begriff „Katzen“ sein, da ja auch der „Hund“ in der Menge der Elemente auftaucht. Ein Begriff aber, der auf alle genannten Tiere zutrifft, ist, dass sie die Eigenschaft haben, „Raubtiere“ zu sein.

Begriffsidentifikation
Sobald du dir das Prinzip der Kategorisierung klar gemacht hast, hast du etwas sehr Hilfreiches gelernt, nämlich dass Eigenschaftsbegriffe dazu geeignet sind, unterschiedliche Unterbegriffe unter allgemeineren Eigenschaften einzuordnen.

Damit ist die Grundlage für weiteres Lernen gelegt. Das geschieht durch die so genannte Begriffsidentifikation. Damit ist die Fähigkeit gemeint, ein Objekt in der Welt als Element einer vorhandenen Kategorie zu erkennen und es darunter einzuordnen. Jemand, der die Kategorie „Raubtiere“ erlernt hat, kann darunter auch einen „Leopard“ oder einen „Hai“ einordnen, wird aber erkennen, dass ein „Schmetterling“ nicht darunter fällt. Optimalerweise kann jemand bei der Begriffsidentifikation sogar diejenigen kritischen Attribute benennen, die charakteristische Eigenschaften von Raubtieren sind. Dazu gehört etwa, dass sie Fleisch fressen oder ihre Gebisse spezielle Zähne zum Reißen der Beute aufweisen.
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Prototypen und Familienähnlichkeit
Sind Kategorien erlernt worden, so sind sie für gewöhnlich durch einen Prototypen repräsentiert. Viele Menschen, die die Kategorie „Raubtiere“ hören, denken sofort an einen Löwen, wobei bei genauerer Betrachtung viele unterschiedliche Erscheinungsformen etwa beim Zeichnen eines Löwen auftreten würden. Davon sehen wir an dieser Stelle aber ab und sagen allgemein: Die Vorstellung eines Löwen ist für viele Menschen der Prototyp der Kategorie „Raubtiere“. Wenn es darum geht, kritische Attribute bzw. solche Eigenschaften zu nennen, die allen Raubtieren eigen sind, werden oft die Eigenschaften des Prototyps beschrieben.

Das reicht für das Alltagsverständnis hin, birgt aber bei genauerer Untersuchung Gefahren.
Ein Beispiel soll das demonstrieren: Wenn typische Eigenschaften der Vertreter der Kategorie „Vögel“ benannt werden sollen, dann ist es korrekt zu sagen, dass alle Vögel Eier legen. Falsch hingegen wäre es zu sagen, dass alle Vögel fliegen können. Es reicht die Existenz einer einzigen Vogelart, die nicht fliegen kann, aus, um das Fliegenkönnen als kritisches Attribut aller Vogelarten zu widerlegen. Und da der Pinguin eine Vogelart ist, die zwar Eier legen aber nicht fliegen kann, haben wir gezeigt, worin die Gefahren prototypischer Beschreibungen für allgemeine Eigenschaftsbegriffe stecken. Bedenke also, nicht voreilig verallgemeinernde Schlüsse aus den Eigenschaften des Prototyps zu ziehen.

Eine Erweiterung der Prototypentheorie stellt Wittgensteins Begriff der Familienähnlichkeit dar. Er beruht auf der Beobachtung, dass es Kategorien wie die der Spiele gibt. Als Spiel werden unterschiedliche Aktivitäten bezeichnet, was Wittgenstein so beschreibt:

„Betrachte z.B. einmal die Vorgänge, die wir ,Spiele’ nennen. Ich meine Brettspiele, Kartenspiele, Ballspiele, Kampfspiele, usw. Was ist allen diesen gemeinsam? – Sag nicht: ,Es muß ihnen etwas gemeinsam sein, sonst hießen sie nicht ,Spiele’’ – sondern SCHAU, ob ihnen etwas gemeinsam ist. – Denn, wenn du sie anschaust, wirst du zwar nicht etwas sehen, was ALLEN gemeinsam wäre. aber du wirst Ähnlichkeiten, Verwandtschaften, sehen, und zwar eine ganze Reihe.“ (Philosophische Untersuchungen)

