Ambivalenz des Bildungsbegriffs

Im ersten Teil der kleinen Geschichte der Pädagogik habe ich die Entwicklung der pädagogischen Idee von der Antike bis ins Mittelalter und die Renaissance hinein verfolgt. Daran schließt sich dieser Artikel an, in welchen drei große epochale Veränderungen im 17. und 18. Jahrhundert vorgestellt werden.
Zentral wird dabei sein, eine Ambivalenz, die der Bildungsidee innewohnt, auszuführen, also die Ambivalenz des Bildungsbegriffs: Einerseits soll Bildung innerliche Freiheit ermöglichen, andererseits soll Bildung Fähigkeiten und Fertigkeiten auszubilden helfen, die für den Beruf wichtig sind. Zwischen der individuellen und gesellschaftlichen Dimension eröffnet sich ein Spannungsfeld, das bis in die heutige Zeit hinein reicht und auch dich betrifft.

Ambivalenter Bildungsbegriff

Auf dem Weg zur Moderne
Zusammen mit der Reformation bildet die Renaissance als frühe Neuzeit einen Grenzstein zu vorherigen Bildungsmaßnahmen. Sie sind sozusagen die Voraussetzungen dessen, was manche Historiker als Beginn der Moderne bezeichnen, welchen sie in etwa auf das Jahr 1750 datieren. Im pädagogischen Diskurs zählen zu den Kennzeichen der Moderne:

  • Mensch und Welt sind Produkte eigener Praxis und nicht der Mythologien
  • die Differenzierung zwischen den Klerikern (Glaube) und den Gelehrten (Wissen)
  • die Auffassung, dass Erziehung als Mechanismus der Tradierung von Lebensformen wirke

Dadurch unterscheidet sich die Moderne wesentlich von den noch im Mittelalter üblichen Auffassungen des Menschen, der Erkenntnisfähigkeit des Menschen und der Art und Weise, wie Pädagogik ausgeübt werden solle. Zunehmend ist der Mensch ins Zentrum der Bildung gerückt.

Einen besonderen Beitrag leistete im Vorfeld der Aufklärung ein gelehrter Bischof der böhmischen Brüder namens Comenius. Comenius dachte unter den Rahmenbedingungen des Dreißigjährigen Krieges und mehrerer Europareisen im 17. Jahrhundert über das Verhältnis zwischen Glaube und Wissen nach. Er kam zu der Erkenntnis, dass „Heil und Verlorenheit in der Hand des Menschen“ (2012, 83) liegen würden. Der Mensch ist also dafür verantwortlich, in welch einem Seelenzustand er sich befinde.
Comenius Maxime war die der Pansophie: Ihn interessierte der Gesamtzusammenhang zwischen den Wissenschaften, wodurch der Mensch zugleich zur Gottes- und Welterkenntnis (vgl. ebd.) befähigt werde. Hieran merkt man, dass er eine Zwischenposition einnimmt, sowohl Glauben als auch Wissen zu untersuchen versucht.

Seine Didaktik ist eine durchaus inklusive, denn der Grundsatz „omnes omnia omnino“ bedeutet übersetzt so viel wie: „Alle alles auf alle Weisen lehren“. In der Methodik bedeutet das:

  1. Alle lehren: Es solle keine Selektion aufgrund von sozialen Klassenunterschieden geben
  2. Alles lehren: den Heranwachsenden solle ein je dem jeweiligen Alter angemessenes Weltbild vermittelt werden; die Folge der Weltbilder sei mit den Jahresringen eines Baumes vergleichbar
  3. Auf alle Weisen lehren: Gründliches Lehren, besonders auch Sachwissen kritisch zu überprüfen

Ambivaltenter BildungsbegriffAus diesen drei Axiomen lässt sich ein Vorgehen ableiten, wie ein jeder Mensch gebildet werden könne. Die Lehrer sollen darauf achten,

  • vom Leichten zum Schweren
  • vom Nahen zum Fernen
  • vom Allgemeinen zum Besonderen

vorzugehen. Bis auf den letzten Punkt, der heutzutage eher umgekehrt (induktiv) im Unterricht anzutreffen ist, gelten diese Prinzipien auch für das Vorgehen in heutiger Zeit, so bezüglich größerer Zeiträume wie den Übergang von der Grundschule zu weiterführenden Schulen bzw. von der Unterstufe über die Mittelstufe bis in die Oberstufe hinein und darüber hinaus.

Comelius selbst hat ein Konzept des gestuften Schulwesens entwickelt, das er sich wie folgt vorgestellt hat:

  1. Stufe: Mutterschule (1.-6. Lebensjahr)
  2. Stufe: Muttersprachschule (6.-12. Lebensjahr)
  3. Stufe: Lateinschule (12.-18. Lebensjahr)
  4. Stufe: Universität (18.-24. Lebensjahr)

Aufgrund dieses zeitlich umfassenden Bildungskonzepts gilt Comenius bis heute als „früher Vertreter gesamtschulartiger Prinzipien“ (2012, 84).
Ambivalenter Bildungsbegriff
Vernunft und Verstand
Die Frage, mit welchem Instrument Probleme gelöst werden können, beantworten zwei sehr bedeutende Philosophen mit dem Verweis auf die Vernunft, obgleich sie je unterschiedliche Ansichten haben, wohin vernunftbasierte Erziehung führen solle.
Der erste Philosoph ist der englische Empiriker John Locke. In seinem Hauptwerk stellt er die einflussreiche These auf, dass der menschliche Geist bei der Geburt nicht bereits von angeborenen Ideen bevölkert, sondern eine „tabula rasa“ sei, also wie ein leerer Tisch.
tabula rasa.001
Alles, was Menschen also irgendwann in ihrem Bewusstsein hätten, entstamme der Sinneswahrnehmung. Das ist natürlich ein ganz entscheidender Perspektivenwechsel, was Pädagogik zu leisten habe. Nach Locke sei es wichtig, alle Menschen „vernunftmäßig, leicht, kurz und Erfolg versprechend“ (2012, 84) zu unterrichten. Das wiederum fasst er als fortlaufenden Prozess auf. Heutzutage spricht man, daran angelehnt, vom lebenslangen Lernen. Das Ziel all der Unterrichtung benennt er mit den Begriffen

  • Sittlichkeit
  • Berufstüchtigkeit

Mit Sittlichkeit ist eine innere, mit Berufstüchtigkeit eine äußere Bildung gemeint. Bereits in anderen Artikeln habe ich auf den altgriechischen Begriff „peideia“ hingewiesen, der genau diesen Doppelaspekt in sich trägt. Ein solcher Doppelaspekt kann auch als Ambivalenz bezeichnet werden, die der modernen Erziehung innewohnt. Erziehung ist zugleich Bestandteil der Moderne und eine Reaktion bzw. Gegenwirkung auf die Moderne. Bis heute gibt es einen Widerspruch zwischen den Ideen,

  1. dass Erziehung als Eröffnung eines Fortschrittes gesehen werden kann
  2. dass Erziehung zur sozialen Disziplinierung bzw. zur Sozialisation des Kindes diene.

Wie dieser Spagat möglichst proaktiv gemeistert werden kann, ist eine Frage, die ein Schulsystem zum Einen und jeder Pädagoge zum Anderen immer wieder aufs Neue zu beantworten hat.
Ambivalenter Bildungsbegriff
Der zweite bedeutende Philosoph heißt Immanuel Kant. In seiner Philosophie der Aufklärung hebt er das eigenständige Denken auf das Podest der Bildungsziele. Das Ziel jeglicher Bildung sei der „Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit“ (Was ist Aufklärung?). Die Methode dazu sei das Sapere aude – der Mut also, den eigenen Verstand zu gebrauchen, selbst zu denken.