2. Erklärungsbegriffe
Erklärungsbegriffe unterscheiden sich von Eigenschaftsbegriffen dadurch, dass sie nicht das „Was“ einer Erscheinung beschreiben, sondern das „Warum“ einer Erscheinung erklären.
Das lässt sich einfach anhand des Beispiels einer partiellen oder totalen Mondfinsternis verdeutlichen: Eine Beschreibung vermittels Eigenschaftsbegriffe sieht so aus, dass der Mond als „teilweise oder ganz bedeckt“ beschrieben wird. Die Erklärung dafür bezieht sich dagegen auf die Ursache, nämlich dass der Halbschatten oder Kernschatten der Erde auf den Himmelskörper fällt, sich die Erde also zwischen Sonne und Mond befindet.
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In einer detaillierteren Erklärung wird die Grundidee, dass Erklärungen Aussagen treffen, weiter ausgeführt. Im Beispiel der Mondfinsternis können zwei Arten von Erklärungen gegeben werden, nämlich

  1. über die Bedingungen des Ereignisses: Die Voraussetzung für die Mondfinsternis ist das Verständnis der elliptischen Bahnen, auf denen Himmelskörper unseres Sonnensystems durch Gravitationskräfte bewegt werden
  2. über die Auswirkungen der Erscheinung: Die Folgen der Mondfinsternis zeigen sich etwa im veränderten Verhalten bestimmter Tierarten, etwa von Insekten

Vergleich: Eigenschaftsbegriffe und Erklärungsbegriffe

Eigenschaftsbegriffe beschreiben das, was wahrgenommen oder zugeordnet werden kann. Eine Kategorie versammelt unterschiedliche Phänomene oder Objekte unter einer allgemeineren Eigenschaft, die sinnlich oder abstrakt sein kann. Eine sinnlich basierte Kategorie ist beispielsweise die Menge aller roten Gegenstände, eine abstraktere Kategorie die Menge aller Raubtiere.
Erklärungsbegriffe erklären, warum etwas so erscheint wie es erscheint. Es werden die Ursachen und Folgen einer Erscheinung erklärt. Ein Beispiel dafür haben wir in der Erklärung einer Mondfinsternis gefunden.

Vergleicht man beide Begriffe, so kann erkannt werden, dass sie im Grad ihrer Abstraktheit aufeinander aufbauen. Sinnlich wahrnehmbare Eigenschaften zu beschreiben ist recht konkret, wohingegen es des Verständnisses eines Konzeptes wie desjenigen der Ursache und Wirkung bedarf, um Erklärungsbegriffe gebrauchen zu können. Das ist einer der Gründe dafür, dass in der kognitiven Entwicklung der Menschen Eigenschaftsbegriffe eher erlernt werden als Erklärungsbegriffe.

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Wer das Phänomen eines teilweise bedeckten Mondes beobachtet und beschreibt, wird sich vielleicht auch nach der Ursache fragen und diese dadurch erklärt bekommen, indem Erklärungsbegriffe von jemandem gebraucht werden. Auch der Schulunterricht bzw. deine Schulzeit ist auf diesem Prinzip gegründet. Während in der Grundschule eher das Was – also Eigenschaftsbegriffe – in den Fokus gerückt wird, wird an den weiterführenden Schulen das Warum – also Erklärungsbegriffe – bewusst gemacht.

Jan-Benedikt Kersting

Jan-Benedikt Kersting

Freiberuflicher Bildungscoach bei Creactivity-Solutions
Freiberufliche Tätigkeiten erfordern ein Höchstmaß an Flexibilität und Kreativität. Kombiniert mit fachlicher Kompetenz und Organisationsfähigkeit kann ich auch ihr Projekt ins Internet bringen. Oder sind Sie an Sprachkursen in Englisch und Deutsch interessiert? Dann kontaktieren Sie mich bitte über die Emailadresse: kontakt@bildungsadler.de
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