Allgemein lassen sich zu dieser Zeit einige Grundgedanken extrahieren:

  • Erziehung liege in Menschenhand
  • Erziehung führe in das gesellschaftliche Leben ein
  • Es gebe mit der Vernunft eine Methode der richtigen Erziehung
  • Das Kind werde als Kind gesehen (vgl. Kindheitsartikel)
  • Schule löse sich aus der Vormundschaft der Kirche
  • Es werde eine allgemeine Schulpflicht gefordert, und zwar sowohl unabhängig von einer im Grunde guten oder schlechten Natur des Menschen als auch als Schutz aufgrund einer fortschreitenden wirtschaftspolitischen Handelsentwicklung

Klassische Bildungsideale
Die Epoche der deutschen Klassik bildet eine Blütezeit der Pädagogik. In ihr wurden Bildungsideale, die bis in die heutige Zeit hineinwirken, pädagogisch grundgelegt. Es ist die Zeit der Großen Pädagogen, in der versucht wurde, Dualismen bzw. Gegensätze im Sinne einer gesamtheitlichen Bildung zu überwinden.
Zwei dieser Versuche wurden von Schiller und Schleiermacher unternommen. Schiller hat in seinen „Briefen über die ästhetische Erziehung des Menschen“ (1795) versucht, die Kunst als Vermittlung von Sinnlichkeit und Sittlichkeit herauszustellen. Schleiermacher betont in seinen „Vorlesungen über Pädagogik“ (1820/21 und 1826) das Denken in Gegensätzen: Beispielsweise könne Bildung als universelle oder individuelle Aufgabe aufgefasst werden und basiere auf einem wechselseitigen Verhältnis zwischen den Jüngeren und Älteren.

Ein weiterer großer Pädagoge heißt Humboldt. Nach ihm ist die freie Humboldtuniversität gestaltet. In seiner Grundidee vertritt Humboldt einen Neuhumanismus. Er nimmt Partei für den Menschen und wehrt sich gegen die gesellschaftliche Vereinnahmung. Bildung, so Humboldt, sei der Weg des Individuums zu sich selbst:

„Der wahre Zweck des Menschen […] ist die höchste und proportionierlichste Bildung seiner Kräfte zu einem Ganzen.“ (2012, 94).

Die Prinzipien einer solchen freiheitlichen Bildung sind

  • Individualität
  • Totalität (Bildung der Kräfte anstatt Füllung nur mit Stoffen)
  • Universalität (Holistisches Wissen, das pragmatisch von jedem angewandt werden könne)

Aus den Lehren Humboldts entwickelte sich 1819 die Humboldt-Süvern’schen Schulreform. Sie basiert auf folgenden vier Grundsätzen:

  1. „Vorrang der allgemeinen Menschenbildung vor aller besonderen Berufsausbildung“: Damit ist eine zeitliche Trennung gemeint, die darin besteht, dass zuerst eine allgemeine Bildung und danach erst eine spezifische Berufsbildung erfolgen solle
  2. „Das Schulwesen als horizontal nach Altersstufen gegliedertes Einheitsschulsystem“: Die allgemeine Bildung solle einheitlich in drei Stufen erfolgen: Elementarunterricht, Schulunterricht, Universitätsunterricht – das entspricht der Einteilung in Grundschule, weiterführende Schule und Universität
  3. „Zurückdrängung des staatlichen Einflusses in der Zuständigkeit für Erziehung und Bildung“: Damit gemeint war eine Kritik am Handel treibenden Verwaltungsstaat, wohingegen Bildung nur der individuellen Selbstentfaltung dienen solle
  4. „Kampf gegen die Untertanenmentalität“: Im Sinne Kants führe Bildung sowohl zur individuellen als auch zur politischen Selbstbestimmung

Humboldt formuliert sehr radikale humanistische Prinzipien. Aber: Zumindest Punkt 1 und 2 stellen heutzutage eine Realität in unserem Bildungssystem dar. Auch der dritte Punkt sollte nicht zu eng gefasst werden, wenn man bedenkt, dass Unternehmen beispielsweise versuchen, durch Sponsoring Werbematerialien in die Schulen zu bekommen. Punkt 4 bringt im besten Sinne ein Bildungsideal zum Ausdruck, das für die politische Entwicklung von Demokraten unerlässlich ist, nämlich ein mündiger Bürger mit eigener Meinung und eigenem Wertebewusstsein zu sein, etwa um Mitläuferschaften zu verhindern, wie sie während der NS-Zeit in Deutschland aufgetreten sind. Insgesamt also ist Humboldt auch gegenwärtig sehr modern, seine Überlegungen betreffen den Alltag nicht nur von Schülern, sondern von in einer Demokratie lebenden Menschen überhaupt. Das ist einer der besonderen Fälle, in denen ersichtlich wird, dass Schule und Leben auf vielfältige Weise miteinander verzahnt sind. Das, was du in der Schule lernst bzw. erlebst, ist ein Spiegel unserer Gesellschaft, in der auch du nach deiner Schulzeit vielleicht zu leben und zu wirken gedenkst.

Entwicklungen im Bildungssystem
1. Humboldt-Uni
Mit Humboldt ist ein sehr wichtiger Vertreter der großen Pädagogen vorgestellt worden. Er ist Namensgeber auch für die im Jahre 1809 gegründeten Berliner Humboldt-Universität. Die Ideale der Humboldt-Universität sind, dass Wissenschaft als System unabhängigen Denkens aufgefasst wird, dass dem eigenen Denken Autorität zugesprochen wird, dass alle Teilnehmer an einem Diskurs gleichberechtigt sind. Die Praxis rückt eher in den Hintergrund, im Vordergrund steht das Prinzip der Freiheit. Es wird eine Einheit von Forschung und Lehre angestrebt und sich für eine relative Unabhängigkeit vom Staat eingesetzt. Alles in allem sind also Bezüge zu dem, was du weiter oben über Humboldt gelesen hast, erkennbar.

Das Gymnasium
Das Gymnasium ist eine bürgerliche Institution, die sich im 19. Jahrhundert aus den Lateinschulen heraus entwickelt hat. Es entwickelt sich das Konzept der Sekundarstufe, und damit zusammenhängend ein verpflichtender Lehrplan (erlassen 1837). Darin werden Sprach- und Mathematikunterricht genauso festgelegt wie Ästhetischer und naturwissenschaftlicher Unterricht. Heutzutage gibt es derartige Fächer auch an Real- und Hauptschulen.
Wer zur damaligen Zeit Gymnasiallehrer werden wollte, der hatte ein „examen pro facultate docendi“ abzulegen, eine Fachprüfung ohne – und das ist das Besondere: pädagogischen Teil. Die Grundidee des Gymnasiums kann zusammengefasst werden in dem Grundsatz, dass Leistung statt Adelsprivileg gefördert wurde.

Realschule
Die Realschule galt in der Geschichte als Institution mit einer kaufmännisch-gewerblichen Ausrichtung. Der Abschluss ermöglichte traditionell die Möglichkeit zu einer mittleren Beamtenlaufbahn. Ein Problem der heutigen Zeit ist, dass das Profil der Realschule nicht selten zwischen Mini-Gymnasium und gehobener Hauptschule schwanke.

Besonders der Vergleich zwischen den traditionellen Ausrichtungen von Gymnasien und Realschulen wird die nun bereits öfters erwähnte Ambivalenz der Bildung zwischen innerer und äußerer Bildung deutlich.

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Gudjons, H. (2012): Pädagogische Grundlagen.
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Jan-Benedikt Kersting

Jan-Benedikt Kersting

Freiberuflicher Bildungscoach bei Creactivity-Solutions
Freiberufliche Tätigkeiten erfordern ein Höchstmaß an Flexibilität und Kreativität. Kombiniert mit fachlicher Kompetenz und Organisationsfähigkeit kann ich auch ihr Projekt ins Internet bringen. Oder sind Sie an Sprachkursen in Englisch und Deutsch interessiert? Dann kontaktieren Sie mich bitte über die Emailadresse: kontakt@bildungsadler.de
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